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26. Mai 2015

«Ich war der Quartierschreck, der ihr die Blumen ausriss»

Martha Augustin und Denise Sinito kennen sich seit 41 Jahren. Bis auf einen Unterbruch von sechs Jahren – als Denise kurz auszog – waren sie durchgehend Nachbarinnen. Nun bewohnt die Familie Sinito in Landquart das Elternhaus von Denise und erfreut sich der Zweitgrossmutter im Nebenhaus.

Was sich liebt, das neckt sich: Denise ­Sinito (42, rechts) und ihre Tochter Chiara (20) mit Nachbarin Martha Augustin (89).
Was sich liebt, das neckt sich: Denise ­Sinito (42, rechts) und ihre Tochter Chiara (20) mit Nachbarin Martha Augustin (89).

Martha Augustin: Zwetschgelise!

Denise Sinito: Baabä!

Martha: Ich will nicht ins Migros-Magazin! Schreiben Sie das! Denise überredet mich immer zu solchen Sachen, wie jetzt zu diesem Interview. Es wird einfach gemacht, was sie will.

Denise: Seich! Wir kennen uns schon seit meiner Kindheit. Damals war ich der Quartierschreck, der ihr die Blumen ausriss oder die Briefkästen der Nachbarn mit Steinen füllte.

Martha: Du konntest zwängeln, wenn du etwas wolltest. Und du gingst oft mit meinem Pudel spazieren. Einmal wurde er von einem anderen Hund gebissen – und du sagtest nichts.

Denise: Ich hatte Angst!

Martha: Geschimpft habe ich nie. Das nützte bei dir sowieso nichts.

Denise: Wir alle schätzen deine Geschichten von früher.

Martha: Ja, heute ist alles anders: Früher waren wir froh, wenn wir ein Velo hatten – heute haben alle ein Auto.

Chiara Sinito: Genau! Und dann erzählst du, Mama, dass ich mit dem Auto im Quartier herumgefahren bin.

Martha: Ohne Führerschein! Eigentlich hatte ich mich schon gefreut, dass du mit den Kindern wieder hier wohnst (zu Denise). Aber du siehst halt alles bei mir.

Denise: Das sagt die Richtige! Aber es stimmt: Wir sehen einander in die Küche. Dann winke ich jeweils hinüber.

Martha: Was? Du winkst mir doch nie!

Denise: Du siehst es bloss nicht. Leider kommst du selten einfach so vorbei – aus Angst, uns zu stören. Wir sehen dich nur, wenn du morgens die Zeitung bringst, nachdem du sie gelesen hast.

Martha: Ich hab mir überlegt, die Zeitung nicht mehr zu bringen. Ihr solltet sie selber holen.

Denise: Einmal hattest du das Portemonnaie nicht mehr gefunden …

Martha: … wie so vieles …

Denise:… ein Griff – und ich hatte es!

Martha: Du bist da, wenn ich Hilfe brauche. Sei es beim Rasenmähen oder Einkaufen. Im Grossen und Ganzen ertrage ich die Nachbarschaft mit dir gut.

Denise: Ja, ja … Ich weiss: Wenn du mich als Freund hast, brauchst du keine Feinde mehr, gäll.

Autor: Laila Schläfli

Fotograf: Salvatore Vinci