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29. Oktober 2012

Im Dienste des Planeten

Je einfacher wir leben, desto besser geht es der Welt, ist Christa Schmidmeister überzeugt. Sie ist die einzige Schweizer Botschafterin der Erdcharta.

Christa Schmidmeister
Der respektvolle Umgang mit der Erde ist ihr 
seit der Kindheit ein 
Anliegen: Christa Schmidmeister.

Als die Erdcharta (siehe Box rechts) 1987 ins Leben gerufen wurde, wohnte Christa Schmidmeister (53) im Bündner Domleschg, im Dorf Almens. Die Zürcherin zog dahin, weil sie der Natur näher sein wollte. Sie war seit wenigen Jahren verheiratet und hatte zwei kleine Töchter, eine dritte war unterwegs. In ihrem Garten spielten die Mädchen neben selber angepflanztem Gemüse. «Natur pur» lautete schon damals Christa Schmidmeisters Devise. Eine Frau, deren Herz mit der Erde verbunden ist. Die ausgebildete Lehrerin engagierte sich im Ort, leitete die Kirchgemeinde, organisierte ökumenische Projekttage, initiierte Skilager und zog daneben ihre Töchter gross, die heute alle in den 20ern sind und teilweise schon selber Kinder haben.

Von der naturverbundenen Träumerin zur Botschafterin

Im Jahr 2000, als die Erdcharta nach mehr als zehn Jahren endlich publiziert wurde, las sie auch Christa Schmidmeister und dachte sich: Da hat jemand aufgeschrieben, was ich schon lange im Herzen trage. Die Erde ist doch unsere Heimat, wieso trampeln wir so respektlos auf ihr herum? Die Frage beschäftigte sie schon als Kind. Nie hatte sie verstanden, wieso die Leute ihren Abfall einfach aus dem Autofenster warfen. Die Indianer, deren Geschichten sie als Kind las, hätten das nicht getan, war sie sich sicher. Hätte sie es als Kind gekonnt, wäre sie zu den Indianern gezogen. Christa Schmidmeister war eine naturverbundene Träumerin, aus der eine Idealistin wurde — und letztlich eine Botschafterin.

Christa Schmidmeister: «Jeder Einzelne zählt, der sich für eine bessere Welt einsetzt.»
Christa Schmidmeister: «Jeder Einzelne zählt, der sich für eine bessere Welt einsetzt.»
«Wenn man genau hinschaut», sagt Christa Schmidmeister, «sieht man, wie abwechslungsreich die Natur ist.»

Seit sie die Erdcharta kennt, setzt sie sich für sie ein. Dafür hat sie sich bei der Friedensuniversität in San José als Erdcharta-Botschafterin angemeldet und sich zertifizieren lassen. Sie ist bisher die Einzige in der Schweiz, die sich Erdcharta-Botschafterin nennen darf. Als Botschafterin hat sie sich verpflichtet, den Ruf des Dokuments zu wahren und seine ethischen Grundsätze zu fördern. Die Erdcharta, heute nach wie vor noch eine Vision, soll eines Tages wie die Menschenrechte von der Uno-Vollversammlung angenommen werden.

Je bewusster man verzichtet, desto einfacher ist es.

Bietet Christa Schmidmeister etwas zu trinken an, fragt sie nicht: «Was hätten Sie gerne?», sondern: «Was tut Ihnen gut?» Ein Glas Wasser, ein Sirup, selbst gemacht? Das könnte etwas Aufdringliches haben, weil sie mit der Frage in eine zwischenmenschliche Zone dringt, wo Fassade nichts mehr zu suchen hat. Man könnte es sich einfach machen und Christa Schmidmeister mit dem Label Gutmensch etikettieren, der sich für etwas Erhabeneres hält, weil er es geschafft hat, dem übermässigen Konsum abzuschwören. Sie handelt auch klischeehaft, wenn sie auf einem Spaziergang von Scharans, wo sie heute wohnt, Richtung Almens einen Regenwurm aus dem staubigen Weg hochhebt und ihn im Grün wieder sich selber überlässt. Aber ihr nimmt man es ab, das aufrichtige Interesse am Menschen und am Regenwurm. Erhaben? «Das bin ich nicht», sagt sie auf einer Bank mit Blick auf den Piz Beverin auf der anderen Talseite. Die Demut der Natur gegenüber macht sie klein, auch etwas unsicher. «Ich habe auch Zweifel», sagt sie. Im Moment kämpft sie damit, sich nach einer Weiterbildung in nachhaltiger Entwicklung noch stärker als Fachfrau zu positionieren und für Leistung Geld zu verlangen.

