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28. Oktober 2013

«Die Schweiz ist super»

Als Rapper nennt er sich Milchmaa, vor seiner Schulklasse steht er mit seinem richtigen Namen: Goran Vulović. Der 29-jährige Historiker und Germanist hat als Kind serbischer Eltern den sozialen Aufstieg geschafft. Hören Sie oben seinen Hit «Geld pflücka» und lesen Sie im Online-Special zum Interview, wie er Rapper wurde.

Wie der Milchmaa Rapper wurde

Was faszinierte Sie am Rap? Die coolen Jungs oder die Texte?

Goran Vulović: Zu allererst die Texte. Ich druckte sie mir aus dem Internet aus, versuchte, sie mit meinem Schulenglisch zu entschlüsseln, und scheiterte kläglich. Denn das war ja Slang-Englisch und voller Verweise. Aber die politische Dringlichkeit war deutlich spürbar – das kombiniert mit der Coolness der Rapper faszinierte mich sehr. Danach habe ich mich mit Deutsch-Rap auseinandergesetzt. Die Inhalte rückten etwas in den Hintergrund. Es ging mir vor allem ums Technische, darum, das Handwerk zu erlernen, die Werkzeuge des Rap, den Flow, die Rhymes …

Was muss man begriffen haben, um rappen zu können?

Den Takt. Dass man metrisch rappt und nicht wahllos viele Silben in eine Zeile stecken kann. Man muss verstehen, wie ein 4/4-Takt funktioniert. Man muss die musikalische Unterlage wählen, über die man rappt, und, wo die Rhymes gesetzt werden. Das ist so das Grundsätzlichste. Im Technischen trennt sich dann die Spreu vom Weizen, indem man mit dem Sprach-Rhythmus-Flow variiert, immer wieder neue Varianten reinbringt, mit den Tempi auch. Und dann die Reimtechnik: Man macht nicht nur reine einsilbige Rhymes, sondern auch mal unreine mehrsilbige, Doppelreime, Triple-Reime, Kreuz-Reime und so weiter. Es gibt verschiedene Kombinationen. Das ist der Grund, weshalb im Rap der kompetitive Charakter immer so wichtig war und ist: weil es ein klares Kriterienraster für guten Rap gibt.

Haben Sie sich das alles autodidaktisch beigebracht?

Ja, selbstverständlich!

Wurden Sie von jemandem gefördert?

Ja, es gab in Chur immer einen freundschaftlichen Konkurrenzkampf und einen regen Austausch unter Rappern. Man zeigte sich vieles, tauschte sich aus. Von solchen, die schon länger aktiv waren, habe ich auch viel gelernt.

Sie kleiden sich eher unauffällig. Braucht es nicht coole Klamotten, um beim mehrheitlich jungen Hip-Hop-Publikum anzukommen?

Nein, ich bin nie irgendwelchen Hip-Hop-Trends hinterhergerannt. Immer neue Trendklamotten könnte ich mir übrigens auch gar nicht leisten.


SO TÖNT «–ić»: «Leeri Stadt», «Aba» oder «Todorova»: Weitere Songbeispiele und Infos zum neuen Album von Goran Vulovic. www.milchmaamusic.ch

Das Interview im Migros-Magazin vom 28. Oktober 13

Goran Vulović, Sie haben ein Rapalbum mit dem Titel «-ić» veröffentlicht. Weshalb wissen wir sofort, was mit «-ić» gemeint ist?

Weil Einwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien in der Schweiz seit Jahrzehnten Realität sind. Viele haben einen «-ić»-Nachbarn oder eine «-ić-Arbeitskollegin.

Man hört oft, wessen Name so ende, habe es schwieriger bei der Lehrstellen- und Wohnungssuche. Erinnern Sie sich an Ihren ersten «-ić»-Moment?

Ja, das war ebenfalls bei der Lehrstellensuche. Ich hatte sehr gute Noten in der Schule. Ein Lehrmeister, bei dem ich schnuppern war, sagte mir, dass er mich aufgrund meines Namens eigentlich nicht eingeladen hätte, aber einer seiner Lehrlinge habe mich sehr empfohlen.

Machte Sie das wütend?

