Archiv
24. Februar 2014

Ich muss mal

Die Kleinen sitzen selbst
In der ersten «Trockenzeit» und wegen der Sauberkeit öffentlicher Örtchen ein Wunschtraum: Die Kleine rechts sitzt selbst. (Bild Fotolia)


Ich kenne alle öffentlichen Toiletten westlich des Urals. Ehrlich jetzt. Dabei ist es noch gar nicht so lang her, da hätte ich noch nicht einmal das WC auf dem Zürcher Hauptbahnhof gefunden. Meine Blase hat nämlich ein Fassungsvermögen von 2,3 Litern. Mit anderen Worten: Ich muss so gut wie nie auswärts. Als gute Mutter bin ich aber nicht nur für meine Ausscheidungen zuständig, ich manage auch die Blasen meiner Kinder. Seit die beiden lieber ohne «Supersaugkern» zwischen den Beinen durchs Leben laufen, rennen wir irgendwelchen Toilettenschildern hinterher. Denn dauernd heisst es: «Mami, ich muss mal!»

Mein Mann zuckt in solchen Momenten jeweils mit den Schultern und sagt: «Dein Job!» Total ungerecht. Also bin ich diejenige, die immer wieder vor einer anonymen Schüssel grätscht und dabei ein Kind so abhält, dass es nicht – ich zitiere – «in den Bisi-Fleck der Frau, die vor uns hier war» fällt. Jaja, ich weiss schon, dass es Mütter gibt, die ihre Kleinen absitzen lassen. (Nachdem sie die Brille mit Spray und Feuchttüchern gesäubert haben, immer mit der irrwitzigen Hoffnung, so eine keimfreie Umgebung zu schaffen.) Für mich ist das keine Option. Wenn Sie sehen könnten, was ich bei unseren vielen WC-Gängen beobachte, würden Sie es mir gleichtun.

Meine Töchter können übrigens gar nicht verstehen, warum ich immer so einen Affentanz aufführe. Ida würde die gelben Tropfen der Vorgängerin einfach besser verteilen, bis es «sauber» ist – und Eva würde geschwind noch hineingreifen, könnte ja Limo sein. Selbstverständlich ahnen die Kleinen nicht, wie anstrengend es für Mami ist, ein Kind mit Harndrang so über die Schüssel zu halten, dass anschliessend nicht alles (also WC-Brille, Plattenboden, mütterliche Schuhe) verspritzt ist. Meine Oberarme sehen mittlerweile so durchtrainiert aus wie die von Michelle Obama.

Abgesehen davon haben meine Töchter ein echt schlechtes Timing. Meine Fünfjährige muss immer dann ganz dringend, wenn wir gerade auf die Autobahn gefahren sind. Und Eva spürt ihre Blase mit Vorliebe, wenn ich gerade am Essen bin. Kaum serviert mir ein Kellner das (heisse!) Hauptgericht, piepst die Kleine: «Mami, ich muess bisle!» Neulich in den Skiferien passierte das an vier (!) aufeinanderfolgenden Tagen. Ich also jeweils mit Eva Richtung WC. Hose runter, Kind lupfen und – nichts.

«Mäuslein, wann kommt das Pipi?»
«Gleich, Mami.»
«Wann ist gleich?»
«Weisst du, erst kommt noch das Gaggi.»
Eva drückt mit viel Engagement. Vergeblich.
«Mir tun die Arme weh. Bist du dir sicher, dass du musst?»
Sie zuckt mit ihren kleinen Schultern und wechselt das Thema: «Mami, hörst du dieses traurige Lied?»
«Ja, auf Toiletten läuft oft Musik.»
«Komm, wir gucken mal traurig.»
«Okay.»
(Wir ziehen beide die Mundwinkel herunter, bis wir lachen müssen.)
«Mami, du darfst doch nicht lachen, sonst kommt es nicht.»
«Mann, dann hätten wir auch gar nicht aufs WC müssen …»
«Aber ich muss.»
«Dann los!»
«Warum riecht es hier so nach Essen?»
«Der Geruch kommt wohl aus der Küche.»

Eine Minute später: «Mami, das Bisi-Gaggi ist da, und ich habe Hunger.»

Autor: Bettina Leinenbach