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16. Januar 2012

«Ich laufe nicht davon, wenn mir was nicht passt»

Alt Bundesrat Adolf Ogi ist bald 70, aber gefragt und beliebt wie eh und je. Sorgen bereitet ihm zurzeit seine eigene Partei, die SVP. Er wünscht sich, dass BDP und SVP wieder eins werden.

Adolf Ogi
Adolf Ogi im Landgasthof Ruedihus in Kandersteg. Zum Interview erschien er mit Skiausrüstung.

Adolf Ogis Anekdoten: Was er bei Staatsbesuchen mit Gerhard Schröder, Jiang Zemin und anderen erlebte.

Adolf Ogi, nach dem Debakel bei den National- und Bundesratswahlen konnten die SVP und Christoph Blocher mit dem Rücktritt von Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand wieder einen Erfolg feiern. Wie sehen Sie das?

Ich bezweifle, dass das Volk diese Affäre als Erfolg feiert. Es will Lösungen. Um diese zu erreichen, braucht man als Partei Partner. Verlangt man von den anderen eine Null-Fehler-Kultur, darf man selber auch keine Fehler machen. Hildebrand ist ein Fehler passiert, und manche mögen jetzt jubilieren, dass er abgetreten ist. Aber mit ihm verliert die Schweiz einen Mann mit einem internationalen Netzwerk, wie es sonst wohl keiner hat. Er hat unser Land mit seinem Charisma und seinem Können hervorragend im Ausland vertreten.

Die SVP hat der Schweiz also einen Bärendienst erwiesen?

Man kann Christoph Blocher keinen Vorwurf machen, dass er mit den Informationen zur damaligen Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey ging. Fragen stellen muss man den SVP-Kantonsräten Thomas Lei, Claudio Schmid und einigen Journalisten.

Soll Hildebrand Strafanzeige gegen die «Weltwoche» einreichen?

Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich finde, dass nun auch auf dieser Seite ganz sauber abgeklärt werden muss, wer welche Rolle gespielt hat. Das darf die Öffentlichkeit erwarten.

Wie werden die SVP-Wähler auf das Verhalten der Parteiführung reagieren?

Christoph Blocher hat an einer Pressekonferenz gesagt, er habe schon mehrmals gelogen, aber in diesem Fall nicht. Das hat mich aufgeschreckt. Und ich habe auch nicht den Eindruck, dass die öffentliche Meinung in dieser Affäre pro SVP ist. Möglicherweise ändert sich das noch, falls noch mehr negative Informationen bekannt werden. Ich glaube aber, auch die SVP-Wähler möchten, dass die Partei mit anderen zusammenarbeitet, um Lösungen für Probleme zu finden.

Sie sind SVP-Mitglied. Können Sie sich mit der Partei immer noch identifizieren?

Ich laufe nicht davon, wenn mir etwas nicht passt, ich habe der SVP viel zu verdanken. Christoph Blocher und ich sind 1979 gemeinsam in den Nationalrat gewählt worden. Wir haben zum Beispiel zusammen einen Rhetorikkurs besucht. Ich habe zu ihm ein besonderes Verhältnis. Nach vier Jahren wurde ich Parteipräsident der SVP Schweiz, nach acht Jahren Bundesrat. Das verbindet, da rennt man nicht davon. Aber ich wünschte, die Gründung der BDP hätte nicht stattgefunden. Ich halte den Rauswurf der SVP Graubünden für einen historischen Fehler. Wäre mein Sohn nicht krank geworden, hätte ich versucht, die Spaltung zu verhindern.

Ein Übertritt zur BDP kommt nicht in Frage?

Nein. Ich hoffe, dass das Kriegsbeil in ein paar Jahren begraben werden kann und sich die beiden Parteien wieder zusammenschliessen. Dabei wirke ich gerne als Mediator oder Brückenbauer — falls gewünscht.

Nach den letzten Wahlen haben Sie sich zum Kurs der SVP kritisch geäussert.

Ich bin von verschiedenen Leuten der Partei aufgefordert worden, mich zu äussern, auch von solchen, die eher zum rechten Flügel zählen. Offenbar sieht man mich als eine Art moralische Instanz. Mir ist diese Bezeichnung eher unangenehm. Innerhalb der Partei gibt es sehr viele, die möchten, dass der aggressive, besserwisserische Stil aufhört. Ich habe Christoph Blocher nahegelegt, er solle geordnet und schrittweise zurücktreten, weil er sonst sein grosses politisches Lebenswerk kaputt macht.

