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22. April 2014

«Ich jage den Leuten gerne Angst ein»

Mit über 400 Millionen verkauften Büchern ist Stephen King der Meister der literarischen Spannung. Seine Serie «Under the Dome» lief im Schweizer Fernsehen. Nun kommt sie in den Handel, und der Meister plant schon die zweite Staffel.

Erspart sich mit dem Schreiben 
den Psychiater: Bestsellerautor Stephen King.
Erspart sich mit dem Schreiben 
den Psychiater: Bestsellerautor Stephen King.

Stephen King, wann hatten Sie die Idee zu «Under the Dome»?

Anfang der 70er-Jahre, als ich noch Lehrer war. Ich dachte, wenn ich eine Gemeinde unter eine gewaltige Kuppel setze, kann ich alle grossen Probleme der Welt in einem Mikrokosmos aufarbeiten. Als Lehrer hatte ich aber keine Zeit, die Geschichte richtig zu recherchieren. Erst Jahre später kam ich dazu, im Internet zu forschen. Inzwischen hatte ich auch genügend Geld für einen Assistenten, der mir bei dieser Arbeit half. Schliesslich habe ich das Buch geschrieben und viele moderne Probleme reingepackt inklusive einfältiger Politiker, die beispielsweise Umweltprobleme nicht anerkennen wollen.

In den USA läuft die zweite Staffel ab Ende Juni. Haben Sie ein Langzeitkonzept für mehrere Staffeln?

Ich wollte die erste Episode der zweiten Staffel erst mal selber schreiben, um Einfluss und Kontrolle auf alle 13 Episoden zu haben. Denn die zweite Staffel ist immer etwas kritisch: Man weiss nicht, ob die Zuschauer wieder zurückkommen oder ob die Konkurrenzsender etwas ganz Tolles zur gleichen Sendezeit programmieren. Ausserdem bin ich etwas eifersüchtig auf George R. R. Martin und Robert Kirkman, die ihr Buchmaterial von «Game of Thrones» respektive «The Walking Dead» derzeit fürs Fernsehen original weiterspinnen. Ich will herausfinden, ob ich das auch kann. In der zweiten Staffel werden Überbevölkerung, Nahrungsmittelknappheit und Umweltprobleme vermehrt zum Thema – viele verschiedene Herausforderungen, die meine Glückszellen stimulieren.

Wenn Überbevölkerung und Umweltprobleme Ihre Glückszellen stimulieren, was macht Ihnen denn Angst?

Mir macht eigentlich nicht viel Angst, weil ich die Angst auf meine Leser abschiebe. Man fragt mich ja immer wieder, was mir in meiner Kindheit Schreckliches zugestossen sein muss, dass ich solche Bücher schreibe. Dabei hatte ich eine ganz normale Kindheit. Ich habe viel Fantasie. Es macht mir Spass, den Leuten Angst einzujagen. Mein Job ist umgekehrte Psychoanalyse: Statt jemandem 120 Dollar zu zahlen, um über meine Ängste zu reden, schreibe ich sie auf und verlange Geld dafür! (lacht)

Kriegen Sie von Ihren eigenen Büchern und Filmen Albträume?

Wenn ich schreibe, weniger. Dann schlafe ich sehr gut, denn da wird alles in der Geschichte verarbeitet. Wenn ich nicht schreibe, habe ich die Tendenz, viel und Unangenehmes zu träumen. Meine Theorie ist die: Wenn man seinem Gehirn einmal antrainiert hat zu fantasieren, kann man das nicht mehr abstellen. Wenn man dann nicht darüber schreibt, wandert es ins Unterbewusste und kommt als Traum heraus.

Unterscheidet sich Ihr Schreibprozess, wenn Sie einen Roman oder Drehbücher für eine Serie schreiben?

Der Prozess ist ziemlich ähnlich, aber ich verstehe ihn grundsätzlich nicht. Deshalb ist es etwas schwierig, darüber zu sprechen. Aber es fängt immer mit dem Visualisieren an, wo die Protagonisten sind, wie sie tönen, was sie machen, bis die Figur quasi ein Bewusstsein hat. Ich sehe dann die Momente wie durch eine Kamera, schliesslich bin ich mit Film und Fernsehen aufgewachsen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Ich sass in Frankreich im Stau. In einem Bus, nur einen halben Meter von mir entfernt, sass ein Mann, der Zeitung las. Wir waren uns so nah, aber doch in zwei ganz verschiedenen Welten. Ich fragte mich: Wie wäre es jetzt, wenn er, statt Zeitung zu lesen, einer Frau die Kehle durchschneiden würde? Da steckt eine Geschichte drin, die ich vielleicht mal schreiben werde. Wie es weitergeht, weiss ich noch nicht. Ich hänge mich wie ein Rollschuhfahrer an einen Lastwagen an und lasse mich mitziehen.

Stephen Kings (stehend) Familie: Tochter Naomi, Sohn Owen mit Frau Kelly Braffet, Ehefrau Tabitha und Sohn Joseph (von rechts).
Stephen Kings (stehend) Familie: Tochter Naomi, Sohn Owen mit Frau Kelly Braffet, Ehefrau Tabitha und Sohn Joseph (von rechts).

Haben Sie wie Woody Allen eine Schublade, in der Sie Storyideen aufbewahren?

