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04. Februar 2013

«Ich sehe mich schon ein wenig als Schulmeister»

Der rastlose Fotograf und Regisseur präsentiert seinen neuen Dokumentarfilm: «Planet Ocean». Das Interview mit Yann-Arthus Bertrand, der grünen Symbolfigur des dritten Jahrtausends, über seine stilprägenden Luftaufnahmen oder seinen Wandel zum Vegetarier, und mehr zu seinem auf DVD oder Blu-ray erhältlichen Pamphlet für die Ozeane.

Yann-Arthus Bertrand
Der 67-jährige Fotograf und Filmer Yann-Arthus Bertrand. (Bild Cinetext)

Berühmt ist er vor allem für seine beeindruckenden Luftaufnahmen, die den Planeten förmlich in Motive zerlegt: bunte Rechtecke, Teppiche aus Kulturen, brodelnde Kessel. Seine faszinierenden Aufnahmen aus allen Winkeln der Welt, insbesondere den entlegensten, füllen unter anderem die Hochglanzseiten von «National Geographic», «Life» und «Paris Match». Ja, dieser Mann zeichnet sich vor allem durch seinen scharfen Blick aus, mit dem er die Schönheit der Welt offenlegt.

Schon immer fühlte Yann Arthus-Bertrand eine unbändige Neugierde für unseren Planeten. Abgesehen von einem kurzen Flirt als 18-Jähriger mit dem Kino und der Croisette in Cannes hat sich sein berufliches Leben immer um die Natur und deren Lebewesen gedreht. Mit 20 Jahren gründete Yann Arthus-Bertrand ein Tierreservat im Departement Allier. Mit 30 zog es ihn, zusammen mit seiner zukünftigen Frau Anne nach Kenia, um Verhaltensstudien über Grosswild zu verfassen und eine Forscherkarriere zu beginnen. Während der stundenlangen Beobachtung von Löwen entdeckte er hier seine Liebe zur Fotografie: «Die Löwen waren letztlich meine Fotografielehrer». Seither hat er die Kamera kaum noch aus der Hand gelegt.

Für Yann-Arthus Bertrand typische Luftaufnahme aus «Planet Ocean»
Für Yann-Arthus Bertrand typische Luftaufnahme aus «Planet Ocean». (Bild Yann-Arthus Bertrand/Altitude)

Im Laufe der Jahre wurde seine Tätigkeit immer engagierter. Arthus-Bertrand gründete die Organisation Good Planet und die Produktionsfirma Hope, deren Gewinne er wiederum in Nachhaltigkeitsprojekte investierte. Alle seine Filme, die per Mehrfachausstrahlung weltweit und auch in Schulen gezeigt werden, sind Plädoyers für die Rettung des Planeten und für den Respekt vor der Umwelt. Aufrüttelnde Bilder mit manchmal moralisierenden Kommentaren. «7 Milliarden Andere», «Home», «Der Wald», «Desertification», der Umweltschützer im Hubschrauber bringt seine Botschaft mit Verve unters Volk – und ruft Widerspruch hervor. «Man muss eigentlich ziemlich blöd sein, um kein Öko zu sein», gibt er zurück.

