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21. September 2015

Im Brockenhaus des Lebens

Bänz Friedli singt mit.
Bänz Friedli singt mit.

Unversehens pfeife ich mit, es ist mir anfänglich gar nicht bewusst. Erst als ein Wildfremder mit Schirmmütze pfeifend einfällt und auch meine Liebste mitzusummen beginnt, merke ich: Wir alle sind im Bann von Joe Dassin. Von irgendwoher – Lautsprecher sind keine zu sehen – erklingt sein «Salut». Ein Klavier, ein Pfeifen, schliesslich die Worte: «Salut, c’est encore moi. Salut, comment tu vas?» Wir sind en famille im Brockenhaus und bestaunen alte Stehlampen, Vitrinen voller Kristallgläser, Fünfzigerjahrestühle und Salontischlein. Und dann plötzlich dieser Dassin, in bester Tonqualität, glasklar! Das Chanson springt mich an, als wärs gestern gewesen, dass ich als Schüler diese LP kaufte, aber es war von neununddreissig Jahren.
Wie unbeschadet doch Melodien in unserem Kopf die Zeit überstehen, derweil man sich partout nicht erinnern kann, was man gestern zum Abendessen gekocht hat! Ganze Strophen sind noch da: «Le temps m’a paru très long, loin de la maison …» Und erst jetzt, da ich auch noch laut mitsinge, scheint es unseren Kindern allmählich peinlich zu sein. Auf der Ablage eines getünchten Buffetschranks entdecke ich dann den Platten­spieler, der das ganze Brockenhaus beschallt, daneben die LP-Hülle mit dem ewig jungen Dassin. «… J’ai pensé à toi …»

Bänz Friedli (50)
Bänz Friedli (50) singt mit.

Am selben Nachmittag noch sticht mir ins Auge, wie ein Telekommunikationsanbieter sein Glasfasernetz bewirbt: «Während Sie Ihren Lieblingssong hören, könnten Sie 300 Alben in Ihrem Online Store runterladen», steht da, daneben ist ein Riesenstapel Langspielplatten abgebildet. Diese Werbung ist ein grosses Missverständnis. Der hurtige Slogan unterschlägt, dass LP-Grafiken Kunstwerke sind, die man in Händen halten muss. Die wollen für Geschwindigkeit und Kapazität ihres Netzes werben, gut und recht. Aber dies ausgerechnet mit einer Beige LPs zu ver­anschaulichen – deren Hüllen zwar angejahrt sind, aber das tut dem Klang keinen Abbruch, er übertrifft ein digitales File um Längen –, setzt zwei Dinge gleich, die nicht dasselbe sind: Das rasche Beschaffen von Daten liefert noch lange nicht die Geschichten mit, die ­Erinnerungen und Gerüche, die Wachs­flecken und Rotweinringe auf der Kartonhülle, die von jener einen Nacht künden … Und das zerknitterte Textblatt von damals, als du im Schneidersitz am Stubenboden sassest und Joe Dassins Lieder auswendig lerntest: «Il était une fois quelqu’un …» All dies lässt sich nicht binnen Sekunden «runterladen».

Im Brockenhaus entschied sich unsere 17-Jährige übrigens für einen uralten Holztisch, mit Schrammen und Kratzern, einen, der schon reichlich gelebt hat. Für ihr eigenes Zimmer. Soll noch jemand sagen, die jungen Leute hätten keinen Sinn für Echtheit mehr.

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli