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17. Oktober 2016

Im Dienst der Gesellschaft

Schweizer leisteten im vergangenen Jahr 1,6 Millionen Zivildiensttage – das ist neuer Rekord. Was reizt junge Männer wie Lorenz Achtnich, Gabriel Schaffter und Michael Künzler, den anderthalbmal so langen Ersatzdienst ohne Waffe in Kauf zu nehmen?

Cover: Keep Calm And Ask Zivis

Eine Weide im Kanton Freiburg zwischen Gantrisch und Murtensee. Der Zivildienstleistende Lorenz Achtnich nimmt vorsichtig einen jungen Rotmilan aus einem Jutesack. Der Raubvogel wurde entkräftet aufgefunden und aufgepäppelt. Jetzt soll er wieder in die Freiheit entlassen werden. Unter dem aufmerksamen Blick des Projektleiters streckt der Zivildienstleistende die Arme mit dem braun gefiederten Tier weit von sich. Der Vogel schlägt ­einige Male mit den Flügeln, fliegt über das nahe ­Bauernhaus davon – und landet in ­einer Baumkrone.

Ihre Meinung interessiert uns!
Was halten Sie vom Zivildienst? Eine gute Alternative zum Militär, gar sinnvoller als die Armee oder überflüssig? Antworten und diskutieren Sie in den Kommentaren.


«Für mich als angehender Umweltingenieur ist das der perfekte Einsatzort», sagt Achtnich nach der erfolgreichen Freilassung. «Ich war zuerst im Militär. Der Zivildienst ist für mich persönlich jedoch der deutlich sinnvollere Dienst.»
Ähnlich wie Achtnich sehen es Tausende von jungen Schweizern, die Militärdienst leisten müssten, sich stattdessen aber für den anderthalbmal so langen Zivildienst entscheiden. Offen steht dieser in der Schweiz jedem, der militärdiensttauglich ist und aus Gewissensgründen kein Militär leisten kann. So steht es im Gesetz. Anders als im Militär müssen sich die Zivildienstleistenden selber um ihren Einsatz kümmern, die Wahl des Einsatzorts und Zeitpunkts ist ihnen grösstenteils selbst überlassen. Allein im vergangenen Jahr erbrachten rund 18 000 Zivil­dienst­leistende 1,6 Millionen Dienst­tage. Ein neuer Höchstwert. Ihren Einsatz leisten die «Zivis», wie sie sich selber meist bezeichnen, in öffentlichen oder gemeinnützigen Unternehmen.

Nach 20 Jahren regt sich noch immer Kritik
Der Widerstand gegen den Zivildienst war in der Schweiz lange Zeit gross. Bereits vor 100 Jahren setzten sich Militärgegner und christliche Kreise für die Einführung eines zivilen Ersatzdiensts ein. Doch bürgerliche Parteien und Armeeangehörige wehrten sich vehement gegen das Vorhaben. Mehrere Vorlagen scheiterten an der Urne. Erst im Jahr 1992 stimmte die Schweiz als eines der letzten Länder Westeuropas der Einführung des Zivildiensts zu. Im Oktober 1996 traten die ersten Männer den neuen Dienst an.

Heute, 20 Jahre später, ist der Zivildienst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und sorgt dennoch immer wieder für Kritik, wie zuletzt in den vergangenen Monaten: Bürgerliche Politiker und Medien kritisieren, der Zivildienst sei zu attraktiv und gefährde die Armee; sie stellen grundsätzlich seinen Sinn infrage.

Vor dem regionalen Zivildienstzentrum in Thun stehen rund 30 Männer in der Morgensonne. Sie alle haben sich für den Ersatzdienst entschieden und sind heute zum Einführungstag aufgeboten. Die Männer tragen Sonnenbrillen, Baseballmützen, T-Shirts, die Haare lang oder kurz rasiert. So unterschiedlich wie ihr Äusseres fallen auch ihre Antworten aus auf die Frage, weshalb sie sich für den Zivildienst entschieden haben. «Weil ich hier wertvolle Erfahrung für meine spätere Ausbildung sammeln kann», sagt einer. «Weil ich in der Rekrutenschule nichts Sinnvolles gemacht habe», ein anderer.

