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28. Juli 2014

Im Betreuungsstress

Sebastian ist kein Problem. Der ist längst ein grosser Junge. (Ich rede von unserem Nachbarsbuben, für den «Bub» allmählich eine Beleidigung ist, er ist schon im Schnupperlehralter.) Zwar erinnere ich mich gut daran, wie er mit seinen Eltern in die Wohnung gleich nebenan zog; er hatte einen rosa Puppenwagen dabei, darin sein Bäbi namens Rivella. Jungs mit Puppenwagen finde ich ohnehin cool, noch dazu lachte der Kleine gewinnend unter seinen blonden Wusellocken hervor. Gleich am ersten Tag machte Rivella Bekanntschaft mit Susi und Monika, den Puppen unserer Kinder, und es war …

«War das ein Abklären und Aushandeln!»
«War das ein Abklären und Aushandeln!»

Ach, das ist lange her! Neuneinhalb Jahre später spielt er nicht mehr mit Puppen, die Turnschuhe vor seiner Eingangstür haben eine imposante Grösse, und man muss, wenn er allein ist, nicht mehr «zu ihm schauen». Früher, als Sebastian noch Sebi hiess und das eine oder andere Mal bei uns zu Mittag ass, reichte davor eine kurze Frage im Treppenhaus: «Du, könnte der Sebi morgen bei euch …» Erledigt. Inzwischen kommt er locker einige Tage ohne seine Eltern aus. Und hatte er zuweilen noch bei uns geklingelt, um nach dem Ersatzschlüssel zu fragen, wenn er wieder mal den seinen vergessen hatte, ist er mittlerweile gewieft genug, in die eigene Wohnung einzubrechen. Nein, Sebastian ist nicht das Problem.

Aber Mona! Die Katze. Die will betreut werden. Sie ist zwar beinahe so alt wie Sebastian, wächst aber im Gegensatz zu ihm aus dem Alter, da die Kreatur beaufsichtigt werden muss, nicht heraus … Himmel, was war das für ein Abklären und Aushandeln, bis der Betreuungsplan für diese Sommerferien stand! Ausgeklügelt, sauber getimt, mit Rücksicht auf die Ferienpläne von uns anderen Hausbewohnern und unter Einbezug der Schwiegereltern hängt nun eine Excel-Tabelle an unserer Memo-Wand, wer wann für Mona zuständig sei und welche Mahlzeiten sie zu welcher Tageszeit verabreicht bekommen soll, kulinarische Vorlieben und Diätvorbehalte mit einkalkuliert. Sie! Was so ein Tier wann isst und was keinesfalls, das ist eine Wissenschaft. Aber easy, ich hab Mona ja schon öfter betreut.

Wobei … Letzten Herbst war ihr meine «Betreuung» piepegal. Zwei Nächte und drei volle Tage lang blieb sie einfach weg. Ich verzweifelte zusehends: Ob dem Tier etwas zugestossen ist? Jesses, wie sag ich das ihren Eltern … also, Dings, Haltern? Freitagnacht würden sie heimkommen. Und wenn ich dann beichten müsste, die Katze sei … Wie sagt man? Verloren gegangen? Doch eine halbe Stunde vor der Heimkehr der Nachbarn tauchte sie plötzlich auf, strich schnurrend um meine Beine, und aus ihrem Schnurren war der leise Triumph zu vernehmen: «Ich lass mich halt nicht von jedem betreuen.»

Vielleicht ist ja etwas dran am angeblichen sechsten Sinn der Katzen? Mir fiel die Katze meiner Kindheit ein, Kecki, so getauft, weil sie aus einem Wurf von drei Kätzchen das vifste, vorwitzigste war. Hab ichs schon erwähnt? Kecki, schwarz-weiss gescheckt, war in unserer Familie, solang ich mich erinnern kann. Auch später noch, als wir Kinder längst ausgezogen waren, hauste sie bei meiner Mutter, inzwischen über 20 Jahre alt. Und als wir uns nach vielen Jahren endlich mal wieder alle um den Gartentisch versammelten, meine Geschwister, unsere Mutter und ich, kam sie leise angeschlichen, legte sich unter den Tisch in unsere Mitte und – starb.

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli