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02. Mai 2016

Ich will nicht, ich mag dich nicht!

Wenn Kinder in Rage geraten, können sie gegen ihre Eltern ganz schön austeilen. Doch aus Expertensicht sind solche Wutausbrüche völlig normal – mit Gelassenheit bekommen Eltern die Situation meist wieder in den Griff. Kinder und ihre Eltern berichten aus ihrem Alltag. Wie gehen Sie mit Ausrastern um: Warten Sie ab, oder brüllen Sie ebenfalls? Womit haben Sie gute Erfahrungen gemacht? Verraten Sie es unten im Kommentar.

Alina (r.) und Chiara
Alina (r.) und Chiara: erst schimpfen und schmollen, dann Frieden schliessen.

Das sechsjährige Mädchen lächelt, als könnte es kein Wässerchen trüben. Ava Catucci aus Bern zeichnet farbige Engel und antwortet höflich auf Fragen – kaum vorstellbar, dass sie überhaupt toben kann. Avas Nase kräuselt sich. «Doch, manchmal explodiere ich fast», sagt sie ernst. «Zum Beispiel kürzlich, als Papa von meinem Lebkuchen naschte.» Eigentlich sei es ihr gar nicht um den Lebkuchen gegangen, sie teile gern.
Aber sie war müde von einem Tag in der Tagesschule und im Kindergarten, und sie fand, ihr Vater hätte wenigstens fragen können. Und da kam sie plötzlich, diese Wut, die sich manchmal «wie ein Riesendruck im Kopf» ansammelt und irgendwo rausmuss. Ava warf sich zu Boden, strampelte und schrie: «Du bist so was von ­gemein!»

Patrizia Catucci und Tochter Ava
Patrizia Catucci, Tochter Ava haben wirksame Wege gefunden, mit Wutausbrüchen umzugehen.

Manchmal findet Ava ihren Papa und ihre Mama «die blödesten Eltern auf der ganzen Welt». Wie ihr Vater Adrian (39) ist sie aber froh, dass ihre Mutter Patrizia (39) solche Situationen fast immer gelassen nimmt. «Derartige Wutanfälle hat Ava ungefähr einmal pro Woche. Es begann, als sie anderthalb Jahre alt wurde», sagt die Kommunikationsfachfrau. Am hilfreichsten sei es, wenn sie ihre Tochter einen Moment liegen lasse oder sie für eine Weile ins Zimmer bringe. «Irgendwann ist der Druck draussen und alles vorbei, dann tut es Ava sehr leid», sagt sie. Das ­Mädchen nickt still; es ist ihm peinlich, darüber zu reden. Und natürlich meint es auch im zornig­sten Moment nicht wirklich, dass es die blödesten Eltern hat. Es ist einfach überfordert – von Gefühlen, von Anspannung.

Eine dunkle Wolke namens Wut

«Solche Situationen entstehen oft aus einer Überlastung», erklärt Britta Went (48), Beraterin beim Elternnotruf. Sie rät überforderten Eltern, emotional präsent zu reagieren und Balance zu halten: «Manchmal ist es angesagt, loszulassen, manchmal, Bedürfnisse zu erfüllen oder einfach Frustrationstoleranz zu üben» (siehe Interview rechts).

Mit Frustrationstoleranz hat Reto Mani (46), Informatiker aus Bern, gute Erfahrungen gemacht. Wenn sein Sohn Jun Rösli (7) tobt und schreit, versucht er einfach, auszuatmen und Ruhe zu bewahren: «Gegendruck verschärft die Situation nur. Am besten ist es, nicht gross zu reagieren.» Er wuschelt in Juns Haaren, der neben ihm auf dem Sofa umherturnt, und lächelt. «Aber das ist nicht immer einfach.» Jun lächelt schief zurück: «Für mich auch nicht.»

Reto Mani mit seinem Sohn Jun
Reto Mani ist seinem Sohn Jun gegenüber nie nachtragend.

Dann zieht nämlich die Wut wie eine schwarze Wolke um seinen Kopf, und er möchte am liebsten drauflosboxen. «Es kann mich so wütend machen, wenn Papa mit Zwiebeln kocht – die hasse ich», sagt er. «Oder wenn meine ältere Schwester Noa beim Spielen gewinnt. Oder wenn es mit dem Schlagzeug­üben gar nicht klappt. Dann spüre ich im ganzen Körper eine Riesenwut.» Nicht selten schreit er dann ärgerlich, er wolle einen anderen Papa, sofort. Der nimmt das nicht tragisch. Das müsse einfach raus, denke er sich jeweils. Weder er noch Juns Mutter Isabelle Rösli (46) tolerieren aber, dass Jun Gegenstände kaputtschmeisst oder dreinschlägt.

Reto Mani hat festgestellt, dass es hilft, wenn sein Sohn oft draussen spielen kann. Oder wenn er seine Kraft am Sandsack auslässt, der seit Weihnachten im Wohnzimmer von der Decke hängt. Sobald Wut und Energie verpufft sind, ist Jun wieder gut gelaunt. Er mag dann auch nicht mehr mit den Eltern über das Vorgefallene reden. «Dann ist es ja wieder gut», sagt er. Für den Vater ist das okay: «Ich bin nicht nachtragend, vorbei ist vorbei.»

Ein Ventil finden für angestaute Wut

Tatsächlich bringt es nichts, auf ein Kind einzureden, solange es noch wütend ist. «Das erzeugt nur zusätzlichen Druck», bestätigt Elternberaterin Britta Went. Stattdessen müssen die Kinder die Anspannung irgendwie loswerden.
Das merkt auch Dora Corti (47) aus Bremgarten immer wieder, vor allem bei der jüngeren ihrer beiden Töchter, Alina (7): «Sie muss sich einen Moment lang heftig austoben können, wenn sie sich über ihre Schwester oder uns Eltern aufregt», sagt die Dokumentationsspezialistin. Alina nickt und ergänzt: «Dann muss ich zappeln, wüten und Kissen rumschmeissen.»

Dora Corti versucht, sich nicht hineinziehen zu lassen und ruhig zu bleiben. Stattdessen wendet sie einen wirkungsvollen Trick an: «Mama nimmt meinen Kopf in die eine Hand und legt die andere Hand auf meine Stirn», erzählt Alina. «Das beruhigt und tröstet mich.»

Chiara, Alina und Dora Corti
Chiara, Alina und Dora Corti: Fluchwörter sind tabu.

Ihre neunjährige Schwester Chiara hingegen mag manchmal nicht so schnell einlenken, wenn sie sich über ihre Mutter ärgert, etwa weil sie etwas erledigen soll, was ihr nicht passt. «Dann sage ich laute Sachen und schlage die Tür hinter mir zu. Und ab und zu drohe ich sogar, zur Grossmutter zu ziehen», erzählt sie. Das beeindruckt ihre Mutter allerdings nicht sonderlich: «Ich weiss, dass das in Rage dahergesagt und nicht so gemeint ist.»

Harsche Fluchwörter oder Ausdrücke wie «Ich hasse euch» dulden sie und ihr Mann Andreas (46) allerdings nicht: «Respekt und Toleranz finden wir auch in der Familie sehr wichtig.» Und auch ihren beiden Töchtern ist es wohler, wenn sie sich nach einem Streit entschuldigen und mit den Eltern wieder Frieden ­geschlossen haben.

Erst Krach, dann Komplimente

Den meisten Kindern tut das, was sie in einem heftigen Ausbruch gesagt haben, im Nachhinein leid. Der neunjährige Alexandre Fotiadis aus Bremgarten äussert deshalb «möglichst selten wüste Worte». Aber ab und zu findet er seine Eltern sehr ungerecht. Beispielsweise dann, wenn ihn seine jüngere Schwester Sibel (6) ärgert oder verbotenerweise in sein Zimmer geht und darum ein Geschwisterstreit entbrennt.

Alexandre, Zöhre Fotiadis und Sibel
Alexandre, Zöhre Fotiadis und Sibel: Auf Unmut folgen Umarmungen.

Schwappt diese Spannung auf die Eltern Zöhre Ucurum Fotiadis (44) und Dimitrios Fotiadis (44) über, kommt es auf allen Seiten zu unfreundlichen Worten. «Ihr seid böse und gemein», schreit Sibel, bevor sie zornig in ihr Zimmer rennt, während Alexandre «eine grosse Wut spürt, zuerst im Bauch, dann bis hinauf in den Kopf». Dann muss er einfach ausrufen und die Tür zuknallen. «Aber danach tut mir das so leid.» Seine Mutter nickt lächelnd. «Das ist wahr, danach umarmt er mich immer und macht mir Komplimente.» Die Laborantin nimmt die kurzen Ausbrüche nicht tragisch, «aber ich versuche stets, den Kindern beizubringen, respektvoll zu sein und keine verletzenden Worte zu ­gebrauchen». Nach einem Streit reden die Eltern ruhig mit ihren Kindern und erklären ihnen, dass sie nicht genau gleich, aber letztlich doch gerecht behandelt werden.

Kindliche Wutausbrüche seien normal, solange sie nicht den Alltag beherrschen, beruhigt ­Expertin Britta Went. Ein Programm mit Schritt eins, zwei und drei, das sie vermeiden helfe, gebe es nicht, sagt sie. «Dafür gibt es ganz viele Wege, eine gute Beziehung zu den Kindern aufzubauen.»
Deshalb ist es für viele Familien wichtig, nach einer lauten Szene wieder Frieden einkehren zu lassen. Die sechsjährige Ava jedenfalls fühlt sich erst wieder gut, wenn sie nach einem Ausbruch ihre Eltern ganz innig umarmen und sich bei ihnen entschuldigen kann. Nach einer Weile sagt sie dann ­liebevoll zu ihrer Mutter Patrizia: «Du bist einfach die Liebste auf der Welt.» 

Elternnotruf: Telefon 0848 35 45 55, www.elternnotruf.ch
Die Broschüre «Wirksam erziehen durch elterliche Präsenz» steht gratis zum Download bereit (rechts unter Interessante Artikel).

Autor: Claudia Weiss

Fotograf: Marco Zanoni