Nein, aber ich realisierte erstmals, wie andere über «uns» denken. Dass es in den Medien und in der Öffentlichkeit ein Bild von Menschen aus Ex-Jugoslawien gibt, das ich voll nicht kannte. Das verwirrte mich total. Da werden einem verschiedene identitätsstiftende Angebote präsentiert, zum einen aus dem Umfeld, zum andern aus den Medien. Man wird unsicher und fragt sich: Aus welchem Pool nehme ich mir meine Eigenschaften heraus? Wenn dir die Medien die ganze Zeit sagen, dass du ein Sozialschmarotzer wirst, überlegst du dir irgendwann: Muss ich mich jetzt so benehmen? So absurd das klingen mag.

Dem kann man sich nicht verschliessen?

Ich war damals zehn, elf Jahre alt. Da erscheint einem alles noch so komplex. Meine Mutter war im Alter von 19 Jahren als Hebamme in die Schweiz gekommen, noch vor dem Jugoslawienkrieg. Damit, dass die Serben als Alleinverantwortliche für alle Gräueltaten galten, wurde ich auch konfrontiert. Auch das war komplett widersprüchlich zu dem, was die Verwandtschaft in Serbien erzählte.

Sie haben später Geschichte studiert. Auch, um den Jugoslawienkrieg zu verstehen?

Unter anderem, ja. An der Uni Zürich hat es ein grossartiges Institut für osteuropäische Geschichte. Ich bin dahin gegangen, um etwas Klarheit zu erlangen. Und um mich abzukoppeln von meinen Informationsquellen in Serbien, die selber auch voreingenommen waren.

Was hat Sie zum Rapper gemacht?

Zuallererst die Faszination für die Musik. Ich hatte anfangs genremässig keine klare Schiene. Ich hörte alles, was mir gefiel, auch Punk und Techno. Irgendwann realisierte ich aber, dass Rap mehr als nur Unterhaltung ist. Ein Kollege kreuzte mit der zweiten CD des Wu-Tang-Clans auf: Da hat es acht Minuten dauernde Stücke ohne Refrain drauf, die sich jedem Unterhaltungswert im klassischen Sinn entziehen. Und trotzdem wurde diese Platte gefeiert. Ich begriff: Das muss an den Texten liegen. Das war mein erster richtiger Zugang zu Rap.

Sie sind im Churer Rheinquartier mit seinen grossen Wohnblöcken aufgewachsen, ein typisches Arbeiterquartier. Ihre Mutter war alleine, nachdem Ihr Vater 1989 verstorben war. Ein hartes Schicksal für Sie beide.

Ich kann mich kaum daran erinnern, wie es war, einen Vater zu haben. Für meine Mutter war das sehr schlimm. Als Ex-Jugoslawin, Serbin und dann plötzlich auch noch alleinerziehend mit Kleinkind. Als Hebamme arbeitete sie Schicht, ich war viel bei einer Tagesmutter.

Sie haben sich von der Realschule zur Universität emporgearbeitet und daneben noch Karriere als Rapper gemacht. Sind Sie so ambitioniert und gradlinig, wie es wirkt?

Gradlinig gar nicht, ich habe viele Umwege gemacht. Und die Zeit während des Studiums hätte ich gescheiter investieren können. Anstatt in die Sommerferien zu gehen oder ellenlange Arbeiten zu schreiben, hätte ich besser vielschichtigere Berufserfahrungen gesammelt.

Goran Vulović alias Rapper Milchmaa vor dem Bus, der täglich von Zürich in seine alte Heimat Serbien fährt.

Weshalb wäre das besser gewesen?

Weil es mir jetzt zu langsam vorangeht. Ich möchte eine Festanstellung haben und 100 Prozent arbeiten.

Ich will nicht erst mit 40 Vater werden.

Das hört sich an, als seien Sie unzufrieden – gerade jetzt, wo Sie als Rapper landesweit bekannt werden.

Ja, ich bin im Moment nicht zufrieden. Ich bin beruflich noch nicht da, wo ich gern wäre. Ich hinterfrage auch das Rapding.

Im Ernst?

Ja, ich frage mich, ob dieses Ausmass von Erfolg nötig ist. Was habe ich davon?

Erfolg macht bekanntlich sexy …

Ich habe schon eine Freundin. Es ist der Beruf, bei dem ich woanders stehen möchte. Ich frage mich, wie es auf Rektoren wirkt, wenn sie meinen Namen googeln und sehen, dass ich Rapper bin. Andere sehen das als Chance, aber ich denke, es kann auch ein Risiko sein.

Wie findet es denn Ihr derzeitiger Rektor?

Schon cool. Aber gewisse Dinge, die mir wichtig sind, habe ich nicht.

Was denn?