Mit 67 Jahren, durchdringendem Blick und weissem Haarschopf ist Yann Arthus-Bertrand zum weithin bekannten Firmenchef geworden. Aber man sollte ihn besser nicht auf seine zehnjährige Tätigkeit für die Rallye Paris–Dakar ansprechen oder ihm vorhalten, dass er Taxi und Hubschrauber verwechselt. Seine Wutausbrüche sind notorisch. Schliesslich nimmt er anscheinend öfters den Zug, mietet am Bahnhof Hybridautos, trennt seinen Müll und sorgt für CO2-Ausgleich. Und er hat keine Zeit zu verlieren. Also auf zum Expressinterview, für handgestoppte zehn Minuten!
Der Zustand unseres Planeten war bereits das Thema zahlreicher Filme, etwa von Al Gore, Nicolas Hulot und Jacques Perrin. Was wird Ihr Film «Planet Ocean» Neues beitragen?Yann-Arthus Bertrand: Ich denke, dass sich der Umweltschutz etwas weiterentwickelt hat. Es geht bei Weitem nicht mehr nur darum, den Müll zu trennen, beim Zähneputzen den Wasserhahn zuzudrehen oder Bioprodukte zu kaufen. In diesem Film versuche ich zu erläutern, dass es eben nicht auf einer Seite die bösen Fischer und auf der anderen Seite die netten Verbraucher gibt. Wir alle sind für diese Gesellschaft hemmungslosen Konsums verantwortlich. Je mehr wir kaufen, desto stärker das Wachstum in unserem Land – aber letztlich geht dies alles zulasten unseres Planeten. Im Gegensatz zu dem Film von Perrin erklärt «Planet Ocean» auch die Ursprünge: Wie das Leben aus dem Meer an Land gekommen ist. Das ist unsere Geschichte, nicht die eines anderen.
Schöne Bilder, aber auch viele Zahlen. Haben Sie keine Angst vor dem Vorwurf des ständig erhobenen Zeigefingers?
Ach, das wirft man mir ja häufiger vor. Ich habe diese Entscheidung getroffen und stehe voll hinter ihr. Mir fehlt häufig in vergleichbaren Filmen, dass man von Ethik und Moral spricht, von dem, was man tun und lassen sollte. Der enorme Prozentsatz an Fischen, die man erst fischt und dann wieder ins Meer wirft, weil sie in den Netzen erstickt sind – ist das ethisch und moralisch? Ich denke nicht. Also, mich stört es nicht, den Zeigefinger zu heben. Aber das bleibt natürlich im Rahmen, ich bin ja kein Prediger. Mein Job ist es, die Welt mit offenen Augen zu betrachten und zu sagen, was in Ordnung ist und was nicht.
Seit Jahren sind Sie bekannt wegen Ihres Einsatzes für die Umwelt. Aber wie haben Sie überhaupt Ihr grünes Gewissen entdeckt?
Ich habe mich schon immer für die Natur und die Tiere interessiert. Mit 20 leitete ich ein Tierreservat. Damals interessierte man sich eben mehr für Tiere und Bäume als für Menschen. Aber heute zählt der Mensch zu den aussterbenden Spezies. Wenn man Elefanten, Nashörner, Waldgebiete schützt, dann dient das vor allem den Menschen. Wenn ich mir die Zahlen anschaue, die uns Wissenschafter über die Zukunft des Lebens auf der Erde vorlegen, über den Klimawandel, dann weiss ich nicht, wie man das ignorieren kann. Ich bin Journalist und will erzählen, was in der Welt passiert. Ich nehme meinen Beruf und die damit verbundene Verantwortung ernst; ich will zu denjenigen gehören, die etwas tun, nicht zu denjenigen, die still in ihrer Ecke weinen. Ausserdem kann Handeln ja auch glücklich machen.
Zum Ökoaktivismus: Glauben Sie, dass Fotografie wirkungsvoller sein kann als politisches Handeln?
