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«Ich war immer ein Kämpfer»

Seit seinem tragischen Unfall ist der einstige Eishockey-Profi Ronny Keller querschnittgelähmt. Jetzt setzt er sich für Rückenmarkverletzte ein.

Ronny Keller im Rollstuhl
5. März 2013: Nach dem Sturz in die Bande spürt Ronny Keller seine Beine nicht mehr.
5. März 2013: Nach dem Sturz in die Bande spürt Ronny Keller seine Beine nicht mehr.

Der 5. März 2013 hat das Leben von Ronny Keller (34) komplett verändert: Seit diesem Tag ist er querschnittgelähmt. Im Play-off-Halbfinal der Nationalliga B zwischen dem EHC Olten und dem SC Langenthal läuft der Verteidiger der Scheibe Richtung Bande hinterher, verfolgt vom Langenthaler Stürmer Stefan Schnyder. Keller bremst ab, Schnyder checkt ihn. Keller stürzt kopfvoran in die Bande. Er bleibt regungslos liegen. Den Helfern und Mitspielern sagt Keller, er spüre seine Beine nicht, könne sich nicht bewegen. Die Rega fliegt den Schwerverletzten ins Paraplegiker-Zentrum in Nottwil LU. Die Diagnose: Der Zürcher ist gelähmt, vom vierten Brustwirbel an abwärts.

Ein Jahr nach dem Horrorunfall an Kellers Arbeitsplatz bei der Treuhandgesellschaft THR Rüegg & Partner AG in Uster ZH: In der Zwischenzeit ist das Treppenhaus für den Querschnittgelähmten mit einem Speziallift ausgerüstet worden. «Ich brauche für alles mehr Zeit», sagt Keller entschuldigend, als er im ersten Stock ankommt. Am Schreibtisch in seinem Büro erzählt er, dass er unmittelbar nach dem Unfall dachte, er werde sich wieder erholen. Aber schon am zweiten Tag teilte der Arzt ihm mit, er werde ein Leben lang nicht mehr gehen können. «Das Leben, das ich vorher hatte, ist vorbei. Mein Kopf ist noch gleich. Nur der Körper ist wie ein Baby, das alles neu lernen muss.» Er wirkt gefasst, zeigt keine Emotionen und redet abgeklärt über sein neues Leben. «Ich muss den Schicksalsschlag verarbeiten und ihn ins Positive drehen.»

Der ehemalige Eishockeyprofi betreut als kaufmännischer Angestellter mit einem 30-Prozent-Pensum Buchhaltungs- und Steuermandate. Die restliche Zeit ist Keller mit Anziehen, Duschen und Therapie in der Paraplegie-Abteilung der Stadtzürcher Universitätsklinik Balgrist beschäftigt. Er muss sich an einem Stehpult aufrichten, auf dem Stützvelo die Beine bewegen und mögliche Stürze im Rollstuhl trainieren. Als Teil der Therapie geht er zwei-, dreimal pro Woche in den Kraftraum – wie er das schon als Eishockeyspieler getan hat. «Am Morgen brauche ich enorm viel Zeit. Damit habe ich am meisten Mühe», sagt Keller. Viel Zeit heisst: zweieinhalb Stunden, bis er in seinem umgebauten Volvo von seinem Wohnort Volketswil ZH zur Arbeit oder in die Therapie fahren kann. Nach der Therapie lässt er sich zu Hause jeweils vom Rollstuhl aufs Bett fallen, um das Gesäss zu entlasten.

Seine Frau Nadja (41), mit der er seit sieben Jahren verheiratet ist, sein bester Freund Yves (34) sowie die Familie seien ihm am meisten beigestanden. Geholfen haben ihm auch seine langjährigen Erfahrungen im Sport – Keller spielte schon mit fünf Jahren Eishockey. «Im Sport lernte ich, in schwierigen Situationen auf die Zähne zu beissen und motiviert zu bleiben. Ich war immer ein Kämpfer. Das hilft mir jetzt.» Er versucht, nicht zurückzuschauen und seine Energie in zukünftige Aufgaben zu stecken, etwa das T-Shirt oder die Socken allein anzuziehen, die Balance im Rollstuhl zu verbessern. Dank dem Sport weiss der Paraplegiker, dass er nur vorwärtskommt, wenn er sich kleine Ziele setzt. Grosse führen zu Frust.

Ronny Keller will für andere ein Vorbild sein

Geholfen habe ihm auch der Glaube an Gott. Er besuche zwar die Kirche nicht und bete nicht oft, aber nach dem Unfall habe er sich schon gefragt, was Gott wohl mit ihm vorhabe. Ob es vielleicht seine Aufgabe sei, andere Leute zu motivieren, um einen solchen Schicksalsschlag zu meistern? Inzwischen hat sich Ronny Keller diese Frage selbst beantwortet und ist Botschafter für den «Wings for Life World Run» (siehe Box rechts) geworden. Die Einnahmen des Laufs fliessen in die Rückenmarkforschung. «Ich will mit meinem Beispiel Mut machen und etwas bewegen.»

Ronny Keller findet sich mit seiner neuen Lebenssituation ab. Er schlafe gut und wache im Gegensatz zu den ersten zwei, drei Wochen nach dem Unfall nicht mehr schweissgebadet auf. Auf seinen Gegenspieler Stefan Schnyder sei er nicht wütend. «Das, was passiert ist, hat er so nicht gewollt. Nur rufe ich ihn deswegen nicht an und frage, ob wir zusammen ein Bier trinken gehen.» Schnyder schrieb Keller nach dem Unfall ein SMS, das dieser nie beantwortete. Ihm fehlten die Worte. Zuletzt haben die beiden sich bei den Verhandlungen des Verbandssportgerichts in Lausanne VD gesehen und sich kurz gegrüsst. Die Schuldfrage ist juristisch noch immer nicht geklärt. Letztlich muss der Internationale Sportgerichtshof entscheiden, nachdem das Verbandssportgericht Schnyder freigesprochen und der EHC Olten dagegen rekurriert hat.

Dem Sport bleibt Keller verbunden. Er verfolgt die Spiele der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft, ist auf Lebzeiten Ehrenmitglied des EHC Thurgau, für Olten spielte er nur leihweise. «Die Ehrenmitgliedschaft ist schön. Aber sie verändert mein Leben nicht.» Derzeit ist er daran, verschiedene Sportarten auszuprobieren. So nimmt er Tennisstunden, spielte auch schon Badminton, denn der Sport wird immer Teil seines Lebens bleiben.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Tanja Demarmels