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26. März 2012

«Ich liebte einen Hochstapler»

Die Berner Autorin Franziska Freiermuth (29) erlebte die grosse Liebe: Sie glaubte, dass diesem Mann Vertrauen, Ehrlichkeit und Offenheit über alles gingen. Heute weiss sie, dass er ein Hochstapler ist, der sie und drei andere Frauen belogen, ihr Vertrauen missbraucht ‒ und ihr Geld genommen hat.

Auf der Suche nach der grossen Liebe im Internet über einen Hochstapler gestolpert: Die 29-jährige ­Autorin Franziska Freiermuth.

Ist es nicht der grösste Wunsch eines jeden, erkannt und mit seinem ganzen Wesen angenommen und geliebt zu werden? Genau das war es, was ich mit diesem Mann erlebte, über den ich auf einer Internetplattform gestolpert war. Eine Liebe, wie ich sie mir immer gewünscht hatte. Keine eintönige Einstimmigkeit war das, sondern ein lebendiger, anregender Dialog über das, was uns bewegte.

Ich, die ich mein Herz bis anhin immer mit Hochpräzision an Männer verschenkt hatte, die nach einem kurzen Höhenflug feststellten, dass sie sich doch nicht in mich verlieben konnten. Er, ein vom Leben gebeutelter Einzelkämpfer, der sich seinen Erfolg ganz selber erarbeitet hatte. Einer, dem durch seine Lebensgeschichte Vertrauen, Ehrlichkeit und Offenheit über alles gingen: ‹Eines verspreche ich dir, ich werde immer ehrlich mit dir sein.› Ich mit meinen verkorksten Männergeschichten, die meinen Weg säumten, und mit so viel Hoffnung im Herzen vertraute ihm und seinem ehrlichen, offenen Blick.

Der Stimmungswandel

Und dann war plötzlich alles anders. Ein Stimmungsumschwung innerhalb von Tagen. Rückzug. Streit. Tränen. Noch ein Traumstart mit jähem Ende? Nein, Diagnose Depression. Mein Lieblingsmensch ganz grau: Er wisse nicht, wie es für ihn weitergehe, er brauche Zeit für sich. Er wolle mich nicht festhalten, aber ich sei ihm der liebste Mensch. Er überlasse die Entscheidung mir.

Natürlich hielt ich zu ihm. Mein Mensch, mein Mann, mein Herz. Ich las Ratgeber über Depression, ich verzieh und vergab die Distanz, die Stille, die Abweisung, die Negativität. Er wollte weder eine gemeinsame Therapiesitzung, noch meine Nähe, noch über sich oder die Dinge reden, die ihn beschäftigen oder die ihm hätten guttun können. Er meldete sich tagelang nicht, versprach Anrufe, die nie kamen.

Es war schwierig, es war anstrengend, und ich lernte viel: über die Liebe, das Zusammensein, und darüber, was es heisst, sich selbst zu sein. Ich lernte, dass ich glücklich sein kann, auch wenn es einem geliebten Menschen nicht gut geht. Ich lernte, dass ich immer eine Wahl habe, auch wenn die Umstände verdammt schwierig sind. Trotz all dem, was war, fühlte es sich für mich richtig an, da zu sein, wo ich war.

Bleiben oder gehen?

In diesen Monaten versprach er, mir durch seine Kontakte einen Job zu vermitteln, von dem ich schon immer geträumt hatte, und ich versprach, ihn mit meiner Unterschrift, meinen Texten und ein wenig Geld zu unterstützen, als seine Geschäftspartnerin Hals über Kopf die gemeinsame Werbeagentur verlassen hatte, die er als Deutscher nicht alleine weiterführen konnte.