Ihr Schulprogramm wurde von der Unesco ausgezeichnet

Manchmal fühlt sie sich der Entwicklung der Welt gegenüber ohnmächtig. Mit diesem Gefühl der Ohnmacht wird sie auch konfrontiert, wenn sie vor Schulklassen spricht, Schulungen für Unternehmen und Vereine hält. Oder wenn sie wie letztes Jahr an der Nachhaltigkeitsmesse Life Fair in Zürich, die sie mitorganisiert hat, einen Stand betreibt. Oft wird sie gefragt, was es bringe, wenn man nachhaltig lebe, während andere für Shoppingtrips nach New York fliegen. «Jeder muss für sich entscheiden», sagt sie. Aber auch: «Jeder Einzelne zählt, der sich für eine bessere Welt einsetzt.»

Christa Schmidmeister lebt im bündnerischen Scharans mitten in der Natur.
Christa Schmidmeister lebt im bündnerischen Scharans mitten in der Natur.

Drei Jugendlichen, die in der Sturm-und-Drang-Phase den Wegweiser in die Zukunft nicht mehr sahen, habe sie kürzlich gesagt: «Jeder Mensch ist wertvoll.Es gilt herauszufinden: Was kann ich beitragen, wo ist mein Platz?» Dies seien Fragen, die Jugendliche beschäftigten. Ihr Schulprogramm wurde letztes Jahr von der Schweizer Unesco-Kommission ausgezeichnet. In den Workshops lernen die Jugendlichen nicht nur, wie ein nachhaltiges Leben aussehen kann, sondern auch, wie man gewaltfrei Konflikte löst.

Haben die Jungen denn noch eine Zukunft in einer Welt, die sich selber zugrunde richtet? In der Tiere, Pflanzen und indigene Völker aussterben? Christa Schmidmeister überlegt. Ihr Blick ist ernst, in die Ferne gerichtet. Aber eigentlich schaut sie in sich hinein. Sie gibt zu, dass ein konsequent nachhaltiges Leben auch eine gewisse Schwere hat. Verzicht ist nichts, was einen in Jubel ausbrechen lässt. Doch je bewusster man verzichte, desto einfacher sei es, sagt sie. Leute, die mit gutem Beispiel vorangingen, hätten sie ermutigt. Und auch sie will Mut machen für einen erdverträglichen Lebensstil. Geflogen ist Christa Schmidmeister das letzte Mal vor über zehn Jahren. Sie besuchte damals ihre mittlere Tochter in Island, wo diese mehrere Monate lebte. Die Mutter in ihr hatte die Umweltschützerin besiegt.

So gut es geht, lebt sie biologisch und fleischlos. Kleider hat sie schon lange keine mehr gekauft. Lieber näht sie und macht aus Alt wieder Neu. Wenn sie etwas kauft, schaut sie auf Qualität und faire Produktion. Sie fragt sich: «Was brauche ich unbedingt?» Und jedes Mal laute die Antwort: «Nicht viel.» Und dabei sieht sie auch noch munter aus. Die Frau hat keine Sorgenfalten. Sie ist nicht griesgrämig, ihr Lachen verbreitet Zuversicht.

Das Göttliche ist überall, in den Pfingstrosen wie den Eisblumen

Doch zwei Dinge braucht Christa Schmidmeister: Menschen und die Natur. Für Freunde und Familie, ihre Töchter und Enkelkinder will sie da sein. In ihrem Kreis kann sie gestalten, ein Umfeld der Liebe und des Respekts schaffen. Sie will Spiritualität im Alltag leben. Gott ist für sie nicht derjenige, der im Himmel hockt und auf die Erde schaut. Das Göttliche ist überall. In den Sonnenstrahlen, die ihr in der Mittagspause auf dem Balkon das Gesicht wärmen. «Ein Luxus», findet sie. In all den kleinen Wundern der Natur. In den Eisblumen im Winter, den Pfingstrosen, ihrer Lieblingsblume, im Frühling, im Sommer in den Kirschen, die sie in ihrem Naturgarten erntet und dörrt, im Herbst in den bunten Blättern der welken Bäume.

«Wenn man genau hinschaut», sagt sie, «sieht man, wie abwechslungsreich die Natur ist.» Immer wieder kommt Neues, ohne dass man dafür Geld ausgeben muss. Sie erörtert die beiden Begriffe Sein und Haben. Wovon braucht man mehr? Mehr Haben oder mehr Sein? Mehr Haben auf Kosten von was? Wer viel haben will, muss viel für Geld arbeiten. «Ich finde, die Menschen sollten ein bisschen weniger müssen», sagt sie. Sich etwas einzuschränken befreie auch von Zwang und schaffe Freiräume. «Ich will nicht missionieren», sagt Christa Schmidmeister, sie wolle lediglich Wege aufzeigen und auch vorleben. Und sie lässt gelten: Jeder Weg macht Sinn, den jemand geht.

Mehr über die Erdcharta sowie Kontaktdaten: www.erdcharta.ch

Autor: Erika Burri

Fotograf: Sophie Stieger