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29. Februar 2016

Mit 120 in den Glücksrausch

Der Walliser Jérémie Heitz gehört zu den schnellsten Freeridern überhaupt. Jetzt will der Vize-Weltmeister für sein Filmprojekt «La Liste» 15 Viertausender über deren Nord- oder Nordostwände befahren – in mörderischem Tempo. Hier finden Sie Videos mit einem Best-Of von Heitz' Freeride- World-Tour-Abfahrten und längeren Ausschnitten von Vallnord (2016) oder dem Bec des Rosses bei Verbier.

Freerider Jérémie Heitz
Jérémie Heitz: «Natürlich freue ich mich über jeden Sieg. Doch dass ich meinen Traum leben kann, ist viel entscheidender.»

Zuerst sieht man nichts, gar nichts. Nur Atemzüge sind zu hören. Jetzt wird ein Pickel in den eisigen Schnee geschlagen. Man erkennt die steile verschneite Bergwand und die Skispitzen des Extremskifahrers, der sich Meter für Meter nach oben kämpft. Dann donnert er ungebremst hinunter, senkrecht fast – ein kleiner, unglaublich schneller Punkt in diesem mäch­tigen Gebirgsmassiv.
Und nun, man möchte die Augen schliessen, springt, nein, fliegt er über einen Fels­vorsprung – mit einer Leichtigkeit, als ­handle es sich um eine Kinderschanze auf der ­blauen Piste. 55 Grad steil ist die Nordflanke am Zinalrothorn, 800 ­Höhenmeter abwärts. Wer das Video des Schweizer Freeriders Jérémie Heitz anschaut, kommt zuerst ins Schwitzen und dann zum Schluss: Der Mann muss verrückt sein.

«Klar bin ich verrückt», grinst Heitz, «das höre ich jeden Tag.» Der 26-Jährige mit dem wachen Blick und dem offenen Lachen wirkt beinahe schmächtig und sehr jung, wie er da am Tisch in seinem Elternhaus in Salvan VS sitzt. Hier, oberhalb von Martigny, auf der Strecke nach Chamonix, ist er aufgewachsen; hier lebt er noch heute, wenn er nicht gerade irgendwo auf der Welt unterwegs ist. Und hier möchte er auch bleiben, mitten in den Bergen, die ihm Heimat sind und Passion zugleich.
Draussen gibt der Winter einen Schneesturm der Marke Island zum Besten, dicke Flocken bleiben an der Verandatür kleben. «Der Schnee spielt hier oben eine wichtige Rolle», sagt Heitz und erzählt, wie oft sie am Tisch gesessen und debattiert hätten über die Wetterentwicklung. Schon der Gross­vater – Jérémies grösster Fan – war Skilehrer. Und jetzt lebt der Enkel das Bergfieber aus, als einer der ­besten Freerider der Welt.

Youtube-Zusammenschnitt mit spektakulären Szenen von Jérémie Heitz aus der abgelaufenen Saison der Freeride World Tour. (Video: Scott Sports)

So steil wie seine Abfahrten präsentiert sich Jérémies Karriere: vierter Rang an der Freeride Wold Tour 2013, Bronze 2014, Silber und damit Vizeweltmeister 2015. «Logisch also, dass ich heuer Weltmeister werde», sagt er mit einem Augenzwinkern und lacht schallend.
Der Walliser hat ein entspanntes Verhältnis zum Erfolg: «Natürlich freue ich mich über jeden Sieg. Doch dass ich meinen Traum leben kann, ist viel entscheidender.» Sein Traum – das sind diese wahnsinnig ­anmutenden Abfahrten, in ­einem Tempo bis zu 120 Kilometer pro Stunde.

