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26. Mai 2014

«Im Moment zählt vor allem, dass wir noch leben»

Sie sind jung und voller Hoffnung. Christoph Finster und Kevin Hediger warten auf ihren Lebensretter. Die beiden Jugendlichen haben Krebs. Doch die Suche nach dem geeigneten Blutstammzellen-Spender ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Deshalb sucht Kevins Mutter auf ungewöhnlichem Weg weiter. Das Migros-Magazin hilft ihr dabei.

Christoph Finster und Kevin Hediger
Christoph Finster und Kevin Hediger tauschen ihre Erfahrungen aus.

Während draussen die Suche nach einem geeigneten Spender auf Hochtouren läuft, herrscht Stille im Zimmer 103 der Transplantationsstation des Unispitals Zürich. Vor zwei Wochen wurden Christoph Finster (18) die Blutstammzellen seiner Mutter transplantiert. «Sie ist zwar keine ideale Spenderin, aber wir konnten nicht mehr länger warten», sagt er. «Meine Mutter galt als die beste Notlösung.» Christoph liegt in seinem Bett, der Trainingsanzug hängt schlotternd am mageren Körper, aber seine Augen leuchten.

Neben ihm sitzt sein Freund Kevin Hediger in einer unförmigen weissen Spitalschürze, darunter lugen Jeans und Strassenschuhe hervor. Kevin ist zurzeit zu Hause, er hat Spitalurlaub. Wie lange, weiss er nicht genau, noch zwei, drei Wochen. Im Moment ist er glücklich, versprüht viel Optimismus. Denn zu Hause kann der gelernte Sanitär-Spengler all die Dinge machen, von denen Christoph nur träumen kann: im eigenen Bett schlafen, am Familientisch essen, arbeiten und sogar ab und zu an einen Eishockeymatch nach Davos.

Mutter sucht Spender mit einem Flugblatt

Kevin und Christoph lernten sich auf der Krebsstation kennen. Fast vier Wochen lang teilten sie ein Zimmer, lenkten sich gegenseitig ab, redeten miteinander über, wie sie sagen, normales Zeugs, blödelten und schmiedeten Pläne für später. In dieser Zeit ist auch die Idee mit dem Flugblatt entstanden. Weil für keinen der beiden ein geeigneter Blutstammzellen-Spender gefunden werden konnte (siehe Interview rechts), ergriff Kevins Mutter, Patrizia Egloff, die Initiative, gestaltete ein Flugblatt und verteilte es in ihrer Gemeinde – in der Hoffnung, dass es irgendwo da draussen jemand Geeigneten gebe, der ihrem Sohn und seinem Freund mit einer Stammzellenspende das Leben retten könnte.
Bis heute wurde noch niemand gefunden, Christoph ist zwar dank seiner Mutter auf dem Weg der Besserung, Kevin aber wartet und hofft weiter.

Der schmale Grat zwischen Normalität und Krankheit

Christoph war 16, als er nach einer Schulsportstunde plötzlich einen stechenden Schmerz im Oberschenkel spürte. Der Arzt verschrieb eine Salbe und Ruhe. Nach zwei Wochen war noch nichts besser, im Gegenteil: Das Bein tat immer mehr weh. Christoph wurde ins Spital eingeliefert und abgeklärt – und aus heiterem Himmel mit der Diagnose Knochenkrebs konfrontiert. Ein Jahr später stellte man bei ihm zusätzlich Leukämie fest.

Kevin war gerade 20 geworden, hatte seine Lehre als Sanitär-Spengler abgeschlossen und die Rekrutenschule hinter sich gebracht – das Leben sollte jetzt so richtig losgehen. Schmerzen im Hals, die sich schnell über die Schulter bis in die Arme ausbreiteten, führten ihn zum Arzt. Wie bei Christoph brauchte es eine Menge weiterer Untersuchungen, bis der Arzt ihm mitteilte, er sei an Lymphknotenkrebs erkrankt: «Plötzlich stand alles still. Es war, als hätte mir jemand den Boden unter den Füssen weggezogen», sagt Kevin.

Zuerst sei man einfach nur schockiert. «Kurz nach der Diagnose hat man aber wenig Zeit, um nachzudenken.» Die ersten Wochen seien proppenvoll mit Abklärungen, Untersuchungen, Therapien. «Man ist dauernd beschäftigt, ein Schritt folgt dem anderen, in rasantem Tempo, man wird betreut, umsorgt. Es dauert eine Weile, bis man zur Ruhe kommt und realisiert: Ich habe Krebs.»

«Bei den Eltern kann man so schön passiv sein»

Wer reden will, sind sich die beiden einig, hat im Spital unzählige Möglichkeiten. Ärzte, das Pflegepersonal oder Psychologen seien jederzeit zu einem Gespräch bereit. Nur: «Am Anfang weiss man gar nicht so richtig, worüber man sprechen möchte. Zuerst steht die Krankheit im Mittelpunkt, man will möglichst viel darüber erfahren. Die grossen Fragen, die kommen erst später.» Die Krankheit traf Christoph und Kevin genau zu dem Zeitpunkt, als sie gerade flügge werden wollten. Statt in die Freiheit zu flattern, bewegen sie sich heute in einem sehr kleinen Käfig. Eine sehr zentrale Rolle spielen ihre Eltern.

Kevin Hediger mit seiner Mutter
Kevin Hediger mit seiner Mutter.

Kevins Mutter hat ihr Arbeitspensum reduziert, um länger im Spital sein zu können, sein Vater kommt vor allem an den Wochenenden zu ihm. Auch Christophs Eltern sind häufig da. Die Jungen sind dafür sehr dankbar: «Wenn man krank ist, sind die Eltern plötzlich wieder sehr wichtig. Nicht nur für uns, auch bei älteren Patienten sehen wir das hier auf der Station oft»,sagt Kevin. Und Christoph präzisiert: «Ich habe sehr gerne Besuch und lasse mich auch auf meine Freunde ein. Aber bei meinem Vater und meiner Mutter kann ich einfach nur sein.» Kevin fügt hinzu: «Vor allem in den Phasen, in denen es einem schlecht geht, ist es schön, zu erwachen und als Erstes jemanden zu sehen, der einem nahesteht.»

Die Freude am Essen von draussen

Krankheit und Spitalleben veränderten den Blickwinkel – zwar seien die Ziele und Träume im Leben gleich geblieben, aber die Perspektive habe sich sehr verändert. «Früher wollte ich immer besonders gut sein, meine Lehre mit den bestmöglichen Noten abschliessen», sagt Kevin, «heute will ich zwar immer noch einen Abschluss, aber würde mich auch mit einem 4,5 zufrieden geben.»
Kevin will seinen beruflichen Weg weiterverfolgen, aber daneben auch dem Leben viel Platz einräumen: «Immer nur zu krüppeln, das kann es ja wohl nicht sein!»

Im Moment aber zählt für beide vor allem der nächste Schritt: «Dass wir noch am Leben sind und dass wir hier rauskommen.» Und sie freuen sich an den kleinen Dingen – etwa daran, wenn ihnen jemand etwas zu essen mitbringt. «Nicht weil das Spitalessen schlecht wäre, sondern einfach, weil das Essen dann von draussen kommt».

Christoph hofft, dass er Weihnachten zu Hause feiern kann, und Kevin vertraut darauf, dass bald ein geeigneter Spender für ihn gefunden wird – damit auch er wieder in sein Leben zurückkehren kann.

Erstmals veröffentlicht am 13. Dezember 2010.

Autor: Monique Rijks

Fotograf: Mara Truog