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19. März 2012

Ihr Leben ist ein Comic

Kati Rickenbach gehört zu den erfolgreichsten Comic-Zeichnerinnen der Schweiz. Seit Kurzem ist die Zürcherin in der Babypause – und verarbeitet ihr momentanes Leben zu einem Comic.

Kati Rickenbach
Die Werke von Kati Rickenbach waren bereits in Oslo, Ravenna, Berlin und Neu Delhi zu sehen.

Kati Rickenbach (31) steht vor ihrem Arbeitsplatz in einem Grossraumatelier in Zürich und entschuldigt sich dafür, dass ihr Tisch so schön aufgeräumt ist. «Es ist jetzt halt nicht das kreative Chaos, das die meisten Leute erwarten würden», sagt sie. Der Grund, weshalb ihr Tisch bis auf den Computer und eine Wickeldecke leergeräumt ist: Seit sechs Wochen ist Kati Rickenbach Mutter einer Tochter und deshalb in der Babypause, die jetzt noch zwei Monate dauern wird. Trotzdem schaut sie oft in der Ateliergemeinschaft vorbei, isst dort zu Mittag oder scannt ihre Arbeiten ein.

An diesem Nachmittag ist es dort ruhig: Jemand zeichnet am Leuchttisch, zwei andere sind vertieft in ihre Arbeit am Computer. 14 Arbeitsplätze gibt es hier, und einen davon hat Kati Rickenbach, eine der erfolgreichsten Comic-Zeichnerinnen der Schweiz, gemietet.

Comics sind etwas für Kinder, denken immer noch viele

Seit ihrem Abschluss an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Luzern im Jahr 2005 arbeitet sie als freischaffende Illustratorin. Bisher sind zwei Bücher von ihr erschienen, sogenannte Graphic Novels. Das sind Comics in Buchform, Romane in Bildern sozusagen. «Comics sind mehr als nur Micky Maus, und sie sind auch nicht immer lustig oder nur für Kinder gedacht», erklärt die 31-Jährige. Doch bis das alle, auch die Buchhändler, begriffen hätten, brauche es halt seine Zeit, sagt Kati Rickenbach und erzählt, wie sie einmal erstaunt festgestellt habe, dass ihr Erwachsenen-Comic in der Kinderabteilung eines Buchladens zu finden war.

Ihr zweites, 270 Seiten umfassendes Buch erschien letztes Jahr und trägt den Titel «Jetzt kommt später». Erzählt wird, wie eine junge Schweizer Comic-Zeichnerin in Hamburg versucht, den Berufseinstieg zu schaffen. Klingt nach Kati Rickenbachs eigener Geschichte. Und das ist sie auch. Denn typisch für Kati ist, dass sie in ihren Arbeiten sehr nahe an ihrem eigenen Leben bleibt. Ob sie selber, ihr Ehemann Jon, ihre Freunde und jetzt neu ihre kleine Tochter Emma — alle werden gezeichnet. «Ich bin sehr eitel, deshalb sehe ich in den Comics besser aus als in Wirklichkeit.»

In ihrer Zürcher Wohnung hat sie sich zusätzlich ein kleines Atelier eingerichtet, wo sie regelmässig zeichnet. «Ich hatte Angst, dass ich, sobald das Kind da ist, keine Zeit und Energie mehr für meine Arbeit haben würde», sagt Kati Rickenbach. Doch erstaunlicherweise sei genau das Gegenteil der Fall. Bereits während der Schwangerschaft war sie voller Tatendrang: «Ich habe keine Ahnung, woher diese Power kam.» Sie sei nachts stundenlang wachgelegen, weil sie nicht müde war. Und auch jetzt, wo Emma da ist, komme ihre Arbeit nicht zu kurz. «Die Kleine schläft momentan noch viel und ist zum Glück total unkompliziert.» Und das Beste sei, dass sie mit der Schwangerschaft und jetzt mit dem Baby unendlich viele Geschichten zu erzählen habe. Sie habe schon hundert Ideen für neue Bücher, sagt Kati.

Trotz Erfolgs arbeitet sie nebenbei als Garderobendame

Als Nächstes steht das Schweizer Comicfestival Fumetto an, das vom 24. März bis 1. April zum elften Mal in Luzern stattfindet. Kati Rickenbach wird dort im Rahmen des «Damenstammtisches» zusammen mit Comic-Autorinnen aus anderen Ländern ausstellen. Es ist bereits das achte Mal in Folge, dass sie am Fumetto mit dabei ist.

In den letzten Jahren war sie auf vielen Comic-Festivals überall auf der Welt unterwegs. Darauf will sie auch in Zukunft nicht verzichten. Geplant ist bereits der Besuch eines Festivals in Bukarest — als Familienferien.

Auch wenn sich Kati Rickenbach mit mehr als 4000 verkauften Büchern und etlichen Illustrationsaufträgen zu den etablierten Comic-Zeichnern zählen darf, arbeitet sie noch einen halben Nachmittag pro Woche im Zürcher Museum Helmhaus an der Garderobe, ihr Skizzenbuch immer in Griffweite: «Es ist erstaunlich, wie viele Leute Mühe damit haben, ihre Tasche an der Garderobe in fremde Hände zu geben — das ist super Stoff für meine Arbeit.»

Das Comicfestival Fumetto wird vom Migros-Kulturprozent unterstützt. «Jetzt kommt später» ist bei Ex Libris mit 30 Prozent Vergünstigung für Fr. 24.– statt  Fr. 36.– erhältlich. www.exlibris.ch

Für das Migros-Magazin hat die Künstlerin Kati Rickenbach ihr neues Leben gezeichnet.
Für das Migros-Magazin hat die Künstlerin Kati Rickenbach ihr neues Leben gezeichnet.

Fotograf: Christian Schnur