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06. Oktober 2014

«Ich will nicht eines Tages voller Reue auf dem Sterbebett liegen»

Ein Leben zwischen Liebesleid und Leinwandlust: Wie Jane Fonda, Grande Dame von Hollywood und ewige Rebellin, mit künstlichen Gelenken und viel Humor älter wird. Im Artikel rechts zeigen wir, wer die Nachfolger von Aerobic-Queen Fonda sind.

Die ehemalige Aerobic-Queen Jane Fonda.
Mit 77 Jahren auf Sinnsuche: Die ehemalige Aerobic-Queen Jane Fonda.

Jane Fonda, im Film «This Is Where I Leave You» spielen Sie eine Kindertherapeutin, die zu viel aus der eigenen Familie erzählt hat, was ihr die nun erwachsenen Kinder übel nehmen. Kriegen Sie solche Vorwürfe von Ihren eigenen Kindern auch zu hören?

Ja, mein Sohn Troy Garity, der auch Schauspieler ist, lädt mich ab und zu zum Lunch nach Beverly Hills ein und sagt: «Mutter, mir ist zu Ohren gekommen, dass du etwas Unangebrachtes getan hast.» Ich verrate hier natürlich nicht, worüber er mit mir schimpft. Aber es stimmt schon: Ich plaudere manchmal zu viel aus – auch in den Büchern, die ich geschrieben habe. Anders als im Film habe ich jedoch das Manuskript meinen Kindern und Ex-Männern gegeben, damit sie herausstreichen konnten, was sie nicht drin haben wollten.

Ihr Regisseur Shawn Levy sagt, Sie provozieren gern.

Nicht mehr. Zum Teil eben, weil meine Kinder wollten, dass ich damit aufhöre. Aber ich habe es mir nicht nehmen lassen, auf dem Weg vom Make-up-Trailer zum Set meinen Bademantel zu öffnen und den Umstehenden meine falschen Filmbrüste kurz zu zeigen. So, jetzt wissen Sie es. Ich hoffte, die Leute dachten, die Dinger seien echt.

Hätten Sie vor 30 Jahren eine Rolle mit Busenprothese angenommen?

Solche Rollen gab es damals nicht. Genauso wenig wie meine nächste Rolle in einer Netflix-Comedy-Serie, in der es um die gleichgeschlechtliche Ehe geht. Aber ich hätte sie schon damals gespielt. Ich habe 20 Jahre im sehr konservativen Staat Georgia gelebt und gesehen, wie Schwule und Lesben dort litten. Das machte mich sehr traurig, und ich verurteilte es auch immer.

Sie arbeiten derzeit mehr als auch schon. Haben Sie ein wiedergefundenes Bedürfnis, vor der Kamera zu stehen?

Abgesehen davon, dass ich von etwas leben muss, habe ich heute wieder Spass an meinem Beruf. Ich hatte Hollywood 15 Jahre lang den Rücken gekehrt, weil ich so unglücklich war. Ich kann nicht spielen, wenn ich unglücklich bin.

Mit 77 Jahren auf Sinnsuche: Die ehemalige Aerobic-Queen Jane Fonda.
Mit 77 Jahren auf Sinnsuche: Die ehemalige Aerobic-Queen Jane Fonda.

Was brachte die Wende?

Mein Entschluss mit 62 Jahren, mich von Ted Turner scheiden zu lassen. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, keinen Mann zu brauchen, um mich bestätigt zu fühlen. Das war ein sehr wichtiger Moment für mich.

Angeblich wollen Sie aber wieder heiraten?

Mit bald 77 nochmals heiraten? Wieso das denn? Nie und nimmer! Ted Turner habe ich auch nur geheiratet, weil er fünf Kinder hatte und wir in Georgia lebten. Ihm schien es so besser für die Kinder. Und er war es auch, der die Sicherheit einer Ehe brauchte. Nicht ich. In meinem jetzigen Freund habe ich einen liebenswürdigen Mann gefunden. Aber heiraten? Niemals!

Was hat Musikproduzent Richard Perry, das Ihre drei früheren Ehemänner Roger Vadim, Tom Hayden und Ted Turner nicht hatten?

Er ist ein wirklich netter Kerl. Als junge Frauen suchten wir ja den sexy glamourösen Player. Aber langfristig sind die etwas ruhigeren und weniger auffälligen Männer die besseren. Ich bin nun mit einem sinnlichen, jüdischen Mann zusammen, dessen Mutter stark war und der deshalb keine Angst vor einer starken Frau hat. Dabei hatte ich mich eigentlich schon damit abgefunden, dass ich nur noch einen Hund als Partner haben würde. Aber dann kam ich nach Los Angeles, um mein Knie zu operieren. Ich bekam nicht nur ein neues Knie, sondern auch einen neuen Lover.

Roger Vadim beschrieb Sie angeblich mal als «sprudelnd wie Champagner».

Ach ja? Das hat er mir nie gesagt. Sicher ist, er wurde wegen mir ein richtiger Koch. Wir hatten nicht viel Geld, und ich kochte so schlecht, dass er richtig kochen lernte, damit er diesbezüglich nie mehr unter einer Frau leiden musste.

Man findet Sie also eher in einem Stall als in der Küche?

