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17. Oktober 2016

Igelbabys brauchen unsere Hilfe

Die Hotlines der Igelstationen laufen in diesen Tagen heiss. Die Temperaturen sind gesunken, Würmer und Käfer gibt es wegen der langen Trockenheit kaum mehr. Aber noch immer sind kleine Igel vor dem Winterschlaf auf Futtersuche. Soll und kann man den Kleinen helfen?

Ein zu schwacher igel?
Zu schwach, um den Winterschlaf zu überstehen: Im Herbst geborene Igel ohne Mutter überleben meist nicht ohne Hilfe. (Bild: ballero/iStock)

Wenn es herbstet und der Boden frostig wird, hagelt es Anrufe in den Igelstationen. «Die Leute sorgen sich um die Igel, sobald es kühl wird», sagt Sibylle Hurschler (23) von der Igelstation Ob- und Nidwalden.

Tatsächlich ist die Situation dieses Jahr aussergewöhnlich, sagt Bernhard Bader (58) von Pro Igel. Nach zwei milden Wintern hatten viele Weibchen zwei Würfe mit Jungen. Deshalb seien aktuell noch Igelmütter mit ganz kleinen Igeln unterwegs, die noch keine 60 Gramm wiegen. Um den Winterschlaf zu überstehen, muss ein Igel 700 Gramm auf den Rippen haben.

Die spät geborenen Igelbabys haben schlechtere Überlebenschancen als Frühjahrsgeborene, wie Bader sagt. «Die Herbstjungen, die es schaffen, sind starke Exemplare und gut für die Igelpopulation.» Wie viele Igel in der Schweiz leben, lässt sich nicht beziffern. «Aktuell müssen wir uns keine Sorgen um den Bestand machen», sagt Bader.

Vergangene Woche wurden Anneliese Girlich (76) von der Igelstation Rheinfelden AG unzählige Igelwürfe gemeldet. Sei die Mutter noch bei den Kleinen, würden sie gesäugt und umsorgt, und man solle sich nicht einmischen. Ein Igelbaby, das allein unterwegs ist, brauche aber unsere Hilfe.

Da sich ein kleiner Igel vielleicht bloss von seinem Wurf entfernt habe, müsse man die Situation genau beobachten, bevor man etwas unternehme, so Girlich. Im Interview warnt sie vor zu viel Aktionismus. 

Mehr Infos: www.igelzentrum.ch / www.pro-igel.ch
Notfallnummer: 079 652 90 42

Anneliese Girlich (76) leitet seit 36 Jahren die Igelstation Rheinfelden
Anneliese Girlich (76) leitet seit 36 Jahren die Igelstation Rheinfelden AG. (bild zVg)

DAS EXPERTENINTERVIEW

«Sähen die Igel aus wie Krokodile, ginge es ihnen besser»

Anneliese Girlich (76) leitet seit 36 Jahren die Igelstation Rheinfelden AG und betreut seit acht Jahren die Notfallnummer von Pro Igel für die ganze Schweiz.

Anneliese Girlich, wann braucht ein erwachsener Igel unsere Hilfe?

Das können Laien nur schwer abschätzen. Liegt ein Igel am Tag ungeschützt umher, bewegt sich nicht mehr fort, rollt sich nicht ein oder zieht ein Bein nach, ist verletzt, so ist ziemlich sicher etwas mit ihm nicht in Ordnung. Dann sollte man handeln, ihn einem Tierarzt oder einer Igelstation zeigen.

Was geschieht dort mit ihm?

Experten beurteilen, ob der Igel Würmer, Flöhe, Zecken oder eine Lungenentzündung hat. Je nach Verfassung stabilisieren sie ihn erst mit einer Mischinfusion mit Traubenzucker. Anschliessend können sie ihm die passende Medizin geben, ihn aufpäppeln und später wieder auswildern.

Und wenn ein Igel sehr dünn ist?

Wenn ein Igel jetzt, Mitte Oktober, nur um die 200 Gramm wiegt, kann man ihn ausnahmsweise an Ort und Stelle mit Katzenfutter füttern und Wasser dazustellen. Bananen, Äpfel und Milch sind nichts für Igel, auch wenn sich das hartnäckig in den Köpfen der Leute hält. Igeln bekommt vegetarische Kost nicht. Sobald sie schwer genug sind, sollte man kein Futter mehr hinstellen. Meistens füttern die Leute einen Igel einfach weiter, weil sie Freude haben, wenn er zu ihnen in den Garten kommt.

Weshalb schadet das dem Igel?

Eine Schale mit Katzenfutter kann weitere Igel anziehen. Der Igel ist kein reinliches Tier, er versäubert sich bei der Futterstelle, und so kommt es zu bakteriellen Infektionen. Ein Igel, der gefüttert wird, begibt sich nicht in den Winterschlaf.

Ein Igel, der gefüttert wird, begibt sich nicht in den Winterschlaf.

Sie betreiben die Notfallnummer von Pro Igel für die ganze Schweiz. Was ist Ihre Aufgabe?

Ich bin 24 Stunden erreichbar und helfe bei sämtlichen Fragen rund um kranke oder verletzte Igel oder mutterlose Igelsäuglinge weiter. Ich vermittle den nächsten Tierarzt, der etwas von Igeln versteht oder verweise an eine der landesweit 14 Igelstationen, die alle ehrenamtlich betrieben werden. Manchmal erreichen mich 30 Anrufe am Tag, im Monat sind es zwischen 250 und 300.

Sie betreiben auch die Igelstation Rheinfelden. Wird Ihnen das nie zu viel?

Ach was. Ich mache das gern. Gäbe es eine vergleichbare Betreuung für Biber oder Waschbären würde ich mich auch da engagieren. Ich bin sehr tierlieb. Als gelernte Lehrerin für Handelskorrespondenz und Informatik bin ich eine Quereinsteigerin. Seit Jahren lerne ich dazu und bilde mich weiter. Übers Jahr verteilt päpple ich etwa 230 Igel bei mir zu Hause auf, im Moment kümmere ich mich um neun Säuglinge und drei verletzte Tiere.

Der Igel ist ein Wildtier. Ist es richtig, dass wir ihn so umsorgen?

Die optimalen Lebensräume für Igel, wie Magerwiesen, Hecken und Gehölz, verschwinden, sie weichen einseitig bewirtschafteten, intensiv gedüngten und mit Pflanzenschutzmitteln behandelten Landwirtschaftsflächen. Weil wir ihren Lebensraum und damit ihre Nahrungsgrundlage zerstören, dringen die Igel in unsere Wohngebiete vor. Deshalb ist es auch unsere Aufgabe, ihnen zu helfen.

Das machen die Leute gern: Der Igel ist ein Sympathieträger.

Manchmal denke ich: Sähen die Igel aus wie Krokodile, ginge es ihnen besser. Weil sie aber so herzig sind, möchten viele sie mit Futter an ihren Garten binden oder gesund pflegen, obwohl ihnen nichts fehlt. Bei aller Liebe zu den Igeln wünsche ich mir etwas mehr Zurückhaltung. Sie sind und bleiben Wildtiere.

Wie helfen wir dem Igel am besten?

Igel brauchen Unterschlüpfe. Wir sollten Baumstrünke, Totholz, einen Teil des Strauchschnitts und Laub im Garten liegen lassen und möglichst auf Pestizide verzichten. 

Autor: Monica Müller