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14. November 2016

Al Andalus: Im Palast auf Schienen

Spanien ist auch ein Eisenbahnland. Ein Erlebnis der besonderen Art bietet der Luxuszug Al Andalus. Die Fahrt durch den Süden des Landes ist nostalgische Zeitreise und kontrastreiche Stadt-Land-Tour zugleich.

Plaza de España in Sevilla: Die Hauptstadt von Andalusien besticht durch theatralische Kulissen.
Plaza de España in Sevilla: Die Hauptstadt von Andalusien besticht durch theatralische Kulissen.

Wer Stunden zuvor noch in Socken in der Schlange stand, seine wertvollen Habseligkeiten in einer Plastikwanne vor sich hertrug, um danach in einem heruntergekühlten Raum durch die Luft zu fliegen, für den ist diese Ankunft von besonderem Zauber. Es ist, als wäre man, sanft ausgebremst, auf weichem Samt gelandet. Tatsächlich aber steht man auf dem Marmorboden der Empfangshalle im Hotel Alfonso XIII. in Sevilla. Das legendäre Hotel ist der Ausgangspunkt für eine Reise zurück in eine Zeit des Glamours – in die Zeit der Belle-Époque-Luxuszüge.

Mit dem Zug Al Andalus werden wir sieben Tage lang durch Andalusien gleiten, manchmal wird er auch ein wenig rattern und immer wieder in den Bahnhöfen stehen und bestaunt werden: Der Luxuszug der spanischen Bahngesellschaft Renfe stammt aus der glanzvollen Zeit des Zugfahrens, aus den 1920er-Jahren, und braucht den Vergleich mit dem bekannteren Orient-Express nicht zu scheuen.

Eine monarchistische Aura umgibt die Samtvorhänge, und das liegt vor allem daran, dass die Züge einst das bevorzugte Fortbewegungsmittel der britischen Königsfamilie in Südfrankreich waren. Auch vier Waggons des «Andalus» stammen aus dieser Serie. Selbstverständlich sind die Salon- und Schlafwagen längst mit dem Komfort des 21. Jahrhunderts ausgestattet – das Flair der Belle Époque hat den Modernisierungsschub glücklicherweise schadlos überstanden.

Der Luxuszug Al Andalus ist startklar: Die Argentinierin Claudia beim Boarding.

Der Luxuszug Al Andalus ist startklar: Die Argentinierin Claudia beim Boarding.

Bevor die Reise beginnt, gilt es, die Mitreisenden kennenzulernen. Beim Aperitiv im «Alfonso XIII.» versammelt sich eine Gruppe von Menschen, deren erste Gemeinsamkeit darin bestehen muss, dass sie gut situiert sind oder auf diese Reise hingespart haben (Kosten: siehe Spalte rechts). Augenfällige zweite Gemeinsamkeit dieser Interrail-Deluxe-Gruppe: Die Gäste sind über 40 Jahre alt. Franzosen, Engländer natürlich, Deutsche und Schweizer in der Minderheit (wohl nur auf dieser Tour), überraschend viele Argentinier und zwei Kolumbianerinnen. Schnell bilden sich Sprachgruppen und die eine oder andere Interessengruppe. Sich allein fühlen wird man auf dieser Reise nie. Eine gewisse Nähe entsteht schon aufgrund der räumlichen Begebenheiten des Zugs.

Nostalgiereise mit Tempo 50

Es gibt hundert gute Gründe, in Sevilla zu bleiben. Dazu zählt natürlich die geschichtsschwere Pracht dieser Stadt im Süden von Spanien mit ihrer gotischen Kathedrale, der Plaza de España, den wunderbaren Gärten, dem jüdischen Viertel, den arabischen Bauwerken. Dazu gehört vor allem aber das, was den Resteuropäern bis heute typisch spanisch vorkommt: der Stolz und die verspielte Theatralik, die hier viele Menschen zur Schau tragen, ihre ungekünstelte Herzlichkeit, die Entspanntheit, die diese eigentlich laute Stadt so angenehm macht.

