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23. April 2012

Im Paralleluniversum

Im Haushalt der Familie Rahm ist alles doppelt: zwei Telefonanschlüsse, zwei Schrankwände, zwei Frauen und zwei Männer. Die Zwillinge Hans und Peter Rahm leben gemeinsam mit ihren Zwillingsgattinnen Doris und Heidi unter einem Dach.

Ein Wohnzimmer – zwei Paare. Von der Couch gab es leider keine Eckausführung. Deswegen kauften die vier Rahms zwei Sessel im selben Design, so können Peter und Heidi, Doris und Hans (von links) zusammensitzen.

Kleider, Hobbys, Wohnung: Wie viel teil(t)en Sie als Zwillinge im Leben? Verraten Sie uns Ihre speziellen Zeichen von Zusammenhalt oder Gemeinsamkeiten mit Angabe von Name und Wohnort per E-Mail . Ihre Statements werden hier veröffentlicht. Wenn es anonym bleiben soll, können Sie sich auch unten mit einem Kommentar an der Diskussion beteiligen.

Realität oder Trugbild? Wenn Heidi, Peter, Hans und Doris Rahm (von links) unterwegs sind, reiben sich die Leute verwundert die Augen.
Realität oder Trugbild? Wenn Heidi, Peter, Hans und Doris Rahm (von links) unterwegs sind, reiben sich die Leute verwundert die Augen.

Auf dem Klingelschild steht «Doris und Hans Rahm, Heidi und Peter Rahm». Doris (47) öffnet die Tür. Blonde Haare, blaue Augen, gestreifte Bluse, langer Rock, sympathisches Lächeln. Und dann sieht man Doppelbilder. Von Doris gibt es nämlich zwei. Blonde Haare, blaue Augen, gestreifte Bluse, langer Rock, sympathisches Lächeln. Die zweite Doris heisst Heidi. Die Frauen sind eineiige Zwillinge. Ihre ebenfalls eineiigen Zwillingsmänner Hans und Peter (56) kommen hinzu. Zwei Mal 1,93 Meter, Schnauzbärte, karierte Hemden, gleiche Brillengestelle. Die Verwirrung ist perfekt. Die vier grinsen. Sie wissen, wie sie auf Fremde wirken. Manchmal bleiben die Leute auf der Strasse stehen und gaffen. «Dann drehen wir uns um und versuchen herauszufinden, was genau so spannend ist», sagt Peter Rahm. «Um dann festzustellen, dass wir die eigentliche Attraktion sind», vollendet Hans den Satz.

Wir merken, wenn es dem oder der anderen nicht gut geht.

Die Ähnlichkeit zwischen den erwachsenen Zwillingspaaren ist verblüffend. Man kennt diesen «Doppelten-Lottchen-Effekt» sonst nur von Zwillingskindern. Im Lauf der Zeit entwickeln sich die Geschwister dann meist in unterschiedliche Richtungen. «Viele Zwillingseltern wünschen sich, dass ihre Kinder als Individuen wahrgenommen werden», sagt Heidi Rahm. In vielen Fällen macht auch noch das Umfeld Druck. Die Konsequenz: Die Kinder müssen unterschiedliche Kleidung tragen, werden in Parallelklassen unterrichtet und sollen nach Möglichkeit unterschiedlichen Hobbys nachgehen. «Würde man aber die Zwillinge nach ihrer Meinung fragen, würden sich viele gegen diese künstliche Trennung entscheiden», glaubt die Zwillingsfrau. Bei Doris und Heidi beziehungsweise bei Hans und Peter war das anders. Die Eltern akzeptierten jeweils ihren Wunsch nach Gleichheit.

Die Doppel-Rahms leben gemeinsam in einer grosszügigen 5½-Zimmer-Maisonettewohnung.
Die Doppel-Rahms leben gemeinsam in einer grosszügigen 5½-Zimmer-Maisonettewohnung.

Die Sache mit den Kleidern ist übrigens keine Masche, um Drittpersonen zu beeindrucken. Das Rahm-Kleeblatt, wie es sich selber nennt, spricht sich jeden Tag ab. Und auch jede Nacht. Die Männer tragen die gleichen Gürtel, die gleichen Hausschuhe, die gleiche Unterwäsche. Die Frauen pflegen ihren Partnerlook ebenfalls. Sie gehen ausserdem gemeinsam zum Coiffeur, fahren die gleichen Autos, haben identische Handymodelle. «Das ist unsere Art zu leben, und nur so fühlen wir uns wohl», sagt Doris Rahm.

Ein blauer Fingernagel stört die Harmonie

Im ersten Moment sehen die Zwillingspaare absolut identisch aus. Doch mit der Zeit fallen einem kleine Unterschiede auf: Doris hat im Gegensatz zu Heidi eine winzige Zahnlücke, und Peter ist ein klein wenig grösser als sein Bruder. Ausserdem hat Hans gerade einen blauen Fingernagel. Das ist beim Arbeiten passiert. Ein unachtsamer Moment — und der Nagel war gequetscht. Peter betrachtet die Hand seines Zwillings: «Um ehrlich zu sein: Mich irritiert diese Blessur.» Er sei daran gewöhnt, dass er und sein Bruder gleich aussehen. Und nun dieser winzige Unterschied. Abgesehen davon gefällt ihm der Gedanke, dass sein Zwilling Schmerzen erleiden musste, gar nicht. Das unsichtbare Band zwischen den eineiigen Geschwistern ist stark. «Wir merken jeweils, wenn es der oder dem anderen nicht gut geht.»