Das stimmt sicher zeitweise. Ich koche nur für mich selber. Wenn ich Gäste habe, lasse ich jemanden ran, ders kann. Das weiss jeder, der mich kennt. Meine Ranch in New Mexico ist jetzt allerdings zum Verkauf ausgeschrieben. Ich wäre oft lieber auf einer Farm mit Hühnern und Pferden als auf einem roten Teppich, aber ich kann nicht mehr reiten. Ich leide unter Arthrose, das heisst, ich muss nach und nach einzelne Körperteile ersetzen. Ich bestehe schon halb aus Metall. Bionisch, nennt man das wohl. Ich falle auseinander, aber ich sehe noch ganz gut aus, oder?

Auf jeden Fall! Sie scheinen die Beschwerden des Alters mit Humor zu nehmen.

Wissen Sie, wieso? Zehn Jahre mit Ted Turner! Der Mann hat hysterisch viel Humor. Ich stamme ja von einer langen Linie deprimierter Leute ab. Mein Comebackfilm war «Monster-In-Law», ein dümmlicher Film, aber ich war darin wirklich lustig. Ich hätte die Rolle nie spielen können, wäre ich nicht mit Ted Turner verheiratet gewesen. Er hat mir gezeigt, dass man total übertrieben und schräg und trotzdem liebenswürdig sein kann. Abgesehen davon haben Studien bewiesen, dass man im Alter allgemein positiver wird. Man hat schon einige Katastrophen hinter sich und macht aus Mücken keine Elefanten mehr.

Sie sind also weniger deprimiert als früher?

Ja, ausser vielleicht beim Schreiben. Ich habe sieben Bücher veröffentlicht und möchte jetzt einen Roman schreiben. Aber ich bin bereits von elf Verlegern abgewiesen worden. Das ist eine Lektion in Demut! Ich werde nun einen Workshop besuchen, um zu lernen, wie man einen Roman schreibt.

Ihre Mutter brachte sich um, als Sie zwölf waren, die Beziehung zu Ihrem berühmten Vater Henry Fonda war nicht einfach. Welche sind die schönsten Erinnerungen?

Ich kann mich daran erinnern, wie James Stewart nach der Beerdigung meines Vaters von einem grossen Drachen erzählte, den die beiden zusammen bauten und fliegen liessen. Obwohl sie politisch das Heu nicht auf der gleichen Bühne hatten, waren sie lebenslang dicke Freunde. Dads Maskenbildner war auch da und berichtete, wie mein Vater ihm immer von mir erzählte, wenn er in der Maske sass (ihre Augen füllen sich mit Tränen). Ich hatte keine Ahnung. Ich liebte meinen Vater. Es ist seltsam, wenn man erst von anderen Leuten erfährt, dass der Vater einen auch lieb hatte. Mein Vater ist sicher auch der Grund, wieso ich eine Aktivistin geworden bin.

Inwiefern?

Gerechtigkeit und Fairness waren ihm wichtig, und er spielte deshalb in Filmen wie «12 Angry Men», die für den Underdog einstanden. Mich zog es deshalb auch in die Richtung, ich wollte ja seine Anerkennung. Die ersten 30 Jahre war ich zwar ein dummer, frivoler Genussmensch, aber dann kam Vietnam.

Ihr Engagement gegen den Vietnamkrieg hat Sie lange verfolgt. Haben Sie mit diesem ­Kapitel abgeschlossen?

Ich werde es bis zu meinem Tod bereuen, in Nordvietnam neben einer Flugabwehrrakete fotografiert worden zu sein. Es sah aus, als sei ich gegen mein Land und die Soldaten. Das Gegenteil war der Fall. Ich bereue es, kann es jedoch nicht ändern. Mein dritter Lebensakt besteht nun darin, aus allem Sinn zu machen. Ich will nicht eines Tages voller Reue auf dem Sterbebett liegen wie mein Vater.

Die Aussenpolitik der USA ist heute nicht einfacher als damals. Wo stehen Sie politisch?

Ich bin nach wie vor ein Fan von Barack Obama. Ich bin dankbar, dass sein erster Reflex nicht der Griff zur Bombe und zur Invasion ist. Aber er kommt wegen seiner Vorsicht unter die Räder, und das ist schade.

Wer wird ihn in zwei Jahren ablösen?

Ich stimme für Hillary Clinton. Mir scheint es wichtig, dass eine Frau Präsidentin der USA wird. Frauen packen Aufgaben anders an: Bei Männern geht es von oben nach unten, bei Frauen eher kollaborativ im Kreis, also demokratischer. Ich bin allerdings nicht sicher, ob Hillary so operieren wird – oder so tun wird, als sei sie ein Mann. Ich hoffe es mal nicht. Sie ist sehr gescheit, und ich glaube, sie hat aus Fehlern gelernt.

Kennen Sie die Schweiz?

Ich habe gerade in der Schweiz gedreht: «The Early Years» in Flims und Davos mit Paolo Sorrentino, der den Oscar für «La Grande Bellezza» gewonnen hat. Es war ganz toll und surreal. Ich spiele eine 81-jährige Hollywood-Diva, die ihrem Regisseur beibringen muss, dass sie in seinem Film nicht mitspielen wird. Warten Sie, bis Sie mich darin sehen!