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18. April 2016

Ihre Worte gehen unter die Haut

Laura de Weck, Hazel Brugger und Katja Brunner: Drei junge Schweizer Sprachkünstlerinnen machen diesen Frühling von sich reden. Humorvoll und kritisch zugleich beleuchten sie aktuelle gesellschaftspolitische Themen.

Laura de Weck
Laura de Weck (34), Schauspielerin, Dramatikerin und Theaterregisseurin.

Wer sich für die Literatur- und Kleinkunstszene interessiert, kommt nicht an ihnen vorbei: Mit Laura de Weck, Katja Brunner und Hazel Brugger stehen gleich drei junge Talente im Rampenlicht, die die Möglichkeiten und Grenzen der Sprache ausloten.

Unterhält man sich mit Laura de Weck über Sprache, geht es schnell mal um Migration und Flucht. Beides beschäftigt die Jungautorin schon länger, auch aus «sprachfanatischem Interesse»: «Ich wunderte mich über all die Begriffe: Expat, Steuerflüchtling, Wirtschaftsflüchtling, echter Flüchtling.» Mit ihren in Dialogform verfassten Kolumnen im «Tages-Anzeiger» schafft es die Autorin, politische Diskurse als das zu entlarven, was sie eben auch sind: etwas, das unser Privatestes betrifft. Ihre Auseinandersetzung mit den Absurditäten und «den ganzen Ungleichbehandlungen» ist immer wieder sehr lustig. «Humor ist wie Musik: Er öffnet.» Selbst für ernste, politische Themen.

Mit solchen Themen beschäftigt sich auch die Zürcher Dramatikerin Katja Brunner. Für das Luzerner Theater schrieb sie über die Zumutungen des Altseins: Das Stück «Geister sind auch nur Menschen» begeisterte – und provozierte. Konsens stört die junge Frau; in der Welt der Intellektuellen ist sie gern ein Stachel. Und dass sie schon als 22-Jährige Lob und Ruhm erntete, hält sie für nichts Besonderes: «Warum traut man Menschen weniger zu, nur weil sie jünger sind? Das ist doch jammerschade. Vielleicht muss man das tun, um sich selbst als entwicklungsfähig sehen zu können?»

Hazel Brugger begeisterte schon mit 17 auf der Bühne. Die heute 22-Jährige überrascht mit Aussagen wie: «Sprache ist immer nur ein Hindernis für Inhalt.» Wie? Ausgerechnet sie, die Comedienne mit eigener abendfüllender Show? «Es ist so. Ich stehe einfach hin und rede, und es klingt gut. Das ist gefährlich, denn ich muss aufpassen, dass ich nicht über nichts rede. Ich will die Sprache überwinden, um an Inhalte zu gelangen.»

Wider intellektuelle Überheblichkeit
Auch die Qualität von Begegnungen will sie nicht dem Zufall überlassen: «Was können mein Gegenüber und ich tun, damit unser Werkzeug zusammenpasst und wir ein möglichst cooles Gespräch führen?» Brugger meint damit etwa Gespräche mit Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten. «Manchmal kriege ich mit, dass einige hier nicht richtig einschätzen, wie man mit Leuten spricht, die nur schlechte Deutschkenntnisse mitbringen; wie simpel sie sich ausdrücken könnten, ohne das Gegenüber gleich als debiles Kind dastehen zu lassen. Aber wenn hier alle ständig beweisen wollen, dass sie intellektuell oder sonst wie erhaben sind, wird es nichts mit dem Austausch und der Integration.»

In Deutschland sei im Übrigen zunehmend von «Geflüchteten» statt von «Flüchtlingen» die Rede, sagt de Weck. Katja Brunner freut sich über die Präzisierung, wendet jedoch ein: «Nur weil man die Sprache besser im Griff hat, ist man nicht erhabener über die Umstände. Gerade in Bezug auf die Flüchtlinge nehme ich eine Ohnmacht wahr. Wir tragen Willkommens-T-Shirts und versuchen, wenigstens unsere Sprache zu reinigen. Aber ist die sprachliche Erbsenzählerei nicht ein hilfloser und überheblicher Versuch, den Schuld­anteil an Konflikten ein­zudämmen, die unsere ‹erste› Welt überhaupt aus­gelöst hat?» 

