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21. Januar 2013

«Ich werde neun Kerzen anzünden»

Der Walliser Bergführer Kilian Volken überlebte am 12. Juli 2012 als einziger von zehn Berggängern das Lawinenunglück am Mont Blanc. migrosmagazin.ch erzählt er, wie er den 340 Meter tiefen Sturz erlebt hat und das Unglück meistert.

Bergführer Kilian Volken verlor beim Unglück am Mont Blanc zwei Gäste
Bergführer Kilian Volken verlor beim Unglück am Mont Blanc zwei Gäste. Nach Operationen und Therapie hofft er, im Sommer wieder Touren mit Gästen zu unternehmen.

Nach den Erlebnissen von Kilian Volken schildert Marcel Senn im Kommentar, wie er eine Eislawine am Ortler überstand.
Weitere Schutzengel-Geschichten von Leserinnen und Lesern mit Autounfällen, Fensterstürzen oder kriminellen Übergriffen finden Sie bei den vier anderen Porträts im Magazin vom 21. Januar 2013.

Wenn Kilian Volken (62) über den 12. Juli 2012 spricht, vergräbt er seine Hände tief im Gesicht. Das dramatische Lawinenunglück am Mont Blanc verfolgt und belastet den Oberwalliser auch heute noch. «Ich habe mich schon hundertmal gefragt, weshalb ich als Einziger überlebt habe und alle anderen neun Berggänger nicht», sagt der Bergführer, Skilehrer und Berater für Berg- und Skisport aus Fiesch. «Anfangs kam die Lawine jede Nacht in meinen Träumen vor. Ich musste bis Anfang Dezember 2012 Medikamente nehmen, um einigermassen schlafen zu können. Und ich benötigte psychiatrische Betreuung.»

Die Erinnerung an den Tag hat sich bei ihm schmerzhaft eingebrannt. Er reiste mit zwei Berggängern, der deutschen Pia (34) und dem Schweizer Hans (64), nach Chamonix und fuhr mit der Drahtseilbahn zur Aiguille du Midi hoch – einem felsigen, fast 4000 Meter hoch gelegenen Vorposten im Mont-Blanc-Massiv, wo sie in einer Hütte übernachteten.
«Nach dem Frühstück starteten wir um 1.30 Uhr als erste Seilschaft bei sternenklarem Himmel, sehr kalten Temperaturen und einem starken Wind. Meine Gäste waren bestens trainiert, um den Mont Blanc zu besteigen», erzählt der Vater und Grossvater. Nach dem ersten Gipfel hätten sich mehrere Seilschaften auf einem 4400 Meter hohen Plateau befunden. Volken erzählt weiter: «Um 5.05 Uhr vibrierte es plötzlich unter meinen Schuhen wie bei einem Erdbeben. Ich sah einen ganzen Hang auf uns herunterdonnern und wusste sofort, dass das Unheil anfängt. Wir wurden durch die Luft und den Schnee gewirbelt. Ich hörte grauenhafte Angstschreie in mehreren Sprachen und sah Lichter von Stirnlampen, die sich wie bei einer Lasershow in alle Richtungen bewegten.»

Bergführer Kilian Volken
Bergführer Kilian Volken

Kilian Volken und neun weitere Berggänger wurden von einer gewaltigen Lawine 340 Meter in die Tiefe gerissen. Geologen vermuten, dass ein Eisblock die tödlichen Schneemassen auslöste und der Walliser 16 bis 19 Sekunden im freien Fall war. «Ich habe von meinen beiden Söhnen und meiner Enkelin Abschied genommen. Ich dachte: Jetzt sterbe ich. Schluss. Amen.» Im Nachhinein erstaune es ihn, wie viel einem in einem solchen Moment durch den Kopf geht. Er habe sich von dieser Welt verabschiedet, gab sich dem Tod hin und spürte keine Schmerzen mehr. «Mir war es im Übergang zwischen Leben und Tod vögeliwohl.»

Als Kilian Volken wieder erwachte, ragen sein Kopf und seine Hände aus der Schneemasse. Die Stimmen sind verstummt. Sein Seil, mit dem er Pia und Hans sicherte, führt in den Schneekegel. «Der Schnee war wie Beton. Ich konnte mich nicht bewegen. Pia war drei Meter, Hans sechs Meter hinter mir in den Schneemassen begraben.» Nach zweieinhalb Stunden wurde der Bergführer von einem Helikopter gerettet. Alpinisten, die in der zweiten Schicht die Hütte verlassen hatten, schlugen Alarm. Dabei musste das Seil, das Volken mit seinen Gästen verbunden hatte, abgeschnitten werden.
«Ich habe schreckliche Bilder gesehen, wie die Gäste tot aus dem Schnee gezogen wurden. Wie ein Wunder habe ich als Einziger überlebt. Der Pfarrer von Fiesch sprach von einem Rudel von Schutzengeln.» Entscheidend war wohl, dass der Bergführer seinen Rucksack mit einem Brust- und einem Hüftgürtel befestigte und dieser so eine Wirkung wie ein Airbag hatte.

Der gelernte Elektromonteur («das war der Wille meiner Eltern»), der 2004 auf dem Mount Everest war und drei weitere 8000er bestiegen hatte, zog sich beim Unglück zwei gebrochene Brustwirbel zu, sechs gebrochene Rippen, eine angerissene Lunge, einen gebrochenen Fuss, starke Prellungen, Bänderzerrungen sowie Erfrierungen an den Händen.

Bericht über die Tragödie am Mont Blanc
Bericht über die Tragödie am Mont Blanc in «20 Minuten».

In diesen Tagen wird er nochmals operiert, weil er ein permanentes Kribbeln in den Füssen spürt. Er geht regelmässig in die Physiotherapie und ins Solbad in Breiten VS. Auch die seelischen Wunden müssen verheilen: Er habe mit dem Vater und Bruder von Pia und der Tochter und dem Bruder von Hans reden können. Danach sei es ihm viel besser gegangen. Denn für einen Bergführer sei es das Schlimmste, ohne Gäste zurückzukommen.
Ende Januar möchte er mit Stammkunden eine Schneeschuhtour ins Lötschental unternehmen. «Ich hoffe sehr, dass ich im Sommer meine Touren mit meinen Gästen führen kann. Mein grosses Ziel ist es, nochmals auf einem 8000er zu stehen», sagt Kilian Volken. Und er möchte bewusst diesen Sommer nochmals nach Chamonix reisen und dort neun Kerzen zur Erinnerung an die Toten anzünden. «Ob ich den Mut habe, nochmals zum Mont Blanc aufzubrechen, weiss ich nicht. Aber die Kerzen werde ich anzünden.»

Autor: Reto Wild

Fotograf: Samuel Trümpy