Ich glaube, ich habe ein gutes Gespür für Menschen. Es gab immer wieder unstimmige Momente. Der Job zögerte sich über Wochen und Monate hinaus. Und es war frustrierend, wie unfassbar und uneinschätzbar seine Aussagen in ihrem kontinuierlichen Wandel für mich waren. Ich war immer wieder hin- und hergerissen zwischen der bewussten Wahl, darauf zu vertrauen, dass die bestmögliche Erklärung die Wahrheit ist, und dem Schritt, ihn zu stellen und mit gezogener Pistole Erklärungen einzufordern. Und doch entschloss ich mich wieder und wieder, zu diesem wundervollen Mann zu stehen, den ich in den Fängen der Depression glaubte. Zwei Mal wollte ich gehen. Und beide Male liess er mich mit seinen Worten wieder spüren, wie viel ich ihm bedeutete, auch wenn er im Moment nicht in der Lage war, diese Gefühle zu leben.

Ich blieb, bis es sich nicht mehr richtig anfühlte. Ein versprochener Telefonanruf zu viel, der niemals stattfand. Eine an mir ausgelassene Stimmung zu viel. Ein Mal zu viel ausgewichen, wenn ich auf ihn zuging. Ein Mal zu viel geschwiegen. Man kann für einen Menschen nur da sein, wenn dieser Mensch es einem auch erlaubt. Dieser Mensch erlaubte es mir nicht mehr.

Das Reservoir in mir, aus dem ich monatelang Kraft und Mitgefühl, Liebe und Vertrauen geschöpft hatte, war leer. Ich wollte nicht misstrauen. Aber ich konnte nicht mehr vertrauen. Ich wollte ihn nicht verlassen. Aber ich hielt seine Art, mit mir umzugehen, nicht mehr länger aus. Ich wollte zu seinem Glück beitragen aber nicht auf Kosten meines eigenen Wohlbefindens. Das Einzige, was ich noch geben durfte, wären Texte und Unterschriften für seine Agentur gewesen. Und so konnte und wollte ich nicht mehr.

Der letzte Funken Hoffnung

Er reagierte zuerst mit Vorwürfen, dann mit Stille. Ich hatte Angst um ihn. Bei meinem letzten Besuch in seinem leeren Büro betrat ich jeden Raum mit dem klammen Gefühl, er könnte tot vor mir liegen. Hatte ich ihn im Stich gelassen, als er mich am meisten brauchte? Diese Frage ging mir nicht aus dem Herzen. Und doch wusste ich, dass ich für mein eigenes Glück richtig gehandelt hatte. Wochen später ein Anruf: «Es geht mir besser, die Depression habe ich hinter mir, ich will vorwärtsgehen, ich habe dich vermisst, ich möchte dich in meinem Leben behalten, wenn du das noch willst. Und könntest du mir noch einmal deine Unterschrift geben? Ich rufe dich morgen an, lass uns wieder einmal so richtig zusammen reden.» Zum letzten Mal hoffen? Ja, für diesen Menschen schon.

Doch er rief nicht an. Zum millionsten Mal nicht. Und ich wusste in meinem Herzen, dass es vorbei war, fertig gehofft, fertig mitgefühlt, fertig, fertig, fertig. Ich wollte mir nicht mehr Sorgen machen, ich wollte nicht mehr Chancen geben, ich wollte nicht mehr den Menschen in ihm suchen, den ich einmal geliebt hatte, ich wollte nicht mehr. Die Unterschrift gab ich ihm nicht. Und er beendete gefühllos, was auch immer wir noch waren.

Kaputtes Kartenhaus

Am Ende brauchte es nur einen Telefonanruf von seiner früheren Geschäftspartnerin. In einem einzigen Gespräch erklärten sich all diese unstimmigen Momente mit der schlimmst möglichen Wahrheit: Dieser Mann ist ein Hochstapler. Nichts, was er je gesagt hat, ist wahr. Weder seine Lebensgeschichte, seine Karriere, seine Depression noch seine Liebe. Weder der Traumjob, den er mir vermitteln wollte, noch seine Treue.