Die doppelte Schrankwand ist nicht nur gleich dekoriert, sie ist auch im Inneren identisch bestückt.
Die doppelte Schrankwand ist nicht nur gleich dekoriert, sie ist auch im Inneren identisch bestückt.

Eineiige Zwillinge sind keine Seltenheit. Weltweit kommen statistisch gesehen bei jeder 250. Geburt Geschwister mit identischem Erbgut zur Welt. Dass eineiige Zwillinge ihr Leben auch im Erwachsenenalter gemeinsam gestalten, ist nicht die Regel, aber es kommt vor. Wenn aber Zwillinge Zwillinge heiraten und in eine gemeinsame Wohnung ziehen, dann ist das bemerkenswert. Die Doppel-Rahms leben in einer grosszügigen 5½-Zimmer-Maisonettewohnung im Zentrum von Pfäffikon ZH. Im Eingangsbereich stehen zwei identische Regale. Das ist so weit nicht ungewöhnlich. Auf den Tablaren befinden sich allerdings exakt die gleichen Gegenstände: rechts eine Glasschale, links die gleiche Glasschale, rechts eine grosse Porzellanpuppe, links die Porzellanpuppenzwillingsschwester. Rechts ein Glücksschwein, links sein Klon und so weiter. So etwas gibt es vermutlich in keinem anderen Schweizer Haushalt. «Da wir den gleichen Geschmack haben, kaufen wir immer alles doppelt», sagt Heidi Rahm. «Oder wir bekommen gleich zwei Exemplare von einer Sache geschenkt.» In der Wohnung ist so gut wie alles zweifach vorhanden. Sogar die riesige Schrankwand in der Stube wurde doppelt angeschafft. Selbstverständlich gibt es auch dort wieder eine identische Ausstattung. Und in den beiden Schlafzimmern, die identisch möbliert sind, sind die Betten gleich bezogen. Spätestens jetzt hat man das Gefühl, in einem Paralleluniversum gelandet zu sein.

Die Rahms sind seit 26 Jahren zusammen

Auf einem Beistelltisch im Wohnzimmer stehen zwei Telefone nebeneinander. Gleiches Modell, gleicher Klingelton. Läutet es rechts, will jemand Heidi oder Peter Rahm sprechen. Klingelt es links, dann ist es für Doris oder Hans Rahm. So viel zur Theorie. In der Praxis nimmt derjenige das Gespräch an, der gerade da ist. Es ist nicht weiter schlimm, wenn man versehentlich den vermeintlich falschen Gesprächspartner erwischt. Die Rahms teilen ihr Leben nämlich bis ins Detail.

«Für einen Zwilling ist der andere Zwilling die Hauptperson im Leben», sagt Heidi. Das, so ergänzt Doris, müsse ein Partner verstehen und akzeptieren. Aus diesem Grund hatten die Frauen immer gehofft, eines Tages Zwillingsmänner kennenzulernen. Ihr Wunsch ging vor 26 Jahren in Erfüllung. Trudy und Willi Rahm, Gründer des Schweizer Zwillingsvereins und Eltern von Hans und Peter, priesen die Vorzüge ihrer Söhne auf einem Zwillingstreffen an. Die Neugier der jungen Frauen, die aus der Nähe von Winterthur stammen und ebenfalls an dieser Zusammenkunft teilnahmen, war geweckt. Als die beiden die Zürcher Oberländer kennenlernten, war es um sie geschehen. Offensichtlich ging es den Männern ebenso. Wie die Geschichte weitergeht, ist bekannt.

Für einen Zwilling ist der andere Zwilling die Hauptperson im Leben.

Wenn Peter und Hans morgens zur Arbeit fahren — beide arbeiten in der Lebensmittelproduktion eines grossen Unternehmens —, machen sich die Frauen ebenfalls auf den Weg, beide arbeiten als Verkäuferinnen. Abends treffen sich die vier wieder in ihrem Zuhause, um gemeinsam zu kochen. Dass die Ehepaare auch in kulinarischen Fragen einig sind, versteht sich von selbst. Alle vier mögen es währschaft. «Nur, wenn die Männer Leberli essen, steigen wir aus», sagt Doris und lacht.

In der Wohnung ist so gut wie alles zweifach vorhanden.
In der Wohnung ist so gut wie alles zweifach vorhanden.

Die vier sitzen sich an ihrem Esstisch gegenüber. Die Zwillinge spiegeln einander unbewusst. Hans hat die Finger anders verschränkt als Peter. Und Doris schlägt das rechte Bein über das linke, während ihre Schwester das linke über das rechte schlägt. Heidi und Peter, da könnte einem Johanna Spyri in den Sinn kommen. Die vier runzeln die Stirn. Wenn man so lebt wie Rahms, wird man leicht zur Zielscheibe. Einmal schrieb ein Journalist, die Rahm-Zwillinge würden wie zwei Paar Wiener Würstchen zusammengehören. Das hat die Familie verletzt. «Wir wollen nicht, dass man sich über uns lustig macht», sagt Hans Rahm. «Wir sind nun einmal dann glücklich, wenn wir zusammen sein können.» Die Rahms sind keine Traumtänzer. Sie wissen, dass ihre Viersamkeit nicht ewig währen kann. «Wir denken aber nicht an Krankheiten oder den Tod», sagt Heidi Rahm. Ob das Leben ohne den Zwilling oder ohne den Partner noch lebenswert wäre, wisse sie nicht. «Solche Sachen bleiben bei uns vor der Tür», sagt ihre Schwester. Und dann lächeln sich alle vier zu.

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Paolo Dutto