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06. Oktober 2014

«Ich wollte nicht zur Schule»

0,1 Prozent der Menschheit haben einen Intelligenzquotienten über 145. Christiane Stenger gehört dazu. Dabei war die Schulzeit der Gedächtnisweltmeisterin alles andere als glücklich.

Christiane Stenger, wie wird man eigentlich Gedächtnisweltmeisterin?

In der Grundschule war ich sehr unglücklich. Ich habe mir ständig irgendwelche Krankheiten ausgedacht, um nicht in die Schule gehen zu müssen. Ein Arzt schickte mich daraufhin zum Psychologen, wo ich einen Intelligenztest machte und dadurch in eine Hochbegabtenförderung kam. In diesem Rahmen besuchte ich einen Gedächtnistrainingskurs. Dort lernte ich, dass man sich zum Beispiel Zahlen merken kann, indem man sich Bilder vorstellt. Das hat mir so unfassbar viel Spass gemacht, dass ich dabei geblieben bin. So habe ich es geschafft, mir an den Junioren-Gedächtnisweltmeisterschaften in London und Kuala Lumpur am meisten zu merken.

Wie hoch ist denn Ihr Intelligenzquotient?

Als Achtjährige hatte ich einen IQ von 145. Der kann sich über die Jahre aber wieder verändern, je nachdem, wie viel man dafür tut. Der IQ spiegelt nur ein Potenzial wider, ist also quasi die Grösse eines Glases, das man mitbekommt. Schliesslich geht es aber nicht um das Glas, sondern darum, womit man es füllt. Am besten tut man das mit Begeisterung, Neugier und Leidenschaft für ein Thema.

Christiane Stenger (27) ist mehrfache Junioren-Gedächtnisweltmeisterin. (Bild: Johannes Löffler)
Christiane Stenger (27) ist mehrfache Junioren-Gedächtnisweltmeisterin. (Bild: Johannes Löffler)

In Ihrem Buch schreiben Sie darüber, wie man genialer wird. Haben Sie dafür ein paar ultimative Tipps?

Es hilft, sich bewusst zu machen, welche Stärken und Ziele man hat. Wenn man seine Gedächtnisleistung trainieren will, kann man sich ganz einfach Bilder vorstellen. Zum Beispiel bei einer To-do-Liste, auf der ein Coiffeurtermin, Milch kaufen und E-Mail schreiben steht. Dazu denke ich mir einfach eine bescheuerte Geschichte aus: Ich sitze beim Frisör, der schüttet mir eine Tüte Milch über den Kopf, beim Rausgehen stolpere ich noch über eine riesengrosse E-Mail. Wer konzentriertes Arbeiten trainieren möchte, dem empfehle ich die Pomodoro-Technik: einfach den Handytimer auf 25 Minuten stellen und sich in der Zeit von nichts ablenken lassen. Gerade für das Nachmittagstief eine super Möglichkeit, konzentriert zu arbeiten.

Was ist denn Ihre Definition von «genial»?

In meinem Buch will ich aufzeigen, dass es beim Genialerwerden nicht darum geht, dem Optimierungswahn nachzulaufen, sondern ganz entspannt und mit Spass seine Stärken und seine Potenziale auszuschöpfen.

In vielen Artikeln zur Neurobiologie liest man, dass Gehirnjogging überhaupt nichts bringt. Was stimmt denn nun?

Neurologen haben lange angenommen, dass Sudoku oder Kreuzworträtsellösen nicht allzu viel bringt. Es gibt neue Studien, die für das Gegenteil sprechen, sofern die Übungen schwieriger werden und einen wirklich fordern. Ich glaube fest daran, dass man das Gedächtnis trainieren kann, indem man was Neues macht. Lernen bedeutet, neue Verknüpfungen zu bilden und sein Gedächtnis herauszufordern. Es ist nie zu spät, mit dem Gedächtnistraining anzufangen.

Was kann man tun, um das Gehirn nach all dem Training zu entspannen?

Sich einfach nur auf eine einzige Sache konzentrieren. Ich habe zum Beispiel das Meditieren entdeckt. Früher hätte man mich damit jagen können, aber nach einem fünftägigen Meditationskurs hatte ich tatsächlich einen Monat so gut wie keinen Stress mehr. Achtsamkeit im Alltag ist wichtig, ganz bewusst das Mittagessen zu sich nehmen oder einfach nur dasitzen und auf den Atem achten.

Klicken Sie hier , um die Infografik mit Fakten rund ums Gehirn zu öffnen (Seiten 22 und 23 im Migros-Magazin vom 6. Oktober 2014).

Autor: Silja Kornacher