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08. Mai 2017

Im Namen des Herrn

Die meisten Frauen nehmen bei der Heirat noch immer den Namen des Mannes an, obwohl sie bei der Namenswahl gleichberechtigt sind. Traditionelles Denken ist einer der Gründe für diese Entscheidung. Guido Mingels ist eine Ausnahme, er trägt den Nachnamen seiner Frau.

Braut und Bräutigam unterschreiben auf dem Standesamt
Brautpaare können seit Januar 2013 wählen, welchen Nachnamen sie und die Kinder tragen werden.

Es ging durchaus um Gleichberechtigung, als die Schweiz sich ein neues ­Namensrecht gab: Seit dem 1. Januar 2013 können bei einer Eheschliessung beide Partner den Nachnamen ­behalten. Doppelnamen ohne Bindestrich gibt es nicht mehr. Die Crux: Behalten beide Eheleute den Namen, muss für zukünftige Kinder ein Familienname definiert werden, der mit einem Elternteil nicht übereinstimmt.

Die Statistik zeigt nun: Noch immer nehmen 73 Prozent der Frauen bei der Heirat den Namen des Mannes an. Die «NZZ am Sonntag» hat nachgefragt und herausgefunden: Viele Frauen möchten aus praktischen Gründen nicht, dass die Kinder anders heissen als ein Elternteil. Auch die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello (64) sagt: «Diese Frauen befürchten wohl einen Namenswirrwarr.» Sie glaubt aber auch, dass die eine oder andere Braut aus Liebe zum Partner eine Diskussion vermeidet und sich lieber der Tradition beugt.

Ebenfalls erstaunlich: Nur zwei Prozent der Männer nehmen den Namen der Ehefrau an, obwohl das seit 1988 möglich ist. Markus Theunert (44) vom Dachverband Männer.ch findet diese Zahl «bedenklich, aber nicht überraschend». Es zeige, wie patriarchalisch das Denken von Männern und Frauen noch immer sei. Perrig-Chiello vermutet ausserdem, dass sich ein Mann verdächtig mache, wenn er das alte Vorrecht der Namensgebung abgebe, das werde als wenig männlich angeschaut. «Damit wird einer schnell zum Aussenseiter.» Sie ist aber überzeugt, dass sich das ändern wird: «Es braucht wohl noch etwas Zeit.»

«Ich musste den Antrag auf Namensänderung begründen, wie ein Dienstverweigerer»

Guido Mingels (46) ist stellvertretender Ressortleiter beim Magazin «Der Spiegel». Er wuchs in Dagmersellen LU auf und lebt heute in Hamburg.
Guido Mingels (46) ist stellvertretender Ressortleiter beim Magazin «Der Spiegel». Er wuchs in Dagmersellen LU auf und lebt heute in Hamburg. (Bild zVg)

Guido Mingels (46) ist stellvertretender Ressortleiter beim Magazin «Der Spiegel». Er wuchs in Dagmersellen LU auf und lebt heute in Hamburg.(Bild zVg)

Sie haben vor 15 Jahren Annette Mingels geheiratet und ihren Nachnamen angenommen. Warum?

Als wir beschlossen zu heiraten, war klar, dass wir einen einzigen und den gleichen Namen tragen würden. Meine Frau wollte nicht so gern Egli heissen. Ich fand Mingels auch schöner. Also entschieden wir uns dafür.

Ein schneller Entscheid?

Wir mussten schon einen Moment lang darüber nachdenken. Für meine Frau, die aus Köln stammt, hätte sich ein typischer Schweizer Name seltsam angefühlt, was ich auch verstand. Wäre ich mit einer Asiatin verheiratet, wäre ich wohl auch lieber Guido Egli statt, sagen wir, Guido Li.

War es von Ihrer Seite auch ein Bekenntnis zur Gleichberechtigung?

Es ging mir nicht um ein Statement. Aber ich sehe es so, dass bei einer Heirat zwei Namen gleichwertig zur Verfügung stehen. Eigentlich war unsere Wahl ja konservativ, da wir nicht beide den eigenen Namen behielten, wie es in meinem Umfeld der Normalfall ist. Wir wollten aber, dass die Kinder gleich heissen wie beide Elternteile. Dieses Zusammegehörigkeitsgefühl ist mir wichtig.

Wie viel Bürokratie entstand durch die Namensänderung?

Wenig. Aber ich musste einen Antrag auf Namensänderung stellen und diesen begründen, etwa wie ein Militärdienstverweigerer. Ich schrieb den ironisch gemeinten Satz hin: «LiebeR AdressatIn. Ich, Guido Egli, möchte mich meiner Ehefrau unterwerfen und künftig Guido Mingels heissen, weil ich dies im Sinne der Gleichberechtigung von Frau und Mann für geboten halte.» Das wurde akzeptiert.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Lustigerweise dachte ich, es sei für meine Familie kein Problem. Meine Frau war skeptischer, und sie bekam recht: Mein Vater zeigte ein wenig Kummer, wenn auch eher nonverbal. Meine drei Schwestern haben die Namen der Ehemänner als Familiennamen angenommen, und mein Bruder hat keine Kinder, so dass der Dagmerseller Stamm des Karl und der Maria Egli nicht unter dem Namen Egli weitergeführt wird. Richtig aufgeregt hat sich niemand, eher war ein unausgesprochenes Erstaunen oder Unverständnis zu spüren. Beim Klassentreffen kam unterschwellig die Botschaft, dass man das also nicht machen würde – aber mehr von Frauen als von Männern.

Wie hat sich der neue Name nach der Heirat angefühlt?

Sperrig. Besonders beim Unterschreiben, das merke ich sogar heute noch manchmal. Und am Telefon habe ich mich zunächst gedrückt, indem ich mich nur mit «Hallo» oder «Ja?» meldete. Für Frauen war ja dieses Umgewöhnen lange selbstverständlich.

Können Sie sich vorstellen, den Namen Mingels wieder abzugeben?

Nein. Nicht nur, weil ich mich nicht von meiner Frau trennen will. Selbst wenn ich ein zweites Mal heiraten müsste – was ich nicht hoffe –, würde mich ein zweiter Namenswechsel wohl überfordern. Man bindet doch ein grosses Stück seiner Identität an seinen Namen.

Trauern Sie manchmal dem Herrn Egli von damals nach?

Es gibt einzelne schwache Momente. Im Sommer steht zum Beispiel ein Cousins- und Cousinentreffen meiner Egli-Sippe an. Unter Dutzenden von Verwandten werde ich wohl der einzige Mann sein, der nicht Egli heisst. Ich werde mich erklären müssen.

Ihr neuestes Buch trägt den Titel «Früher war alles schlechter». Trifft das auch auf die Namensgebung zu?

Auf jeden Fall. Bis vor wenigen Dekaden hatten Frauen bei der Heirat gar keine Namenswahl. Als Symbol der Gleichwertigkeit der Geschlechter war das neue Namensrecht definitiv ein Fortschritt. Es ist nicht so wichtig, welchen Namen man wählt. Wichtig ist, dass wir die Wahl haben.


Autor: Yvette Hettinger