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13. März 2017

Im Mondlichtschatten

Radio
Auf SRF1 tummeln sich die Ohrwürmer besonders zahlreich.

Das Schlimme ist: Ich weiss dann jeweils gar nicht mehr, wann und wo er mich angesprungen hat, der Bastard. Aber er will, einmal da, nicht mehr aus meinem Kopf: «Moonlight Shadow», der Song von Mike Oldfield. Keine Bange, ich werde hier keine Diskussion über den künstlerischen Wert des Stücks anzetteln und auch das Genie nicht in Frage stellen, das manche in dessen Schöpfer sehen. Aber ich habe das Lied nie besonders gemocht …
Und genau solche Songs setzen sich dann, gleichsam als fiese kleine Rache, im Gedächtnis fest und lassen einen nicht mehr los.

Vermutlich wurde er wieder mal am Radio gespielt, letzte Woche, und ich habs zunächst nicht mal bemerkt. Aber dann hat er mich während mehrerer Tage gepeinigt. Im Treppenhaus: Ich pfeife «Moonlight Shadow». In der Waschküche: Ich summe «Moonlight Shadow». Beim Gang zur Kompostanlage: Ich säusle «Moonlight Shadow». Immer und überall gebe ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, die Tonfolge von mir: E - E - F- G - F - G - A - A - G - C … Bis Nachbar André leicht irritiert fragt: «Ähm, Bänz … Alles guet bi dir?»

Bänz Friedli (51) hasst Ohrwürmer.
Bänz Friedli

Nichts ist gut, nein. Ich singe andauernd «Moonlight Shadow». Ausgerechnet! Wo ich es doch schon damals, 1983, für eine furchtbare Schnulze hielt. (Jetzt ist es doch raus.) Meinen Sie, ich könnte stattdessen «Jesus in New Orleans» singen, den Song der Gruppe Over the Rhine, «Easy Target» von John Mellencamp oder sonst einen Song, der mir momentan besonders am Herzen liegt? Mitnichten. Doch diese blöde Kuh von einer Strophe, die bringe ich nicht aus dem Kopf: E - E - F- G - F - G - A - A - G- C …

Aber, halt! So kann ich Sie nicht in den Tag entlassen. Sonst ergeht es Ihnen genauso. Soll ich Ihnen rasch einen anderen Hit in den Kopf setzen? «Te Deum», die Erkennungsmelodie der Eurovision? «Go West», «Bring en hei»? Alles Ohrwürmer. Und für die Älteren unter uns: «Popcorn». Was heisst «für die Älteren»? Letzthin, noch bevor Mike Oldfield mich in Beschlag nahm, trällerte ich es vor mich hin, das erste Synthesizerstück, an das ich mich ­erinnern kann: «Pu pu pu pu, pu-ru tuu, pu pu pu pu, pu-ru tuu …» Nichts als die blöde Tonfolge H - A - A - Fis - D - Fis - H, ohne Gesang. Und mein Sohn fiel gleich mit ein: Er kannte das Stück, ohne es zu kennen. «Was war das gleich?», wollte er hinterher wissen. «‹Popcorn› von Hot Butter, 1971!», ­triumphierte ich. Und wenn ich dereinst meinen eigenen Namen nicht mehr weiss, ich werde sie im Altersheim noch mit heiserer Greisenstimme wiedergeben, die Melodie von «Popcorn».

Oder, schlimmer noch, diejenige von «Moonlight Shadow» …


Bänz Friedli live: 16. bis 18.3. Basel, «Tabourettli»


Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli