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21. September 2015

«Ich will Gutes unterstützen und unter die Leute bringen»

Die Pflegefachfrau Conny Vischer hat 2013 ihren eigenen, kleinen Verlag gegründet. Geld verdient sie damit zwar (noch) nicht, aber sie kann so Autorinnen und Autoren eine Aufmerksamkeit verschaffen, die diese sonst vielleicht nicht hätten. Zum Beispiel der 14-jährigen Samira Thomen mit ihrem «Planetenmacher» (Porträt rechts: «Jungautorin mit 15»).

Conny Vischer
Conny Vischer, Günderin und Leiterin des Vicon-Verlags.

Conny Vischer, wie kommt man darauf, einen Verlag zu gründen in einer Zeit, wo grosse Verlage und Buchläden es eher schwer haben?

Bücher begleiten mich schon mein ganzes Leben, ich habe sie bereits als Kind in Massen verschlungen und schreibe auch selbst gern. Als meine ältere Tochter anfing zu schreiben und mit ihrem Fantasybuch schon fast fertig war, wollten wir es veröffentlichen. Aber in der Schweiz einen Verlag für Fantasy zu finden ist sehr, sehr schwierig. Wir hatten keine Chance. Also dachten wir über Alternativen nach – so entstand Vicon. Mir war die Verlagsarbeit an sich vertraut, weil ich früher schon Jungautoren gemanagt habe. Du musst einfach die Finanzen im Griff haben, sagte ich mir. Und bei der Buchhaltung kann mir mein Mann helfen.

Sie fokussieren auf «junge und jung gebliebene Autoren». Warum gerade die?

Man wirft der Jugend ja immer gern vor, dass sie passiv zu Hause rumsitzt, bestenfalls vor dem Computer. Aber es gibt ganz viele Jugendliche mit grossem Talent. Und das sollte man fördern und unterstützen, finde ich. Aber ich bin auch offen für Ältere mit guten Ideen, im Oktober werden es 13 Bücher sein, die Vicon herausgegeben hat. Die meisten meiner publizierten Autorinnen und Autoren kommen bisher aus der Region Zürich.

Ein Verlags-Label, selbst wenn es klein und unbekannt ist, verleiht einem Buch ein gewisses Gütesiegel.

Wo ist der Vorteil, bei Ihnen zu publizieren statt Selfpublishing, zum Beispiel bei Amazon?

Ein Verlags-Label, selbst wenn es klein und unbekannt ist, verleiht einem Buch ein gewisses Gütesiegel. Beim Selfpublishing schwingt immer mit: Ach, der hat niemanden gefunden, jetzt gibt er es halt selbst heraus. Was natürlich überhaupt nicht stimmen muss. Durch die Verlagspublikation hat das Buch eine ISBN-Nummer, ist offiziell an den wichtigen Orten gelistet und damit überall im Buchhandel bestellbar.

Verdienen Sie Geld damit?

Nein, das muss auch gar nicht sein. Mein Ziel sind schwarze Zahlen, und das klappt bis jetzt mehr oder weniger. Mir geht es vor allem darum, Gutes zu unterstützen und unter die Leute zu bringen. Um Geld zu verdienen, müsste man schon einen Bestseller landen. Würde so was passieren, wäre Vicon mit seiner jetzigen Struktur aber auch schnell überfordert. Büro und Lager sind zum Beispiel bei mir zu Hause. Wenn einer der Autoren einen Preis gewinnt, hilft das natürlich auch, weil es Publizität bringt und Verkäufe ankurbelt.

Hoffen Sie denn, dass Sie mal einen richtigen Erfolg landen und Vicon grösser wird?

Im Moment eigentlich nicht, sonst müsste ich meinen jetzigen Beruf als Pflegefachfrau aufgeben, da würde die Zeit schlicht nicht reichen. Wichtig ist mir, dass ich Autorinnen und Autoren publiziere, die mehr als nur ein Buch in sich haben. Deshalb suche ich derzeit auch keine neuen. Ich finde, es sieht seltsam aus, wenn man 30 oder 40 Leute auf der Homepage hat, die alle nur ein Buch geschrieben haben. Jene, die ich jetzt verlege, haben alle das Potenzial für mehr.

Wichtig ist mir, dass ich Autorinnen und Autoren publiziere, die mehr als nur ein Buch in sich haben.

Weshalb haben Sie Samira Thomen und ihren «Planetenmacher» ausgewählt?

Ich war beeindruckt, wie sie es geschrieben hat, die Vielfalt bei der Wortwahl ist für eine 14-Jährige erstaunlich. Es kommt locker daher, aber man merkt, dass mehr dahintersteckt. Und es sind ja doch 250 Seiten, das braucht Durchhaltevermögen. Ausserdem fand ich die Geschichte toll, ich mag Fantasy und war sofort in der Story drin. Und nun ist sie also meine jüngste Autorin.

Wie stark hat sich die Story durch Ihr Eingreifen noch verändert?

Gar nicht. Wir haben nur noch zwei, drei kleine Logikfehler bereinigt, mehr nicht. Klar hätte ich da und dort etwas anders geschrieben. Aber erstens bin ich älter, und zweitens ist es nicht meine Geschichte. Natürlich schreibt man in höherem Alter mit mehr Lebenserfahrung anders als mit 14. Der Stil verändert sich.

Sehen Sie bei ihr Potenzial für mehr?

Auf jeden Fall! Und was sie künftig in ihrem Leben alles erfährt und tut, wird sich ganz sicher auch beim Schreiben niederschlagen.

Es ist halt schwierig, das Business ist hart, gerade in der Schweiz.

Und eine Zukunft als Schriftstellerin, wie sie es sich erträumt?

Es ist halt schwierig, das Business ist hart, gerade in der Schweiz. Das gilt für Kunst generell, sei es nun Schreiben, Musik oder Tanzen – all das wird kaum gefördert, im Gegensatz zum Sport.

Was braucht es denn, um heute mit einem Buch Erfolg zu haben?

Das ist oft schlicht Zufall. Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Natürlich muss die Qualität stimmen. Aber wenn bei einer Lesung im Publikum die richtige Person mit guten Verbindungen sitzt und findet, wow ..., dann werden Dinge möglich, die sonst nie passieren würden.

Was kostet es Sie, ein Buch wie «Der Planetenmacher» zu publizieren? Wie viele Exemplare müssen Sie verkaufen, damit es sich lohnt?

Das teuerste ist das Lektorat, dann Cover, Buchsatz, Druck, die ISBN-Nummer, das Marketing. Ein Buch wie «Der Planetenmacher» zu publizieren kostet schnell 8000 Franken. In Samiras Fall war es weniger, weil die Familie das Lektorieren selbst übernommen hat. Nun haben wir aber schon über 120 von 150 gedruckten Büchern verkauft und kommen langsam in die Gewinnzone. Die zweite Auflage ist schon gedruckt.

Gibt es das Buch auch als E-Book?

Nein. Erstens bin ich ein Fan des gedruckten Buchs, zweitens gibt es verschiedene E-Book-Systeme. Und mir fiel es schwer, mich für eines zu entscheiden, weil man damit die anderen ausschliesst. Und natürlich entstehen weitere Kosten. Kommt hinzu, dass mich Amazon damit geärgert hat, dass sie Bücher aus meinem Verlag als «nicht lieferbar» bezeichnen, was ja überhaupt nicht stimmt. Das habe ich denen auch geschrieben, aber weder eine Antwort bekommen, noch hat sich auf ihrer Homepage was geändert. Das hat mich eher abgeschreckt.

Buchvernissage des Vicon-Verlags: Markus Reutlingers «Labyrinth: Raphaels Angst vor der Angst», 16. Oktober, 19.30 Uhr, Sigristenkeller in Bülach ZH

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Tanja Demarmels