Hat er darauf reagiert?

Direkt nicht. Aber er hat kurz darauf angekündigt, dass er wahrscheinlich nicht mehr als Vizepräsident und Strategiechef der SVP Schweiz antreten wird. Wenn ich mit Christoph unter vier Augen rede, ist er ein angenehmer, flotter Mensch. Sobald aber fünf Leute am Tisch sitzen, will er dominieren. Von seinem Temperament her kann er nicht die zweite Geige spielen. Aber er musste in letzter Zeit einige Niederlagen hinnehmen: Als Bundesrat wurde er abgewählt, in den Ständerat hat er es nicht geschafft, in den Nationalrat wurde er zwar gewählt, aber nicht mit dem besten Resultat. Für ihn ist das alles sehr, sehr schwierig. Die Abwahl als Bundesrat hat ihn — und seine Frau— verletzt, und diese Verletzung schmerzt noch immer.

Dennoch hoffen Sie auf seine Einsicht?

Ja, ich zähle auf seine Weisheit. Er hat viel geleistet, aber es muss auch nach ihm weitergehen. Nur so kann die SVP auf Partner hoffen. Ansonsten steht sie weiterhin so isoliert da wie bei den letzten Wahlen, wo sie trotz gewaltigen Aufwands durchs Band verloren hat. Auch die Affäre um die «Basler Zeitung» hat der SVP geschadet.

Apropos isoliert: Sie waren im Bundesrat ein Befürworter eines EU-Beitritts. Und heute?

Das stimmt so nicht! Ich möchte klarstellen, wie das damals im Bundesrat lief. Wir haben im Mai 1992 an jenem Morgen nicht beschlossen, ein Gesuch für einen EU-Beitritt zu stellen, sondern ein Gesuch um Aufnahme von Verhandlungen für einen eventuellen Beitritt. Danach könnte das Volk Ja oder Nein sagen. Vier Bundesräte waren dafür, drei waren dagegen. Aufgrund dieses Gesuchs bekamen wir eine Einladung an den EU-Gipfel in Nizza im Jahr 2000. Es wurde lange diskutiert, ob wir sie annehmen sollten. Schliesslich fand man, in Nizza müsse der Ogi französisch reden, da bestehe keine Gefahr, dass er einen Akkusativfehler macht … (lacht)

Also gingen Sie hin?

Jawohl. Alle Staatsoberhäupter sassen um einen Tisch, Chirac war Vorsitzender, EU-Kommissionspräsident Prodi sass neben mir. Ich hatte einen vom Aussendepartement ausgearbeiteten Text in der Hand, den ich vorlesen sollte.

Und dann?

Als Chirac mir das Wort gab, kommentierte Prodi neben mir: «Ah, les Suisses, die wollen immer nur Vorteile und Ausnahmen.» Ich wurde wütend, legte den Text zur Seite und hielt eine freie Rede, im Français fédéral de Kandersteg. Ich habe ihnen die Geschichte der Schweiz seit 1848 erklärt, den Bundesstaat, die Neutralität, die direkte Demokratie, Solidarität nach aussen, Sicherheitspolitik, alles. Es ging keiner raus, alle haben zugehört. Zum Schluss sagte einer, offensichtlich beeindruckt: «Wir müssen uns im Klaren sein, dass das, was die Schweizer 1848 geschaffen haben, genau das ist, was wir heute für Europa tun müssen.» Das hat kein Journalist in der Schweiz zur Kenntnis genommen, aber ich war stolz, man hatte mich verstanden. Wir können im Moment nicht EU-Mitglied werden. Aber es ist an uns zu überlegen, wie es mit unserem Land in 20 bis 50 Jahren weitergeht. Dabei müssen wir einen Modus Vivendi mit der EU finden.

Wie könnte dieser Modus Vivendi aussehen?

Ein Weg dorthin könnte sein, dass wir zwei Arbeitsgruppen Schweiz — EU einsetzen. Eine für all die Bereiche, bei denen wir überhaupt keine Differenzen zur EU haben; sie hätte die Aufgabe zu verhindern, dass neue Probleme entstehen. Und eine für Bereiche wie Neutralität, direkte Demokratie und EU-Recht, in denen wir aus heutiger Sicht unüberwindbare Differenzen haben. Der Arbeitsgruppe sollte man Zeit geben, zum Beispiel zehn Jahre, ohne nach jeder Sitzung Communiqués zu veröffentlichen, mit Vorwürfen, die alle nervös machen. Manchmal löst sogar die Zeit Probleme.