Nein, so behält man schlechte Ideen am Leben. Die guten Ideen vergisst man nicht, selbst wenn man sie nicht aufschreibt. Jetzt, mit 66, schlägt der Geistesblitz etwas weniger oft und heftig ein. Aber es gab eine Zeit, da platzte mir der Schädel fast, so viele Ideen hatte ich. Fast hasste ich es, mit einem Roman beschäftigt zu sein, denn das bedeutete, dass ich nicht an einem anderen Buch arbeiten konnte. Denn ein Buch zu schreiben, ist wie verheiratet zu sein: Man muss seinem Projekt treu bleiben.

Eigentlich wollten Sie längst in Rente gehen. Daraus wurde aber offenbar nichts. Warum?

Ich hatte 1999 einen schlimmen Unfall, ein Minibus fuhr in mich hinein, und ich wäre fast gestorben. Ich hatte Glück, aber drei Jahre später hatte ich immer noch starke Schmerzen, und mit dem kreativen Fluss haperte es so natürlich auch. So dachte ich, es sei besser, jetzt in Rente zu gehen. Ich dachte auch, ich hätte alles gesagt, was ich zu sagen habe. Aber dann machte mein Körper ein wundersames Comeback, und damit kam auch mein Interesse am Schreiben zurück.

Inzwischen sind Sie auch Film- und Fernsehkritiker geworden. Was ist auf Ihrer Top-Ten-Liste vom vergangenen Jahr?

«Blue Jasmine» war drauf und «American Hustle». Und nach Möglichkeit setze ich einen Film von Jason Statham drauf (lacht). So habe ich übrigens angefangen: Mit einer Unterhaltungskolumne in der Studentenzeitung. Ich schrieb über Filme, Musik und welche Sneakers und Shorts gerade Mode waren. Ich mag Unterhaltung einfach. Auch Werbespots. Solche für Versicherungen mag ich am liebsten. Keine Ahnung wieso. Über Musik jedoch kann ich nicht gut schreiben. Sie ist für mich unbeschreibbar. Ich kann beispielsweise nicht erklären, wieso ich Emerson, Lake and Palmer schrecklich finde.

Bei Filmen haben Sie da weniger Mühe?

Ja, es gibt nicht viele Filme, die ich daneben fand. Wenn ich etwas mag, will ich es der ganzen Welt erzählen. Ich bin in den letzten 20 Jahren nur aus einem einzigen hinausgelaufen.

Und welcher war das?

«Transformers». Das war der bescheuertste Film, den ich je gesehen habe. Ich konnte gar nicht richtig folgen, so dumm war der.

Sie waren auch nicht sonderlich begeistert von Stanley Kubricks Verfilmung Ihres Bestsellers «The Shining».

Das stimmt, und meine Meinung über den Film hat sich nicht geändert. Er ist schön anzusehen, aber das kann man auch über einen gut erhaltenen Cadillac ohne Motor sagen. Der Film ist kalt. Ich sah die Hauptfigur als tragischen Helden, der das Richtige für die Familie tun wollte, der aber wie ein Metallteil hin und her gebogen wurde, bis er schliesslich brach. Und die Frau stellte ich mir als hübsche Ex-Cheerleaderin vor. Kubrick machte aus ihm den 60er-Jahre-Motorradtypen, den Jack Nicholson in früheren Filmen schon verkörpert hatte, und Shelley Duvall war eine antifeministische Karikatur, eine Schreimaschine.

«Ich lese alles, was mir in die Hände kommt»

Würden Sie etwas ändern, wenn Sie das Rad der Zeit zurückdrehen könnten?

Ich würde die «Dark Tower»-Bücher nochmals überarbeiten. Die wurden fast nicht redigiert. Ich würde die Unstimmigkeiten ausbügeln, die Handlung etwas beschleunigen, und dieses und jenes herausnehmen oder einfügen. Aber die Änderungen wären nicht massiv. Ich bereue nichts, was ich veröffentlicht habe, denn es war mir zum Zeitpunkt, als ich es schrieb, wichtig.

Was lesen Sie derzeit?

Alles, was mir in die Hände kommt. Ich mag Suspense Fiction. Gerade habe ich Harlan Coben entdeckt und befinde mich derzeit in einer Emile-Zola-Phase: Ich hatte zuvor noch nie etwas von ihm gelesen. Auch wenn er seit über 100 Jahren tot ist – wo war der mein ganzes Leben lang?

Was halten Sie von der skandinavischen Krimiwelle?

Ich mag die skandinavischen Krimiautoren, sie haben ein gutes Tempo in ihren Geschichten. Karin Fossum gefällt mir am besten, sie ist sehr originell. Ich mag auch die Filme und Serien, wie «Borgen» oder «Die Brücke».

Sie haben zwei schreibende Kinder, Ihre Söhne Joseph Hillstrom King, der unter dem Namen Joe Hill veröffentlicht, und Owen King. Erfüllt Sie das mit Stolz – oder Sorge?

Ich bin unheimlich stolz auf sie, und es freut mich, dass sie diesen Weg gewählt haben. Vielleicht konnten sie nicht anders, denn unser Haus war voll von Büchern. Ständig sassen sie mir oder ihrer Mutter auf dem Schoss und bekamen Geschichten erzählt. Meine Frau und ich schrieben beide, und so war Schreiben als Berufswahl nichts Exotisches. Aber ich wäre mit jedem einigermassen seriösen Beruf, den sie hätten ergreifen wollen, zufrieden gewesen. Hauptsache, sie sind glücklich. Und ich glaube, das sind sie: Sie sprudeln nur so vor Ideen. Ach, wie wunderbar, jung zu sein!