Jeder erledigt seine Aufgabe: Die Politik macht ihren Job, blickt aber natürlich häufig auf die Wählerstimmen. Ich arbeite nun einmal mit Bildern, muss dafür keine Wähler überzeugen. Auf jeden Fall leben wir in einer Demokratie und entscheiden selbst. Dabei ähnelt uns die politische Klasse ja, wir haben das Führungspersonal, das wir verdienen.
Wie sieht Ihr ökologisches Handeln im Alltag aus?
Da ich mich ja ein wenig als Schulmeister sehe, versuche ich selbst, so viel wie möglich zu tun. Ich heize mit Holz und besitze ein Elektrofahrzeug. Vor Kurzem habe ich einen grossen Schritt unternommen: Ich bin nun Vegetarier. Ich esse kein Fleisch mehr und sehr wenig Fisch. Auf der Konferenz in Rio war ein Film über die Entwaldung in Brasilien zu sehen, wo man die Problematik der Viehzucht genau erkennen konnte: Für die Tiere müssen Millionen Tonnen an Sojafutter produziert werden. Auf einen Schlag habe ich dann beschlossen, Vegetarier zu werden, wovon ich vorher schon lange gesprochen hatte. Manchmal braucht es nur einen kleinen Auslöser, um sich einer Sache bewusst zu werden. Mich stört es überhaupt nicht, Vegetarier zu sein, für mich war es ein natürlicher Schritt. Klar, ich drehe meine Filme mithilfe von Hubschraubern … Auch wenn ich für alle meine Flüge sozusagen einen Ökoausgleich leiste, bin ich natürlich nicht perfekt.
Luftaufnahmen sind seit 1991 Ihr Markenzeichen. Wie kam es dazu, dass Sie diese Perspektive gewählt haben?
Mit 30 Jahren fuhr ich nach Kenia, um eine Verhaltensstudie über Löwen zu machen. Das Ganze finanzierte ich als Pilot eines Heissluftballons. Jeden Tag flog ich über das Gebiet, in dem ich mit meiner Frau arbeitete. Die Luftaufnahmen boten mir einen vollkommen anderen Blickwinkel und einen Eindruck des Ganzen. Und natürlich liebe ich das Fliegen. Nach meiner Rückkehr nach Frankreich wurde ich dann eben nicht Wissenschafter, sondern Fotograf.
Hat dieser quasi göttliche Blick von oben bei Ihnen eine andere Art und Weise geweckt, die Dinge zu sehen?
Er ist förmlich zu meiner Spezialität geworden und hat eine neue Art der Fotografie und einen anderen Blick auf die Welt geschaffen. Der globale, extrem fraktale Blick zeigt, dass das unendlich Grosse dem unendlich Kleinen ähnelt. Aus der Luft erkennen wir, wo wir hingehören. Von oben gibt es eben nicht auf der einen Seite die Natur und auf der anderen die Städte. Die Städte sind Teil der Natur, wie ein Ameisenhaufen im Wald. Alles gehört zusammen.
Wird man nicht zwangsläufig zum Menschenfeind, wenn man so sehr die Natur liebt und das Schöne fotografiert?
Überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Im Rahmen der Projekte meiner Stiftung, etwa für «7 Milliarden Andere», haben wir 7000 Interviews in der ganzen Welt geführt. Mein nächster Film «Human» wird aus einer Mischung von Luftaufnahmen und Interviews mit den Menschen am Boden bestehen. Ich wende mich ohnehin immer mehr den Menschen zu.
Nun, da Sie bereits seit 30 Jahren fotografieren: Von welchem Motiv träumen Sie noch?
Meine Träume sind wahr geworden. Früher wäre ich gerne mit einer Raumfähre geflogen, aber letzten Endes interessiert mich das alles nicht mehr so sehr. Ich habe das ungeheure Glück, dass meine Träume Wirklichkeit geworden sind, und mein Wunsch ist, es gut zu machen.