Wie einfach der Wechsel vom Militär- in den Zivildienst ist, erklärt einer der Männer anschaulich: «Man muss nur ein Dokument herunterladen, erklären, dass man einen Gewissenskonflikt hat, die Unterlagen abschicken – und fertig. Ein paar Wochen später ist man am Einführungstag.»
Christoph Hartmann, Leiter des Zivildiensts, sitzt in seinem Büro im Regionalzentrum Thun. Ist der Zivildienst zu beliebt? «Die Zivis erbringen mit einer anderthalbmal längeren Dienstzeit den Tatbeweis des Gewissenskonflikts», sagt Hartmann. «Der Zivildienst ist eine Dienstpflicht und kein Ferienlager.» Er begrüsse, dass wieder vermehrt über die Rolle des Wehr- und des Zivildiensts diskutiert werde. «Für die Zukunft wünsche ich mir, dass der Zivildienst weiterhin den grösstmöglichen gesellschaftlichen Nutzen erbringt und dort hilft, wo die Ressourcen fehlen.» So sehen es auch die meisten der jungen Männer auf dem Vorplatz des Zivildienstzentrums. 

Vogelforschung: Lorenz Achtnich (22)

Einsatzort: Kanton Freiburg

Einsatzdauer: 6 Monate

«Ich habe kein Problem mit dem Militär. Vor dem Zivildienst absolvierte ich die Rekrutenschule und hatte dort eine gute Zeit. Kaum war ich fertig, kam bereits das Aufgebot für den ersten Weiterbildungskurs. Weil der Termin für mich sehr ungünstig war, entschloss ich mich zum Wechsel in den Zivildienst. Als ich sah, was es hier für Einsatzbereiche gibt, war ich begeistert – speziell von den Möglichkeiten im Umweltbereich.

Zurzeit arbeite ich bei einem Rotmilan-Projekt im Kanton Freiburg. Ich unterstütze Forscher bei ihren Projekten. Wir wollen herausfinden, weshalb hier eine der grössten Rotmilanpopulationen der Welt lebt. Ich analysiere Videos von den Nestern, schaue, womit die Jungvögel gefüttert werden. Wir beobachten die Tiere im Feld bei ihren ersten Flugversuchen und peilen die Vögel, von denen die meisten einen Sender tragen, mit einer Antenne an. So wissen wir genau, wie sie sich im Gebiet bewegen. Diese Art von Forschung gefällt mir sehr. Ich würde sofort ein weiteres halbes Jahr hier bleiben.»

Sozialarbeit: Gabriel Schaffter (27)

Einsatzort: Intensive stationäre Betreuung für Asylsuchende, Basel-Stadt

Einsatzdauer: 6 Monate

«In der Unterkunft für ‹vulnerable Asyl­suchende› in Basel leben unter anderem Flüchtlinge, die von psychischen oder physischen Krankheiten betroffen sind. Auch alleinreisende Mütter und ihre Kinder wohnen hier. Zusammen mit einem weiteren Zivi bin ich erste Ansprechperson für die Bewohner. Wir kümmern uns um all das, wofür den Sozialarbeitern die Zeit fehlt. Wir vereinbaren Arzttermine, begleiten die Leute zu Behörden, geben Nachhilfe und betreuen die Kinder in ihrer Freizeit – das mache ich am liebsten.

Erst kürzlich war ich mit ihnen auf dem Bauernhof meiner Eltern, und wir haben dort Brot gebacken. Es war für mich immer klar, dass ich kein Militär leisten möchte. Ich halte den Zivildienst für sinnvoller. Der Einsatz hier ist ein guter Kontrast zu meinem Studienalltag. Ich bin froh, dass ich nicht dienstuntauglich bin, denn ich leiste diese Einsätze wirklich gern. Dank dem Zivildienst erhalte ich ­Zugang zu Lebenswelten, die mir sonst verschlossen blieben.»

Medizin: Michael Künzler (32)

Einsatzort: Inselspital Bern, Orthopädie

Einsatzdauer: 8 Monate

«Der Einsatz hier ist für mich ideal. Ich habe mein Medizinstudium abgeschlossen und möchte später als Schulterspezialist arbeiten. Auf der Orthopädie bin ich genau richtig. Ich helfe bei verschiedenen wissenschaftlichen Projekten zur Erforschung von Schulterverletzungen und Verbesserung von Operationstechniken mit, erledige unterstützende Arbeiten in den Sprechstunden und assistiere manchmal bei Operationen. Als Zivi helfe ich meistens dort aus, wo es gerade Engpässe gibt. Ein Grossteil meiner Aufgaben entsprechen etwa der Tätigkeit eines Assistenzarzts.

Als ich hier begann, stand auf meinem Namensschild ‹Zivildienstleistender›. Darauf reagierten viele Patienten sehr misstrauisch. Seit ‹Dr. med.› darauf steht, ist das besser geworden. Für meine Kar­riere war der Zivildienst nicht nur förderlich: Ehemalige Studienkollegen sind mir in der Weiterbildung ein Jahr voraus. Im Anschluss an den Zivildienst habe ich nun aber eine Stelle als Assistenzarzt auf der Chirurgie gefunden.»

Autor: Simon Jäggi

Fotograf: Beat Schweizer