Archiv
23. Juli 2012

Im Netz der Erinnerung

Unser Gedächtnis besteht aus Milliarden von Nervenzellen mit unzähligen Verbindungen und beschäftigt Forscher seit Jahrhunderten. Noch sind viele Prozesse ungeklärt, doch einige Erkenntnisse liegen vor.

Das Geheimnis der Erinnerung
Erinnerungen sind netzwerkartig gespeichert. (Bild: Fotex/R. Zorin/Ausschnitt)

Die ehemalige Arbeitskollegin hatte schwarze Haare, ein markantes Kinn und eine tiefe Stimme – aber an ihren Namen können Sie sich beim besten Willen nicht erinnern. Hat Sie das Gedächtnis mit seinen 100 Milliarden Nervenzellen nun tatsächlich im Stich gelassen? Oder anders gefragt: Weshalb erinnern wir uns an gewisse Informationen und vergessen andere innert Sekundenfrist?

Kurzzeitgedächtnis

Tagtäglich sind unsere Sinnesorgane mit einer gigantischen Flut an Reizen konfrontiert: Ziffern, Worte, Gerüche, Berührungen, Töne, Bilder prasseln unaufhörlich auf uns ein. Unser Ultra-Kurzzeitgedächtnis (auch: sensorisches Gedächtnis) nimmt die meisten dieser Informationseinheiten zwar wahr und hält sie für Sekunden-Bruchteile fest (damit wir beispielsweise einem Gespräch folgen können), gibt aber nur weiter, was uns bewusst oder unbewusst als wichtig erscheint. Im Kurzzeitgedächtnis werden die Informationen dann mittels Stimulation bestimmter Nervenzellen (Neuronen) aktiv und zur weiteren Verarbeitung verfügbar gehalten. Möchte man sich etwas über 20 bis 45 Minuten merken, kommt das Langzeitgedächtnis ins Spiel, das – im Gegensatz zum Kurzzeitgedächtnis – vermutlich beinahe unbegrenzte Kapazitäten aufweist.

Langzeitgedächtnis

Der Übergang einer Information vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis ist fliessend. Forscher widerlegten bereits vor Jahrzehnten, dass eine abrufbare Information an eine bestimmte Nervenzelle gekoppelt ist. Das Geheimnis der Erinnerung liegt vielmehr in der Anzahl der stimulierten Nervenzellen und ihren Verbindungen (Synapsen): Man geht davon aus, dass das Gehirn bestimmte Informationen, die zu einer Erinnerung gehören, in verschiedenen Nervenzellen speichert und diese miteinander verknüpft. Je mehr Neuronen an einem solchen Muster beteiligt sind, umso stärker ist das Reizsignal, und je häufiger eine Erinnerung abgerufen oder eine Erfahrung wiederholt wird, desto stärker wird die Verbindung zwischen den beteiligten Nervenzellen. Wird das Muster schlussendlich zu einer gefestigten Hirnstruktur, befindet sich die Erinnerung im Langzeitgedächtnis, wo sie schneller aufgerufen werden kann, weil dessen Verarbeitungsprozesse auf routinierten Abläufen beruhen.

Speicherinhalte

Das Langzeitgedächtnis lässt sich in verschiedene Kategorien gliedern. Eine bekannte Unterteilung ist diejenige nach Speicherinhalten: Fähigkeiten, die unbewusst (ohne Nachdenken) eingesetzt werden können – beispielsweise Schwimmen oder Fahrradfahren – sind im impliziten Gedächtnis (auch prozedurales Gedächtnis genannt) gespeichert. Für bewusste Erinnerungen ist das deklarative Gedächtnis (auch explizites Gedächtnis genannt) zuständig: Dabei werden Ereignisse im episodischen Gedächtnis gespeichert, und falls Sie morgen noch nicht alle Fakten über unser Erinnerungsvermögen vergessen haben, ist Ihr semantisches Gedächtnis aktiv.

Autor: Nicole Demarmels