Das Meer vom Himmel aus gesehen

Von Anfang an beeindrucken diese langsamen, weiten Bilder. Türkisfarbene Strömungen, die irgendwo in der südlichen Hemisphäre Sandbänke durchschneiden, die safranfarbenen, von den Wellen zerfressenen Klippen der australischen Shark Bay. Anstelle der 8000 Luftbilder, aus denen seine Filme normalerweise bestehen, hat Yann Arthus-Bertrand seinen Dokumentarfilm diesmal aus 2000 langen Einstellungen zusammengesetzt. So erhält der Zuschauer ausreichend Zeit, die Aufnahmen genau zu betrachten, sie wirken zu lassen, in dieses faszinierende, uralte und lebendige Universum des Ozeans einzutauchen.

Badeszene an einem Strand aus «Planet Ocean»
Badeszene an einem Strand aus dem Film «Planet Ocean». (Bild Yann-Arthus Bertrand/Altitude)

Und so stürzt man sich in diese wunderbaren Welten. Wie zum Beispiel die Algenblüte, dieses förmlich explodierende Leben, das an die Meeresoberfläche stösst und Plankton gebiert, primitive, durchsichtige Organismen, schwabbelige Mikroalgen, die manchmal über kleine Hände zu verfügen scheinen. Anmutige, fremdartige Belanglosigkeiten, die aber für die Hälfte des von uns eingeatmeten Sauerstoffs verantwortlich sind. Ebenso beeindruckend sind die indonesischen Korallenriffe, die ein Viertel der Meeresfauna des gesamten Planeten ausmachen. Todbringende Anemonen, wandlungsfähige Tintenfische, Buntfische – eine unglaubliche Szenerie, welche die einzigartige, zauberhafte Vermehrung der Korallen zum Zeitpunkt des Frühlingsvollmonds offenbart. Tausende von Keimzellen steigen wie orangefarbene Konfetti an die Oberfläche des Ozeans, um sich dort zu vermischen.

Im Wechsel mit den von mehreren Taucherteams eingefangenen Unterwasserbildern sind die von Yann Arthus-Bertrand aufgenommenen Luftbilder geschnitten. Dem Zauber der Meere ist der Irrsinn des Menschen entgegengestellt. Auf die primitive Schönheit des Meeres folgt die Masslosigkeit des grössten aller Raubtiere, in dem der Zuschauer sich zwangsläufig erkennt. Dazu schleudert die Stimme des Erzählers einem Zahlen bis zum Überdruss entgegen. Also: 4 Millionen Fischerboote fahren jeden Tags aufs Meer hinaus. 90 Millionen Tonnen Fisch werden pro Jahr gefangen, in bis zu 40 Kilometer langen Schleppnetzen, die mitunter 3000 Meter tief reichen. Auf 20'000 Bohrinseln wird Jahr für Jahr mehr vom eine Million Jahre lang eingelagerten Plankton verbrannt. Eine industrielle Revolution, die für den Planeten Kosten in Form von für 100 Millionen Jahre gespeichertem Kohlenstoff bedeutet.

Noch beängstigender: In 50 Jahren ist ein Viertel der Korallenpopulation der Erde abgestorben. Zudem bremst der Klimawandel Stück für Stück die Zirkulation der Meeresströmungen. Die Auslöschung des Thunfischs ist nur noch eine Frage von wenigen Jahren; 400 Meeresgebiete sind bereits für tot erklärt. Nicht zu vergessen der Plastikmüll: Jedes Jahr werden 6 Millionen Kunststoffteile ins Meer geschüttet, sodass auf jedem Quadratkilometer Ozean durchschnittlich 46'000 Teilchen schwimmen.

In 200 Jahren hat der Mensch das seit 4 Milliarden Jahren bestehende Gleichgewicht der Meere zerstört, folgert der Regisseur Yann Arthus-Bertrand. Er beschränkt sich nicht darauf, an das Gewissen zu appellieren, sondern mahnt die Zuschauer auch zu guten Vorsätzen: Nein zur Überfischung, zur Tiefseefischerei, zur Verschmutzung. Ja zur verantwortungsbewussten Kleinfischerei und zum Schutz von 20 Prozent der Meere.

Keine Frage, die Haltung dieses Dokumentarfilms ist aktivistisch, ästhetisch, dogmatisch, moralisierend, mitunter gar entnervend. Als letztes Bild erscheint die versteinerte, machtlose Christusstatue von Rio. Wie um uns zu sagen: Auch wenn der Himmel kein Einsehen hat, gibt der Regisseur keinesfalls auf.

«Planet Ocean», von Yann Arthus-Bertrand und Michael Pitiot.
Auf DVD und Blu-ray bei Universal. Dauer: 90 Minuten
Zum Youtube-Trailer von «Planet Ocean»
DVD-Bestellung bei ExLibris

Autor: Patricia Brambilla