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05. August 2013

Im Eva-Kostüm

Kein Badkleid-Zwang
Beim Planschen gilt für die meisten (noch) kein Badkleid-Zwang. (Bild Getty Images)

Seit unseren Campingferien wissen wir: Eva ist eine Nudistin. In den drei Wochen, in denen wir auf Tour waren, hatte das Kind nur ein Lieblingsoutfit: oben ohne, unten nix. Anfangs haben wir noch versucht, die Zweijährige in Sachen Kleidung zu beraten. Doch egal, welches Shirt oder Röckli ich aus dem Reisemobil zauberte – die kleine Blondine schüttelte immer den Kopf.

«Was willst du denn dann anziehen?»

«Nix!»

Da mein Mann und ich mit Eva nicht die kompletten Ferien über Textilien diskutieren wollten, fügten wir uns irgendwann. Von dem Moment an fegte das Kind schon morgens nackig über den Campingplatz. Es trat somit indirekt in meine Fussstapfen. Es gibt unzählige Campingfotos aus den 70ern, auf denen man sehen kann, dass ich damals auch gerne als Nackedei unterwegs war. (Mittlerweile nicht mehr. Ich sage nur: Erdanziehung.)

Tradition hin oder her – so ganz wohl war uns bei der Sache dennoch nicht. Und was machen unsichere Eltern? Richtig! Sie gucken, wie es die anderen regeln. Die italienischen Mammas und Papas stecken ihre kleinen Töchter beispielsweise in neckisch geschnittene Tangas. Das sieht dann zwar so aus, als sei das Kind im Erotikshop eingekleidet worden, aber fudeliblutto? Impossibile! Für deutsche Eltern stellt sich die Frage irgendwie nicht, da Linus aus Hamburg oder Nele aus Hannover nur im Ganzkörper-Schutzanzug in die fiese Sonne dürfen. Richtig locker sind in Sachen FKK eigentlich nur die Slowenen und Kroaten. Kaum waren wir auf Istrien angekommen, hatte Eva schon mehrere osteuropäische Gschpänli um sich geschart, die ebenfalls im Eva-Kostüm unterwegs waren.

Das fand ich wunderbar, denn es nahm auch von uns Eltern einen gewissen Druck. Die Sache ist nämlich die: Wenn Sie ein Kind nackt über den Campingplatz schicken, dann gibt es unter Umständen Schelte: Einige Leute finden Mini-FKK ungehörig, da die primären Geschlechtsteile der Zwerge sichtbar sind. In dem Zusammenhang kommt mir ein anderes Erlebnis in den Sinn: Ich war vor ungefähr fünf Jahren in einem US-amerikanischen Hallenbad in West Virginia. Dort hing in der Damensammelumkleide ein Schild, auf dem stand, dass es verboten sei, Jungs über zwei in den Frauenbereich mitzunehmen. Wer solche Tafeln anbringt, der sexualisiert Kleinkinder. Ist der Badehosenzwang für Zweijährige nicht etwas ganz Ähnliches?

In meinen Augen gibt es nur einen triftigen Grund, der gegen entblösste Kinderpopos spricht: Es gibt leider Menschen, die nackte Zweijährige erregend finden. Das ist widerlich. Ich bin mir aber nicht sicher, ob man mit einem Badehöschen in Grösse 92/98 auch nur einen einzigen Übergriff verhindern kann. Leider.

Autor: Bettina Leinenbach