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27. März 2017

Noch immer in fremden Betten

die Kleinen nachts abschrecken
Soll frau als Mutter die Kleinen nachts abschrecken? (Bild: Pixabay.com)

Meine Kinder sind Amphibien. Sobald es dunkel wird, müssen sie wandern. Der Drang ist so stark, dass sie sich weder von vierspurigen Strassen noch Gleisen aufhalten lassen würden. Wie gut, dass zwischen den Kinderzimmern und dem Ziel ihrer Träume weniger Gefahren dieses Kalibers lauern. (Okay, einmal stolperte meine Sechsjährige im Halbdunkel über den Staubsauger, der noch im Flur lag. Selbst das hielt sie nicht auf.) Die Wunschdestination der kleinen Kröten ist klar definiert: Ehebett. Dort, so argumentieren sie, ist es kuschelig warm und gemütlich.

Nicht, dass die Mädchen keine eigenen Betten hätten. Sogar Duvets und Kissen haben wir ihnen einst gekauft. Die Bettwäsche wird Abend für Abend liebevoll aufgeschüttelt und um die Kinder drapiert. Es gibt Gute-Nacht-Geschichten, komplizierte Ich-küsse-dich-du-küsst-mich-Rituale und Lavendelduft, der als Monsterabwehrstoff dient. Alles wurscht! Die Amphibien wandern. Manchmal allein, manchmal zu zweit. Da Herr Leinenbach und ich Umweltschützer sind, sammeln wir die Kröten Nacht für Nacht ein – und bringen sie in Sicherheit (= zurück in ihre Betten). Nur gelegentlich, wenn wir sehr müde und/oder sehr gleichgültig sind, verpassen wir den richtigen Moment ...

Im Lauf der Jahre ist uns aufgefallen, wie unterschiedlich die Übernachtungsgäste sind. Ida wirft sich immer mit viel Getöse zwischen uns und zappelt dann so lange, bis Mami und Papi (wach) auf den Kanten liegen. Eva macht das viel subtiler. Sie pirscht sich heran – und plötzlich ist sie zwischen uns. Dort erstarrt sie für ein paar Augenblicke. Sobald wir tief und gleichmässig atmen, hebt sie meine Decke und rutscht im Zeitlupentempo herüber. Immer näher ran an mich, bis sich unsere Körper von Kopf bis Fuss berühren.
Was total kuschelig klingt, nervt in der Realität kolossal. Das Kind kopiert jede meiner Bewegungen, um ja nicht den Kontakt zu mir zu verlieren. Und was mache ich? Richtig. Neulich wurde ich wach, weil ich schon mit einem Bein auf dem Parkett hing. Eva war mir dicht auf den Fersen. Wäre ich aus dem Bett gefallen, sie wäre mir mit Sicherheit hinterhergerollt.

Als ich dieses Thema vor vier Jahren in meiner Kolumne In fremden Betten zum ersten Mal angeschnitten habe, dachte ich, es würde irgendwann wieder eine Zeit kommen, in der unser Nachtlager wieder uns gehören würde. Ich bin mir nicht mehr so sicher. Herr Leinenbach hat sich schon lange mit der Situation arrangiert. Wenns ihm zu bunt wird, packt er sein Kissen und schlurft in eines der Kinderzimmer. Dieser Weg bleibt mir aber versperrt. (Und glauben Sie mir, ich habe es versucht.) Sobald die Kröten Wind davon bekommen, setzen sie sich wieder in Bewegung. Immer dem Mami hinterher.

Autor: Bettina Leinenbach