Was ist mit der Personenfreizügigkeit?

Die Personenfreizügigkeit hat uns klar Vorteile gebracht. Dies zeigt eine neue Studie des Gewerbeverbandes.

Sichtlich zu Hause in Kandersteg: Alt-Bundesrat Adolf Ogi.
Sichtlich zu Hause in Kandersteg: Alt-Bundesrat Adolf Ogi.

Waren die Differenzen zu Ihrer Zeit kleiner?

Es war einfacher zu regieren. Es herrschte wirtschaftliche Prosperität. Die Schweiz war respektiert und anerkannt von Kohl, Mitterrand, Blair, Clinton, zu denen persönliche Beziehungen bestanden. Man sah sich häufig, konnte jederzeit anrufen, sie haben uns verstanden, teilweise sogar geliebt. Seither hat sich vieles verändert: Die grossen Länder sind derzeit mit sich selbst beschäftigt. Wir sind vielerorts nicht dabei, deshalb treffen die Bundesräte die Mächtigen der Welt viel weniger häufig. Sarkozy war noch nie offiziell in der Schweiz, Obama auch nicht, Merkel nur ganz kurz.

Sie sind ein gläubiger Mensch. Hat der Tod Ihres Sohnes Mathias 2009 das geändert?

Ich hatte immer viel Glück im Leben. Aber ich habe meinen Sohn verloren, ich kann das bis heute nicht begreifen. Ich bin fragend, suchend und nicht-findend. Warum musste Mathias vor seinen Eltern sterben? Der Tod meines Sohnes ist der Grund, dass ich mit dem lieben Gott, zu dem ich immer so viel gebetet habe, im Moment ein Problem habe.

Beten Sie heute nicht mehr?

Ich bete nach wie vor, vielleicht sogar intensiver als vorher.

Was hilft Ihnen dabei loszulassen?

Ein Kind zu verlieren ist die fundamentalste Erschütterung, die einem Vater oder einer Mutter widerfahren kann. Da kommt man nicht darüber hinweg. Es ist wie ein schlechter Traum. Mathias liegt in Kandersteg im Familiengrab. Wenn ich hier bin, gehe ich fast jeden Tag hin. Er wollte, dass wir fröhlich weiterleben.

Das fällt Ihnen schwer.

Ich kann den Verlust im Moment nicht akzeptieren. Meiner Frau fällt er noch schwerer. Mathias’ Freunde haben einen Verein gegründet und ihn «Freude herrscht» genannt. Mich haben sie zum Präsidenten ernannt. Wir möchten Kindern das weitergeben, was Mathias immer lebte: Bewegung, Leistungsfähigkeit, Durchhaltewillen, Hilfsbereitschaft, Lebensfreude und Kameradschaft. Mitte Jahr werde ich 70 und von vielen meiner zahlreichen Funktionen zurücktreten, aber «Freude herrscht» liegt mir am Herzen. Da werde ich weitermachen.

Hilft es Ihnen, über das Thema zu reden?

Manchmal ist es eine Befreiung, darüber zu reden. Wir erhalten viele Reaktionen von anderen Eltern, die dasselbe Schicksal erlitten haben. Das gibt uns Solidarität, Kraft und Halt.

Sie bekommen noch immer so viel Post, dass Sie eine Sekretärin brauchen.

Ja, ich dachte, das höre irgendwann mal auf, das tut es aber nicht. Pro Tag kommen noch heute 30 bis 40 Briefe, Mails, SMS. Ich könnte jeden Abend irgendwo eine Rede halten. Es ist schön, aber manchmal wirklich kaum zu bewältigen.

Ihre Offenheit hat Sie auch in der Romandie zu einem sehr bliebten Bundesrat gemacht.

Ich war immer ein Lieblingsopfer des Westschweizer Komikers Yann Lambiel, oder sagen wir: ein guter Kunde. Er hat sich gerade vor Kurzem beklagt, dass es schwierig sei mit den heutigen Bundesräten — keiner liesse sich so gut imitieren wie der Couchepin und der Ogi.

Vermisst Sie auch Walter Andreas Müller?

Er hat mich nie nachgemacht. Ich habe mich mal bei ihm beklagt, weil er mich nie imitiert. Er meinte, das ginge nicht, meinen Berner Oberländer Dialekt kriege er einfach nicht hin.

Autor: Sabine Lüthi

Fotograf: Marco Zanoni