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08. Dezember 2014

Im ewigen Eis

Die hochalpine Skitour vom Jungfraujoch bis ins Lötschental führt über die grösste Eisfläche der Alpen bis zum Ende des Langgletschers. Der wird jedes Jahr kleiner. Wie lange kann sich das ewige Eis noch halten?

Vorbei an einem Gletscherabbruch in Richtung Lötschental
Im leichten Sulzschnee schwingt Hansueli vorbei an einem Gletscherabbruch in Richtung Lötschental.

Unser Bergführer kauert am Boden, während die Rotorengeräusche immer lauter werden. Der Rettungshelikopter HB-ZEF der Air Zermatt löst einen Sturm aus, wirbelt den Schnee auf. Bergführer Hansueli Klossner mit seiner orangen Jacke dient dem Piloten in diesem weissen Tornado als Orientierungspunkt – dort ist der Boden. Der Helikopter setzt sanft auf, die Schiebetür schnellt nach hinten, eine Ärztin in Bergschuhen und mit weissem Helm springt heraus.

Vor einer Stunde erst sind Bergführer Hansueli (47), Sabine (48), Andreas (48) und ich (45) beim Jungfraujoch auf 3454 Metern mit unseren Ski zur Tour über die Lötschenlücke nach Blatten losgefahren. Knallblauer Himmel, gleissende Sonne, aber blöder Schnee: Bruchharsch – eine nur oberflächlich harte Schneedecke, die immer wieder unerwartet einbricht. Elegantes und befreites Skifahren ist kaum möglich. Ausserdem müssen wir hier auf dem Jungfraufirn des Aletschgletschers auf Spalten achten, weshalb Hansueli uns aufgefordert hat, mit einem Minimalabstand von 15 Metern voneinander zu fahren und nie mehr als zwei Meter von seiner Spur abzuweichen.

Trotz Spaltensturzgefahr und Bruchharsch breitet sich bei uns schnell Begeisterung aus: der endlose Eisstrom vor uns, die Hängegletscher an den steilen Bergflanken links und rechts, die ­Einsamkeit im kalten Schnee. «Ein weisser Orgasmus», bringt es unser Grindelwaldner Bergführer grinsend auf den Punkt. Und dann vermissen wir Andreas. Er ist gestürzt und hat lange auf sich warten lassen – bis er blut­tropfend angefahren gekommen ist. Eine Rissquetschwunde über den Lippen. «Muss innerhalb von zwei Stunden genäht werden, sonst bleibt eine hässliche Narbe», sagt unser Bergführer. Und deshalb der Anruf bei der Air Zermatt.

Nur ein vorübergehender Rückgang?

Andreas steigt in den Hubschrauber, das Rotorengeräusch schwillt an, wirbelnder Schnee, eine Minute später verschwindet die HB-ZEF mit Ziel «Spital Visp» aus unserem Blickfeld. Ruhe herrscht wieder. Und nach einer kurzen Abfahrt befinden wir uns bereits auf dem Konkordiaplatz, wo wir die Felle auf unsere Ski ziehen.

Einsatz des Rettungshelikopters
Auf den Einsatz des Rettungshelikopters hätten wir gern verzichtet.

Hier fliessen Jungfraufirn, der Grosse Aletschfirn und das Ewigschneefeld zum Grossen Aletschgletscher zusammen. Unter unseren Füssen befindet sich eine rund 900 Meter dicke Eisschicht. Obwohl dies der grösste Gletscher der Alpen ist, könnte er aufgrund der Klimaerwärmung in gut 100 Jahren bereits verschwunden sein.
Diese Meinung hat der Glaziologe Martin Funk von der ETH Zürich jedenfalls 2006 gegenüber «10 vor 10» vertreten. Er prognostizierte, dass es in rund 100 Jahren, wenn überhaupt, Gletscher nur noch auf Höhen über 4000 Metern geben könnte. Andere wiederum weisen darauf hin, dass es vorübergehende Gletscherschwunde schon immer gegeben habe. Dazu zählt etwa der Berner Geologe Christian Schlüchter, der im SAC-Magazin «Alpen» kürzlich die These konstatierte, dass es seit dem Ende der letzten Eiszeit vor 12 000 Jahren in den Alpen zwölf Phasen gegeben hätte, in denen die Gletscher deutlich kleiner waren als heute. Hansueli nimmts fatalistisch: «Uns Bergführern bleibt derzeit nichts anderes übrig, als uns den Gegebenheiten anzupassen.»

