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23. März 2015

Im falschen Film

Süsse Versuchungen
Süsse Versuchungen gleich vor der Kasse.

Kind wälzt sich im Supermarkt am Boden, Mutter oder Vater steht fassungslos daneben. Man kennt es aus schlechten Filmen, und es ist der erzieherische GAU. Denn das Kind, täubelnd und schreiend, zieht alle Blicke auf sich, und als Eltern steht man auf jeden Fall blöd da. Entweder denken die Leute, man habe den Goof nicht im Griff. Oder sie bemitleiden das arme Hämpfeli und sind sich sicher, dass man es mies behandelt hat. Überforderter Vater! Rabenmutter! Und man möchte vor Scham im Boden versinken.

Der bedauernswerten Yvonne ist es passiert. «An der Kasse musste ich meinen Sohn etwas unsanft in die Schranken weisen, da sein Getäubele sonst komplett ausgeartet wäre», erzählt sie mir, «worauf er sich auf den Boden warf und weiterheulte.» Sie wähnte sich im falschen Film. «Wenigstens konnte ich in der Zwischenzeit alle Lebensmittel einpacken …» Dann aber, unvermeidlich, geschah das Schreckliche. Der Bub wälzte sich noch immer am Boden. «Eine ältere Frau ging zu ihm hin und fragte ganz mitleidig, was er denn habe.» Yvonnes Kleiner stösst unter Tränen hervor: «D Mama hed mich tschuupet!» Sie ahnen, was nun kommt: «Die Frau drehte sich zu mir um, und ich wusste: Super, jetzt gibts eine Standpauke zum Thema Erziehung …!»

Bänz Friedli lässt sich überraschen.
Bänz Friedli lässt sich überraschen.

Die Besserwissergrosis, ein verbreitetes Phänomen. Strafen einen mit Blicken, bücken sich zum trötzelnden Kind hinab, belohnen es mit genau der Aufmerksamkeit, die es gewollt hat: «Jöö, du arms Tröpfli, duu! Hätt dir s Mami käis Schöggeli welle chaufe? Chumm, ich schänk dir äis», greifen sich Süssigkeiten aus der Ablage – denn dazu liegen die ja immer vor der Kasse, die Süssigkeiten: damit alte Damen die Gutmütigen spielen können – und bringen es tatsächlich fertig, das Kind zu trösten. Yvonne ist aufs Ärgste gefasst. Die Alte packt sie fast am Kragen, öffnet den Mund und sagt: «‹Tschuupe!› Dieses Wort habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gehört. Das finde ich ja wunderschön, dass solch junge Menschen es noch kennen …»

Und ich weiss jetzt, was Yvonne, die aus dem Zugerischen stammt, mit «etwas unsanft in die Schranken weisen» meinte. Allerdings erst, nachdem ich es im Schweizerischen Idiotikon nachgeschlagen habe (Grandios! Das monumentale Mundartwörterbuch gibts neu online!). Da steht unter «tschŭpe»: «Beim Schopf packen, an den Haaren ziehen, zerzausen.» Und mir fiel das «Struble» aus meiner Kindheit ein, das «Grännihaar»; und wie ich manchmal im Supermarkt … Vergessen wirs!

Bänz Friedli live: Basel, «Tabourettli», 25. und 29. März

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Autor: Bänz Friedli