Doch auf Gleis 5 im Bahnhof Santa Justa ist die Nos­talgie eingefahren – in Form von Waggons in Bordeaux-Beige. Der Luxuszug ist nicht zu übersehen zwischen den schnittigen Hochgeschwindigkeitszügen. Pünktlich um 19.22 Uhr verlässt «Al Andalus» langsam und sanft ruckelnd die andalusische Hauptstadt – als müsste er seinen Weg noch finden. «Schnell» ist auf dieser Reise keine Kategorie der Bewegung; meist bummelt «Al Andalus» mit einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde auf den Schienen.

Suite im «Al Andalus

Auch an andere Kontraste muss man sich gewöhnen: draussen Wohnsiedlungen, hie und da eine Bausünde und Industrie, drinnen der Plüsch und die Annehmlichkeiten einer auf Glanz polierten Epoche. Die Zugfenster mit den roten Vorhängen wirken wie Bilderrahmen. Das grüne Samtsofa, auf dem wir entspannt in der zwölf Quadratmeter grossen Kabine sitzen, wird später von flinken Händen in ein angenehmes Ruhelager verwandelt. Gediegenes Reisen: Suite im «Andalus».

Während der Zug Fahrt aufnimmt in Richtung Westen, passt die Aussenwelt nach und nach besser zur Innenwelt des Zugs. Weite ockergelbe Landschaften wechseln sich mit grünen Olivenhainen ab, dazwischen leuchten die weissen Mauern einer herrschaftlichen Finca. Die Sonne, die mit Andalusien so verbunden zu sein scheint wie der Flamenco, verschwindet hinter einer Anhöhe, und prompt prasseln die ersten Regentropfen gegen das Fenster.

Wie angenehm ist es hier drinnen, wo sich die ersten Gäste im Salonwagen zum Apéro einfinden oder lesend in der Sofalandschaft sitzen, bevor es zum Dinner geht. Ein Ritual, das sich jeden Abend ab 19 Uhr wiederholen wird. Und auch auch der Morgen hat seine Zeremonie: das Wecken der Gäste mit dem Glöckchen, das ein Angestellter durch die Gänge trägt und wie der Nikolaus auf Weihnachtsmärkten klingeln lässt.

Den Rhythmus des Tages bestimmt weniger das Zugfahren als vielmehr die Besichtigung der Städte, in denen wir haltmachen. Erstaunlich, wie schnell man sich an die Mitreisenden und deren Eigensinn gewöhnt. Dass die Sprachgruppen nicht auseinanderfallen, liegt auch an der zuvorkommenden und zugleich lockeren Crew, vor allem aber an Cristina, unserer Reisebegleiterin. Egal, ob sie Englisch, Deutsch oder Französisch spricht, es klingt in allen Ohren immer irgendwie gleich. Das Schmunzeln bei ihren Durchsagen hat nichts Abschätziges, es ist vielmehr (völker-)verbindend.

Während das Innenleben des Zugs immer vertrauter wird, prägt Abwechslung die Kulisse. Am Ende dieser Woche wird es schwer zu sagen sein, welche denn die schönste war: Jerez, die Stadt des Sherrys mit ihrem gekachelten Bahnhof, der an den maurischen Stil und an die grandiose Spanische Hofreitschule erinnert? Cádiz, die Stadt an der Costa de la Luz, deren Licht selbst in den Mittagsstunden nichts Grelles, sondern etwas wahrhaft Leuchtendes hat? Granada mit der atemberaubenden Architektur der Alhambra, die wohl noch in 100 Jahren das meistbesuchte Monument in Spanien sein wird? Oder die Stadt Ronda im andalusischen Hinterland, die auf Felsen gebaut ist und schon den deutschen Dichter Rainer Maria Rilke bezauberte? Oder doch Córdoba mit der Kathedrale, in deren Innerem sich eine riesige Moschee mit 856 Säulen befindet, die das Licht in immer neuen Bahnen brechen?