Laura de Weck

KABINETTSTÜCKE ÜBER DAS PRIVATE IM POLITISCHEN

Als das Migros-Magazin sie vor fünf Jahren interviewte, steckte die inzwischen 34-jährige Schauspielerin, Dramatikerin und Theaterregisseurin tief in der Arbeit. Dann wurde Laura de Weck erstmals Mutter. Zugleich begann sie, Kolumnen zu schreiben – womit sie einem breiten Publikum bekannt wurde. Drei Jahre später kam ihr zweites Kind zur Welt.
Demnächst erscheint ihr Buch «Politik und Liebe machen» – kein Wunder also, dass sie von der Familienpolitik in ihrer Wahlheimat Hamburg schwärmt: «In Hamburg ist die Krippe kostenlos, und die Elterngelder gelten gleichberechtigt; Frau und Mann können sie sich aufteilen. Daran zeigt sich exemplarisch, wie schnell ein politischer Entscheid Rollenbilder und ihre gesellschaftliche Akzeptanz beeinflusst: Wenn ein Mann in Zürich sagt, er mache zwei Monate Vaterschaftsurlaub, denkt man: Wow! In Hamburg hingegen lautet die Reaktion: Was, nur zwei Monate?!»

Derzeit schreibt Laura de Weck an einem Filmdrehbuch. Auch darin geht es um das Ineinandergreifen von Politik und Intimem.

Laura de Wecks Buch «Politik und Liebe machen» erscheint im Mai beim Diogenes-Verlag.
Buchvernissage: 18. Mai, Kaufleuten, Zürich

Hazel Brugger

Hazel Brugger
Slam-Poetin Hazel Brugger

NETT VERPACKTE BÖSARTIGKEITEN

Es komme vor, dass Leute «Schiss» hätten, mit ihr zu reden, sagt die Frau, deren Sätze für gewöhnlich mit einer Pointe enden. «Weil sie fürchten, ich könnte sie fertigmachen. Und ja, ich könnte.» Schon am Gym­nasium galt Hazel Brugger, 22, als schräg – doch als sie mit 17 erstmals alsSlam-Poetin auftrat, ergab plötzlich alles einen Sinn.

Schon beim dritten Auftritt entdeckte Satiriker Viktor Giacobbo das komische Jung­talent – bald darauf lud er Hazel Brugger in seine Sendung ein. Inzwischen hat die Slammerin sogar ihre erste abendfüllende Comedy­show: Mit «Hazel Brugger passiert» tourt sie durch die Schweiz und durch Deutschland, daneben erfreut sie mit satirischen Kurzauftritten in der «heute-show», schreibt Kolumnen im «Magazin», moderiert hier etwas und ist dort zu Gast. Hazel passiert sozusagen überall.

Nun wartet sie auf das Ende des «Welpenschutzes»: «Man muss dann unbedingt genug Substanz haben, um nicht in ein Loch zu fallen», sinniert sie. «Vermutlich habe ich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung wie die meisten, die auf der Bühne stehen.»

Bruggers Kolumnensammlung «Ich bin so hübsch» erscheint am 6. Mai beim Verlag Kein & Aber.
Auftritte: www.hazelbrugger.ch

Katja Brunner

Katja Brunner
Theaterautorin Katja Brunner

LUSTVOLLES RINGEN UM PRÄZISION

Zehn Jahre ist es her, seit sie als 15-Jährige erstmals vor Publikum las, an Poetry Slams. Am Gymnasium in Zürich entdeckte sie die Dramatik, das Schreiben fürs Theater:
«Da war eine Freude am Ausdruck.» Darin habe man sie unterstützt, sagt sie – der Begriff «fördern» gefalle ihr nicht, «das klingt nach Karriere und Markt, weniger nach Eigenständigkeit».

Das ist typisch für die schnell und träf denkende wie auch artikulierende Zürcherin: Sie schaut sich eine Aussage blitzschnell, aber genau an, bevor sie sie bejaht oder ablehnt. Vom lustvollen Ringen um sprachliche Präzision ist auch Katja Brunners Werk durchdrungen. Das brachte ihr für das Stück «Von den Beinen zu kurz», das sie mit 18 schrieb und in dem es um Kindsmissbrauch geht, 2013 den Mülheimer Dramatikerpreis ein.

Danach studierte sie am Literaturinstitut Biel sowie «Szenisches Schreiben» in Berlin und schrieb weitere Werke, unter anderem als Hausautorin am Luzerner Theater, wo sie auch eine Late Night Show hatte. Ihr nächstes grosses Werk wird – der genaue Zeitpunkt steht noch nicht fest – an den Münchner Kammerspielen zu sehen sein.

Nächste Auftritte: 7. Mai, Solothurner Literaturtage; 19. Mai, Buchhandlung Labyrinth, Basel

Autor: Esther Banz

Fotograf: Sophie Stieger