Der verführerische Kitzel der Geschwindigkeit

Dabei hat alles harmlos angefangen: Wie fast jedes Kind in Salvan steht Jérémie früh auf den Ski. Seine Freizeit gehört der Skischule, dem örtlichen Skiclub, den Trainings. Er schafft mühelos den Sprung ins Jugendkader, verlässt aber nach zwei Jahren beim FIS (Fédération Internationale de Ski) die Piste für den Tiefschnee, den Erfolg als Alpinskifahrer, für eine ungewisse Zukunft als Freerider. Zu gross ist der Glücksrausch, wenn er in technisch anspruchsvollem Gelände den Berg bezwingt. Nicht mit kleinen Kurven oder auf hüpfenden Kanten wie so viele vor ihm. Jérémie fährt nahezu ungebremst, mit wenigen, grossen ­Schwüngen – dieser Stil hat ihn an die Spitze der ­internationalen ­Elite gebracht. Heute kann er von seinem Sport leben; Werbeaufträge, Preisgelder und vor allem Sponsoren ­machen es möglich.

Jérémie Heitz Run (nach ca. 2 Minuten) am Swatch Freeride World Tour-Halt in Vallnord Arcalis (FR) 2016.

Hat er keine Angst in seinem Metier, in dem jeder Sturz tödlich sein kann? «Und ob! Ich habe immer Angst», sagt er, entwaffnend offen. «Aber das ist gut so, sie macht mich konzentriert und vorsichtig.» Und nehmen die Zweifel überhand, findet er bei Freundin und Familie Zuspruch und Ablenkung. Auch sie haben gelernt, mit der Angst umzugehen. Was Jérémie selbst am meisten fürchtet: wegen eines Unfalls seine Passion nicht mehr ausleben zu können.
Dieser Passion widmet er mit «La Liste» nun einen Film. Eine Hommage an die Steilskifahrer soll es werden und die Entwicklung des Extremskifahrens in der Schweiz aufzeigen. Und es ist ein Dankeschön an seine Helden, die Pioniere. Darunter etwa Sylvain Saudan, sein Vorbild und ein Bekannter seines Grossvaters. Saudan hat als Erster die Nordwestflanke des Eigers unter die Ski genommen.

Aber «La Liste» ist auch Heitz’ Liebes­erklärung an die 15 schönsten Viertausender, deren steile Nord- oder Nordostflanken er bis im Frühling 2016 befahren will. Fünf hat er bereits geschafft: die Lenzspitze, das Obergabel-, Stecknadel-, Hohberg- und das Zinalrothorn. Zehn weitere stehen ihm bevor; welche genau, das ist geheim, abgesehen vom Matterhorn.
Zweimal machte er einen Anlauf, zweimal machte ihm der Wind einen Strich durch die Rechnung, zweimal kehrte er um. Denn Sicherheit ist sein oberstes Gebot. «Ich suche das Glück, nicht das Risiko», betont Heitz. Als Bergbub weiss er zu gut, wie heimtückisch Schnee sein kann. «Du stehst morgens auf und freust dich: Hey, Neuschnee, ideale Bedingungen! Und dann gehst du auf den Berg und merkst: Da liegt nur ein kleiner Hauch auf Glatteis.» Deshalb analysiert er das Wetter schon Tage zuvor, nimmt das Gebirge vom Kleinflugzeug aus ins Visier, steigt danach mit den Ski hoch, um sich vertraut zu machen mit dem Berg und dem Schnee.

Der Schnee, diese unberechenbare Grösse, entscheidet mit, ob er die 15 Viertausender bis im Frühling schaffen wird. Wenn alles gut läuft, erscheint «La Liste» im kommenden Herbst. Jérémie Heitz wirft einen Blick zur Verandatür. Sie ist inzwischen komplett zugeschneit, eine einzige weisse Wand, und draussen heult der Wind. «Ça marche», es läuft, sagt er, wieder ganz Optimist. Etwas weiss er heute schon: Sein Grossvater wird den Film mit Vergnügen schauen.

Weitere Videos und Infos
Jérémie Heitz' spektakuläre Abfahrt am Bec des Rosses bei Verbier (Youtube, Audi World Tour Final 2014)
www.jeremieheitz.com

Autor: Franziska Hidber

Fotograf: Christophe Chammartin / Rezo.ch