Ein Garten Eden der Botanik

Im Wettbewerb der Eindrücke ganz oben steht nicht zuletzt die Landschaft: Andalusien ist der Olivenhain von Spanien, aber auch ein botanischer Garten Eden, verteilt auf ein grossflächiges Gebiet. Es scheint weit wie der Horizont, erdige Farbtöne verströmen einen Hauch von Prärie. «Las calles se confunden con el cielo» (die Strassen verlaufen sich im Himmel) singt die spanische Sängerin Rosana. Ein für diese Gegend passendes Lied. Es muss wunderbar sein, diese Region mit dem Pferd zu durchqueren. Für alle anderen ist der Zug eine luxuriöse Alternative.

Aussicht auf die von Olivenhainen geprägte Landschaft.

Aussicht auf die von Olivenhainen geprägte Landschaft.

Obwohl es im Lauf der Woche bei den Mitreisenden manchmal tönt wie auf einer Klassenfahrt. Für den schwergewichtigen Schotten John sind die Betten «zu klein», das argentinische Unternehmerpaar beklagt, «dass wir zu oft Bus fahren» und der Zug tagsüber viele Stunden am Bahnhof stehe. Nur für Marie-Jo, eine wunderbar exaltierte, französische Gourmetjournalistin, ist alles «excellent» – immerhin war Madame in den besten Herbergen auf der ganzen Welt unterwegs.

Verena und Peter aus der Nähe von Solothurn geben den Beweis der schweizerischen Genügsamkeit: Obwohl sie sich als weitgereiste Zugfahrer zu erkennen geben (zuletzt waren sie mit der «Transsibirischen» unterwegs), wollen sie sich über nichts beklagen – allenfalls darüber, «dass der Zug immer nur kurze Strecken zurücklegt», sagt Peter und vertieft sich wieder in seine Reisekarte.

Sanft in den Schlaf gewiegt

Wie auf einer Kreuzfahrt stellt sich bei den meisten Zugreisenden auch hier die Kalorienfrage. Henar, die Kellnerin, sagt, bereits am zweiten Tag verliere sie das erste Kilo. Der Zug ist in dieser Komposition 600 Meter lang; sie und ihre Kollegen gehen täglich zehn Kilometer auf und ab. Bei den Passagieren verhält es sich genau umgekehrt: Kalorienverbrennung und -aufnahme stehen in einem ungünstigen Verhältnis. Auf das Frühstück, das einem Hotelbuffet in nichts nachsteht, folgen ein ausgiebiges Mittagessen in der jeweiligen Stadt und ein Drei-Gang-Dinner im Zug. Es ist beeindruckend, was die Kochcrew jeden Abend auf die weissgedeckten Tische zaubert. Gekocht wird aus den Zutaten, die Händler aus der Umgebung frisch liefern.

Aber leben wir letztlich nicht in einer Zeit, in der der wahre Luxus in der Begegnung mit Menschen liegt? In ihrer Freundlichkeit, in ihrer Echtheit? In dieser Hinsicht bietet diese Rundreise vieles. An Bord sind es die rund 15 Mitarbeiter, die schnell zu Vertrauten werden und abends mit den Gästen auch mal ausgelassen Flamenco tanzen. Und natürlich die Andalusier generell, die verdientermassen den Ruf als freundlichstes und lebenslustigstes Volk in Spanien erworben haben. Hier ein Scherz, dort eine hilfreiche Geste – ein Fremder ist man nicht lange oder als solcher zumindest gern gesehen.

Von einem Erlebnis können wir allerdings nicht genug kriegen, selbst wenn es auf dieser Reise ein seltenes ist: vom sanften Schaukeln des Zugs in den Schlaf gewiegt zu werden, um am anderen Morgen das Rollo am Zugfenster nach oben zu schieben und in das Morgenlicht einer anderen Stadt zu blinzeln. Wie im Traum zu reisen und den ersten Blick des Tages über die Gleise hinweg auf die schneebedeckten Berge von Granada zu werfen. Das ist ein wahrhaft exklusives Erlebnis. 

Die Recherche dieser Reise wurde unterstützt vom Spanischen Fremdenverkehrsamt in Zürich.

Autor: Susanna Heim

Fotograf: Susanna Heim