Wir sind nun im Aufstieg zur Lötschenlücke. Viele sind hier wohl schon der optischen Täuschung erlegen, dass der vergletscherte Gebirgspass im Nu erreicht sein wird. Erst wenn man die stecknadelkopfkleinen Menschen in der Nähe der Lötschenlücke ausmacht, wird klar, warum der Weg dorthin gut ­zweieinhalb Stunden dauern wird. Zeit genug, um die fantastische Szenerie zu geniessen: links die riesigen weissen Steilwände von Dreieckhorn und Aletschhorn (4193 m), rechts diverse von Spalten durchzogene Gletscherabbrüche. Oben angekommen, geht der Blick über den Langgletscher ins Lötschental und zu den dahinter liegenden Gipfeln.

Hansueli führt uns in eine abschüssige Traverse und über einen holprigen Lawinenkegel zu einem mit 40 Grad sehr steilen Hang. Kaum haben wir die Angst überwunden und uns in den Hang gestürzt, wird klar, weshalb ein gebietskundiger Bergführer Gold wert ist: Während sich eine andere Gruppe auf der Normalroute über den Bruchharsch abmüht, schwingen wir in schönstem, leicht sulzigem Tiefschnee. Die Abfahrt führt uns immer wieder an Gletscherabbrüchen vorbei mit den typischen Séracs – bizarr geformte Eistürme. Wem hier nicht Freudenjauchzer über die Lippen kommen …

Und dann stehen wir an der Eis­grenze – am Gletschertor des Langgletschers. Weiss-grau-blau schimmert die knapp zehn Meter hohe Eiskaverne. «Viel, viel weiter unten» sei das Gletschertor letztes Jahr noch gelegen, sagt Hansueli. Tatsächlich ist der Langgletscher in den letzten 40 Jahren um rund 500 Meter geschrumpft. Auf dem letzten Stück Abfahrt bis nach Blatten, dem obersten Dorf im Lötschental, mischt sich deshalb etwas Wehmut zum Hochgefühl. Wie lange werden wir diese aussergewöhnliche Gletscherwelt noch begehen und bestaunen können? Um den eigenen Genuss möglichst wenig zu schmälern, ist man an Tagen wie heute versucht, jenen Glauben zu schenken, die den ­derzeitigen Gletscherschwund nur für ein vorübergehendes Phänomen halten.

LÖTSCHENLÜCKE: EIN KLASSIKER

Bild: WSGrafik
Bild: WSGrafik

An- und Rückreise: Mit der Bahn via Interlaken bis Grindelwald oder Lauterbrunnen, mit Jungfraubahn aufs Jungfraujoch.

Tour: Jungfraujoch (3454 m)–Konkordiaplatz (2726 m)–Lötschenlücke (3158 m)–Fafleralp (1787 m)–Blatten (1526 m)

Höhenmeter: 450 Meter Aufstieg / 2380 Meter Abfahrt

Dauer: ca. 6 Stunden

Anforderung: Gute Kondition, sicheres Skifahren in allen Schneearten.

Sicherheit: Für Unerfahrene ist ein Führer unabdingbar.

Saison: März bis Mai

Ausrüstung: Skitourenausrüstung, Lawinenverschütteten-Suchgerät (LVS), Schaufel, Lawinensonde, Anseilgurt, warme, wetterfeste Kleidung, Rucksack, Sonnenschutz. (Wenn ohne Bergführer: Gletscherausrüstung)

Kosten Bergführer: Privattour ab Fr. 650.– (1 bis 2 Personen, Aufschlag bei mehreren Personen) / Offizielle Gruppentour ca. 130.–/Person (5 bis 8 Teilnehmer)

Bergführer: Grindelwald, www.grindelwaldsports.ch / Lötschental, www.bergcenter.ch

Übernachtung: www.grindelwald.ch / www.loetschental.ch

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Thomas Senf