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20. Oktober 2014

Ich sehe gelb

Ein Stehpinkler
Als man sanitäre Installationen grosszügiger anlegte: Ein bekennender Stehpinkler aus älteren Zeiten. (Bild Fotolia)

Während meines Studiums hauste ich in einer WG. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, sehe ich gelb. Es ist ein helles Gelb, um genau zu sein. Schuld daran war der Kerl, der meine Mitbewohnerin beglückte. Loverboy pinkelte nämlich grundsätzlich nur im Stehen. Da er weder seinen Schlauch noch das zugehörige Ventil im Griff hatte, sah unser Bad nach seinen Besuchen immer so aus, als wäre darin eine Zitrone explodiert.

Einmal lauerte ich ihm auf und stellte ihn – das Ergebnis seiner Wasserspiele vor Augen – zur Rede. Er zuckte ungerührt mit den Schultern. «Ich kann dabei nicht sitzen, sonst hängt ER im Wasser.» Pah! Das beeindruckte mich kaum. Ich bot ihm an, seine These mithilfe eines Lineals zu widerlegen. Das wollte er aber auf keinen Fall …

Lang, lang ists her. Neulich hatte ich allerdings einen Flashback. Wir hatten die Bude voller Kinder. Die Rasselbande spielte Piratenschiff. Irgendwann verliess ein Leichtmatrose das «Boot» und stolperte Richtung Gäste-WC. Das Licht ging an, die Tür blieb auf. Kein Problem, meine Kinder sind auch nicht gern allein. Jedenfalls sah ich aus den Augenwinkeln, wie der Knirps seinen Latz öffnete. Dann trat er vor die Schüssel, stellte sich breitbeinig hin – und pullerte los. Freihändig. Garantiert auch mit Augen zu. – Das durfte ja wohl nicht wahr sein! Explodierte Zitrone reloaded. Nein, «Grapefruit» traf es besser. Schon erstaunlich, was in so einen kleinen Bauch hineinpasste. Mir schwirrten 1000 Fragen durch den Kopf: Wollte das Bübchen Kunstpinkler werden? Hatte es daheim gar ein grosses Vorbild? Und was war, verdammt noch mal, mit seiner Mutter? War die kürzlich erblindet, und ich wusste nichts davon?

Es half alles nichts. Ich schnappte mir das Putzzeug, stülpte mir die extradicken Gummihandschuhe über und fing an, die Sauerei zu beseitigen. Am selben Abend –sämtliche Freibeuter waren wieder daheim (und pieselten vermutlich dort die Wände voll) – schlurfte ich in unser Familienbad. Und sah dort plötzlich auch gelb! Der WC-Sitz? Verpinkelt. Der Boden? Nass! Und zwischen Sitz und Boden? Ein gelbes Rinnsal am Porzellan. In dem Moment bog Eva um die Ecke. «Mami, ich musste vorhin ganz dringend. Aber ich habe es noch aufs WC geschafft, siehst du?»

Autor: Bettina Leinenbach