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01. Mai 2017

Frauen setzen sich in Männerjobs durch

Von wegen Männerdomäne: Frauen erobern Berufsfelder, die lange als typisch männlich galten. Eine Stadtentwicklerin, eine Transportunternehmerin und eine Kieferorthopädin beschreiben ihren Werdegang als Unternehmerinnen.

Wie lange werden wir noch solche Artikel schreiben? Über fehlende Frauen in Topetagen, über Frauen mit besten Abschlüssen, aber ohne entsprechende Position? Weltweit noch etwa 170 Jahre, sagt der aktuelle «Global Gender Gap Report» des Weltwirtschaftsforums (WEF). So lange dürfte es dauern, bis Frauen auf der ganzen Welt Männern gesellschaftlich und politisch gleichgestellt sind.

In der Schweiz sollte es ein paar Jahre weniger lang dauern. Denn vieles ist schon erreicht: Frauen haben die gleichen Bildungschancen wie Männer. Auch was die Lebenserwartung und die medizinische Versorgung angeht, gibt es in der Schweiz kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern. In den Bereichen Wirtschaft und Politik sieht das anders aus. Im politischen Leben ist der Graben so gross, dass die Frauen selbst dann noch untervertreten wären, wenn sich doppelt so viele als Politikerinnen engagieren würden, wie dies der Fall ist.

Etwas kleiner ist die Kluft im Wirtschaftsleben. Hier erreichen die Frauen einen Wert von drei Vierteln. Bildlich gesprochen: Bei einem 100-Meter-Lauf sind die Männer bereits am Ziel, wenn die Frauen die 75-Meter-Marke erreichen – weil Männer entweder früher starten dürfen, bessere Bedingungen haben oder zielstrebiger trainieren.

Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Wir haben drei Frauen getroffen, die sich als selbständige Unternehmerinnen durchsetzen konnten in Domänen, die als klassische Männerbastionen gelten.

Die Städtebauprofessorin

FABIENNE HOELZEL (41) aus Zürich, Professorin für Städtebau in Stuttgart und Inhaberin von Fabulous Urban, einem Planungsbüro für Stadtentwicklung in der Dritten Welt.

Städtebauprofessorin Fabienne Hoelzel
Wünscht sich eine «weiblichere Architektur»: Städtebauprofessorin und Städteplanerin Fabienne Hoelzel.

Wünscht sich eine «weiblichere Architektur»: Städteplanerin und Professorin Fabienne Hoelzel.

«Ich wusste schon früh, dass ich mal einen tollen Beruf ausüben und ein interessantes Leben führen würde. Ich fürchtete, sonst unglücklich zu werden. Die Freunde meiner Eltern waren unkonventionell: schwule Designer, Lebemenschen – Leute, denen Neugier und Leidenschaft viel wichtiger waren als Geld. Mein Vater wollte, dass ich dieses Künstlerische mitbekomme und selbständig denken lerne. Ich habe die Architektur gewählt, weil mir ihre gesellschaftliche Verankerung gefällt.

Mir war zu Studienbeginn nicht bewusst, wie männerlastig die Architektur ist. Schliesslich waren wir unter den Studierenden an der ETH Zürich zur Hälfte Frauen. Mit Mitte 30 jedoch gelingt den Männern ein Sprung nach vorne, während die Frauen oft einen Schritt rückwärts machen: Beruf und Kinder sind schlecht vereinbar, und die Gleichstellung ist längst noch nicht erreicht. Fast alle führenden Architekturbüros in der Schweiz werden von Männern geleitet. Das Architekturdepartement der ETH hatte bisher erst drei ordentliche Entwurfsprofessorinnen.

Ich habe mich nicht einschüchtern lassen

Frauen, die nach der Geburt des ersten Kindes wieder voll arbeiten wollen, ernten von den Männern sorgenvolle Blicke. Ihnen wird ans Herz gelegt, sich zu schonen. Darauf reagiere ich inzwischen regelrecht allergisch. Vermutlich verdanke ich es meinem robusten Selbstbewusstsein, dass ich mich von dieser männlichen ominanz nicht einschüchtern lasse.

Ich hatte aber auch gute Lehrmeisterinnen: meine Chefin im Amt für städtischen Wohnungsbau in São Paulo, Brasilien, etwa, wo ich ein Planungsteam aufbaute und leitete. Frauen nutzen Städte anders, stellen andere Anforderungen an Gebäude. Es ist Zeit, dass die Architektur weiblicher wird.»

Die Transportunternehmerin

JANINA MARTIG (35), Transportunternehmerin in Wangen an der Aare BE.

Transportunternehmerin Janina Martig
Hat ein Faible für Lastwagen und beschäftigt in ihrer Firma nur Frauen: Transportunternehmerin Janina Martig.

Hat ein Faible für Lastwagen und beschäftigt nur Frauen: Transportunternehmerin Janina Martig.

«Am Transportgeschäft mag ich, dass es so bodenständig ist. Es kommt nicht darauf an, was man trägt, wie man ausschaut. Wichtig ist nur, dass ich mit der Ladung rechtzeitig ans Ziel komme. Mein Weg dorthin war wohl ungewöhnlich: Ich habe mit 15 Jahren angefangen zu modeln. Mit 19 Jahren gewann ich das Finale des ‹Sports Illustrated Swimsuit Contest› auf Mauritius. Seither bin ich manchmal mehrmals im Jahr für Kampagnen an exotische Strände geflogen, wo ich in Bademode und Unterwäsche fotografiert wurde. Nicht nur im Modelgeschäft, sondern auch generell werden Frauen noch zu oft auf ihr Äusseres reduziert.