Finanzielle Sicherheit zum Beispiel. Reife. Mir war und ist das ganze Rapding schon wichtig, das Umfeld, das Kreative. Ich habe das Rappen immer auch als eine Art Sport gesehen. Aber jetzt bin ich bald 30 und sehe Kollegen und Cousins, die Job und Familie haben. Ich will das auch, bald. Eine Familie zu haben, finde ich viel erstrebenswerter als Ruhm. Ich will nicht erst mit 40 Vater werden.

Sicherheit, Familie – das klingt fast etwas konservativ für einen Rapper.

Ich bin relativ konservativ.

Sie sind ein sozialer Aufsteiger. Ist die Schweiz ein gutes Land dafür?

Die Schweiz ist super. Das Bildungssystem ist wirklich gut, man kommt auch mit einer Lehre noch an die Uni. Ich bin froh, hier zu sein.

Migranten und Asylsuchende lösen in der Schweizer Bevölkerung viele Ängste aus. Man müsse diese ernst nehmen, heisst es gerne. Wie hört sich das für jemanden an, der selber einen Migrationshintergrund hat?

Man fühlt sich indirekt angesprochen. Klar, ich bin hier geboren und aufgewachsen, aber wenn gegen Asylsuchende gehetzt wird, geht mir durch den Kopf: So würden sie auch gegen mich hetzen, wenn ich nicht hier geboren wäre, den Schweizer Pass nicht hätte.

Wir erwarten von Ausländern, dass sie sich integrieren …

Ein schwieriger Begriff, ein Unwort eigentlich. Wenn ich in einen Bus steige, integriere ich mich auch, nämlich indem ich erst einsteige, wenn alle, die raus wollen, ausgestiegen sind. Und ich remple niemanden an. Integration wird aber oft als Assimilation verstanden. Wenn ich etwas lauter bin und deshalb auffalle oder wenn ich nicht den Cervelat auf den Grill lege, sondern ein Spanferkel aufspiesse, dann heisst es, ich sei nicht integriert. Aber da würde von mir verlangt, dass ich kulturelle Eigenheiten aufgebe und komplett in der neuen Kultur aufgehe.

Wie schafft es ein «-ić» oder ein anderer Ausländer, von den Schweizern akzeptiert zu werden?

Erfolg, das ist der einzige Weg. Anerkennung durch Leistung. Logisch, wie sonst soll jemand aus einer Volksgruppe respektiert werden, die angeblich nur aus Sozialschmarotzern besteht? Und wie sonst willst du als Angehöriger dieser Gruppe dein Selbstwertgefühl steigern, wenn nicht durch Erfolg? Bloss, wenn man die zweite Generation von «-ic´»-Einwanderern anschaut, ist es leider oft so, dass viele die gleichen Jobs machen wie ihre Eltern. Sie müssen ja nicht gleich Akademiker werden, aber es ist schade, wenn sie die Möglichkeiten in der Schweiz nicht nutzen.

Wer ist schuld?

Da spielen mehrere Faktoren mit. Viele Eltern wissen nicht, welche Möglichkeiten sich bieten. Ich hatte das Glück, dass meine Mutter fragte: Was bedeutet die Einstufung in Real, Sek, Gymi? Viele Eltern fragen das nicht, auch, weil sie gelernt haben, ruhig zu sein. Da könnte man helfen, indem man mit ihnen spricht, sie aufklärt. Das Argument, sie können sich selber informieren, zieht nämlich nicht: Mach du mal Nachtschichten und informiere dich gleichzeitig über ein Schulsystem, das von Kanton zu Kanton verschieden ist und das du nicht verstehst, weil du die Sprache noch nicht wirklich beherrschst! Und die Sprache hast du nicht gelernt, weil du die ganze Zeit mit deinen Landsleuten arbeitest, in der Fabrik.

Das Klischee mit den Autos als Statussymbol taucht auch in Ihren Texten auf. Weshalb ist das Auto für «Jugos» so wichtig?

Ich sage es politisch korrekter: Ein Statussymbol ist es generell für männliche Arbeiterkinder, auch Schweizer. Weil es teuer ist. Es impliziert, dass der Lenker entsprechend verdient und in der Gesellschaft situiert ist.

Was auch noch auffällt: Auf Ihrer Platte fluchen Sie …

Oft? Mist, ich hätte mehr Alben machen sollen, als ich noch nicht Lehrer war.

Autor: Esther Banz

Fotograf: Jorma Müller