Denn nicht nur war er zum Zeitpunkt, als er mich kennenlernte, noch mit seiner Geschäftspartnerin liiert, er lebte bei einer weiteren Freundin, die er dann verliess, um mit einer vierten Frau zusammenzuziehen. Und von all diesen Frauen erhielt er nicht nur viel Liebe und Unterstützung, sondern zum Teil auch sehr, sehr viel Geld.

Franziska Freiermuth hat die schwierige Erfahrung mit einem Hochstapler verarbeitet, indem sie sie öffentlich machte.
Franziska Freiermuth hat die schwierige Erfahrung mit einem Hochstapler verarbeitet, indem sie sie öffentlich machte.

Das schiere Ausmass dieses Kartenhauses, das Organisationstalent, die schauspielerischen Fähigkeiten und der kühle Kopf, so viele Geschichten reibungslos nebeneinander laufen zu lassen, lassen sich mit gesundem Menschenverstand nicht erklären.

Und man fragt sich, wie konnte das passieren? Wir sind alle vier selbstbewusste, engagierte, talentierte Frauen, die nebst viel Herz auch über genügend Verstand verfügen, um mit beiden Beinen im Leben zu stehen. Wie sind wir an diesen Schmarotzer, an diesen Lügner, an diesen Gauner geraten?

Indem wir glaubten, dass uns das Schönste passiert, was wir uns alle wünschen: die grosse Liebe zu treffen. Dieser Mann hat dabei wie ein Puppenspieler die richtigen Fäden gezogen, um uns mit Erfolg in seine Machenschaften zu verwickeln. Er hat uns gnadenlos manipuliert. Und er war darin richtig gut.

Ich bin kein Opfer!

Sind wir deshalb Opfer? Nein, ich zumindest fühle mich nicht so. Ich mag zwar fast das ganze letzte Jahr unter höchst imaginären Umständen gelebt haben, aber ich war dabei ganz ich, ganz echt, ganz ehrlich. Was auch immer passiert ist, ich habe meine Authentizität nie verloren, und ich habe zu jeder Zeit Entscheidungen getroffen, die ich so treffen wollte, weil sie sich richtig anfühlten — auch wenn ich dafür nicht belohnt wurde. Und das kann mir kein Hochstapler der Welt nehmen.

Juristisch wird dieser Mann davonkommen. Er hinterlässt Scherben, Schulden, ein verwahrlostes Büro und bestimmt noch viel mehr, von dem ich nichts weiss. Doch keine von uns vier Frauen wird ihn anzeigen. Das lohnt sich weder finanziell noch emotional. Denn Geld, das Einzige, wofür wir ihn belangen könnten, hat er nicht, sondern nimmt es sich von anderen Menschen. Und solches Geld will niemand von uns. Wie und wo er heute lebt und was er tut, weiss ich nicht. Er ist verschwunden, dieser Mann, der mir bis zum letzten Wort Lügengeschichten erzählte. Auch dann noch, als ich ihm die Chance gab, mir ohne Konsequenzen die Wahrheit zu sagen. Es tut mir leid, um sein verpfuschtes Leben. Aber ich bin froh, dass er nicht mehr in meiner Verantwortung liegt. Es lebt sich viel leichter seither. Anstatt ihm als Rächerin hinterherzujagen, habe ich mich entschlossen, meine Geschichte zu erzählen. Anstelle all derjenigen, die sich schämen und schweigen. Und für all diejenigen, denen dasselbe passieren könnte.

Und jetzt? Mein Vertrauen, es ist noch immer da. Das Geld, es lässt sich verdienen. Die Liebe, sie wird wieder kommen. Ich bin getestet worden, weiss Gott, aber ich bin dabei gewachsen. Ich nehme die Lektionen mit, die ich im letzten Jahr gesammelt habe, und klopfe mir auf die Schultern, stolz auf die starke Frau, zu der ich geworden bin.

Autor: Franziska Freiermuth

Fotograf: Severin Nowacki