Damit wachsen Mädchen mit dem Druck auf, dass sie perfekt sein müssen, um in der Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Langsam findet jedoch ein Umdenken statt. Als Kind spielte ich lieber mit Lego, Autos und natürlich Lastwagen statt mit Puppen. Mein Vater hatte ein Unternehmen für Aushub. Er nahm mich oft im Lastwagen mit. Ich durfte sämtliche Knöpfe in der Kabine drücken. Faszinierend, was so eine Maschine kann!

Wir werden noch zu oft auf das Äussere reduziert.

Ich absolvierte die Lastwagenprüfung, kurz bevor ich den Modelcontest gewann. Mein Vater wusste nichts davon. Ich überraschte ihn, indem ich ihn mit einem 32-Tonner in Basel abholte. Er hatte Tränen in den Augen, als ich ankam. 2013 habe ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht und eine eigene Transportfirma gegründet. Meine fünf Lastwagen befördern hauptsächlich Frischwaren. Als einzige Transportunternehmerin habe ich nur Frauen fest angestellt – am Anfang aus Zufall, aber inzwischen sind wir ein so eingespieltes Team, dass ich die Damen auf keinen Fall missen möchte. Frauen sind weder die besseren noch die schlechteren Fahrer.
Aber vielleicht kann ich mich besser in meine Chauffeusen hineinversetzen und verstehen, wie sie sich in der Männerwelt fühlen.

Klar schauen die Männer, wenn eine Frau aus dem Laster steigt. So viele Chauffeusen gibt es ja nicht. Doch weder ich noch eine meiner Mitarbeiterinnen wurde je belästigt – vielleicht kam mal ein dummer Spruch, aber auch das ist selten. Man hat keinen Nachteil als Frau in meiner Branche. Aber auch keinen Vorteil. Als Unternehmerin muss ich meine Leistung in einem hart umkämpften Markt bringen. Ich arbeite 200 Prozent für den Aufbau meiner Firma. Kinder, Mann – dafür hätte ich im Moment nur wenig Zeit. Mein Vater hat leider nicht mehr miterlebt, wie ich mich selbständig machte. Er wäre sicher stolz auf mich.»

Die Kieferorthopädin

CORINNA TOEPEL-SIEVERS (52), Kieferorthopädin und Autorin, Erlenbach ZH.

Kieferorthopädin Corinna Toepel-Sievers
Hat während der Ausbildung oft gelächelt, damit die Männer sich nicht bedroht fühlten: Kieferorthopädin Corinna Toepel-Sievers.

Lächelte, damit die Männer sich nicht bedroht fühlten: Kieferorthopädin Corinna Toepel-Sievers.

«Ich habe oft gelächelt während meiner Ausbildung. Selbstverständlich gehört es sich, freundlich zu sein zu den Patienten. Doch ich wurde ausschliesslich von Männern ausgebildet, und Männer fühlen sich von Frauen schnell bedroht. Also habe ich gelächelt, um keine Bedrohung zu sein. Ich habe aber auch meine Unsicherheit weggelächelt. Das unterscheidet uns von den Männern: Wir sind viel unsicherer und hinterfragen uns ständig. Männer strotzen geradezu vor Selbstbewusstsein, auch wenn sie gar nichts wissen oder können. Bewundernswert, nicht?

Die Hauptfiguren in meinen Romanen, an denen ich in der Regel nachts arbeite, sind immer Frauen. Durch sie verarbeite ich auch persönliche Erlebnisse aus meinem Berufsalltag. Ein geschätzter Kollege sagte zum Beispiel mal zu mir: ‹Auf dich hat hier niemand gewartet›. Ich bin Deutsche und kam 2004 von Berlin an den Zürichsee, wo ich eine Praxis übernehmen konnte. Der Kollege hatte hauptsächlich wohl Mühe damit, dass ich eine Frau bin.

Man muss als Frau zäh sein, um Karriere zu machen.

Ja, ich störe den Männerzirkel, war als schwangere Zahnmedizinerin sowieso eine totale Exotin damals an den Kongressen. In meinem Fachgebiet kenne ich im Grossraum Zürich keine einzige Frau, die allein arbeitet und 400 oder 500 Patienten versorgt. Für Männer ist das Normalität. Dabei sind schon seit über zehn Jahren mehr als die Hälfte der Medizinabsolventen weiblich.

Eine Karriere in der Medizin heisst, präsent zu sein. Der Arztberuf basiert auf Erfahrung. Man muss alle Fehler einmal gemacht haben – erst dann ist man gut. Wenn man es durchzieht, kann man sich mit Mitte 30 selbständig machen. Mit Teilzeitarbeit kommt man selten so weit – ich stand wenige Wochen nach der Geburt meiner Kinder wieder in der Praxis; die Kaiserschnittnarbe tat noch weh. Man muss als Frau zäh sein, um Karriere zu machen. Während ich 60 Stunden pro Woche arbeitete, kümmerten sich daheim Nannys um die Kinder.

Es hat mich beruhigt, als ich in einer Studie las, dass es Kindern, die sonst gut umsorgt sind, für eine gute Bindung reicht, wenn sie pro Tag 20 Minuten mit der Mutter verbringen können. Ich wollte immer gut sein, besser als die Männer. Ich bin ehrgeizig und habe viele Leidenschaften: meinen Beruf, Lesen, Schreiben, die Kinder. Es ist nicht einfach, alles unter einen Hut zu bringen. Aber hätte ich dieses Leben nicht, ich wäre kein besserer Mensch und auch keine bessere Mutter. Ich glaube, meine zwei Kinder verstehen, dass ich mein eigenes Leben haben muss.» 

Autor: Erika Burri

Fotograf: Filipa Peixeiro