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22. Oktober 2012

«Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu tun, als Ski zu fahren»

Am 28. Oktober beginnt der Skiweltcup 2012/13: Abfahrtsolympiasieger Didier Défago spricht über seine Ziele und seine Familie, über sein Befinden als einziger Romand unter Deutschschweizern und die Herausforderung, als 35-Jähriger noch immer Spitzensport zu treiben.

Didier Défago
Sehr stolz darauf, nicht nur Deutsch, sondern auch Schweizerdeutsch zu sprechen: 
der Romand 
Didier Défago aus 
Morgins VS.

Olympisches Gold in der Abfahrt ist die höchste Auszeichnung für einen Skirennfahrer. Wie motiviert man sich nach einem solchen Ergebnis, Didier Défago?

Eine Goldmedaille zu gewinnen war natürlich ein Ziel von mir und ein Kindheitstraum. Aber ich bin immer noch topmotiviert. Man findet immer wieder neue Ziele. In der kommenden Saison steht die Weltmeisterschaft im Februar in Schladming im Vordergrund. An einer WM habe ich noch nie eine Medaille gewonnen. Allenfalls könnte ich in der einen oder anderen Disziplin noch eine Kristallkugel holen. Ich möchte zudem regelmässiger gute Resultate erzielen als im letzten Winter. Schliesslich kann ich mir im Moment nicht vorstellen, etwas anderes zu tun, als Skirennen zu fahren.

Sie verspüren keinen Alltagstrott und keine Müdigkeit?

Ich liebe meine Arbeit sehr. Manchmal muss ich mir aber in Erinnerung rufen, dass ich älter werde. Es genügt nicht, mir einzureden, Spitzensportler und jung zu sein. Denn ich beginne, das Alter zu spüren – besonders bei der Erholungszeit. Darauf muss ich mich einstellen.

Sie haben kleine Kinder, sind oft weit weg von zu Hause. Der Skizirkus muss Sie belasten.

Was nicht immer ganz einfach ist, für die Kinder wie für mich, sind die langen Trennungen, wie die drei Wochen, in denen wir uns auf der südlichen Hemisphäre vorbereitet haben. Und im November fliegen wir für dreieinhalb Wochen nach Nordamerika. Im Vergleich zu den kanadischen oder amerikanischen Fahrern haben wir Schweizer aber Glück: 75 Prozent des Weltcups finden in Europa statt. Vor allem jetzt, da meine Tochter die Schule besucht, kann meine Familie nicht zu allen Rennen kommen. Trotzdem steht sie hundertprozentig hinter mir, darüber sind wir uns einig.

Golfspielen ist ein Hobby von Didier Défago.
Golfspielen ist ein Hobby von Didier Défago.

Sich auf ein Ziel wie die Weltmeisterschaft auszurichten, ist sehr riskant.

Das stimmt. Es ist schwierig, alles auf ein Rennen zu setzen, das weniger als zwei Minuten dauert. So viele äussere Umstände spielen eine Rolle: das Wetter, die Startnummer und der Zustand der Piste, wenn man unterwegs ist. Dennoch ist es möglich, sich entsprechend vorzubereiten. Das Programm wird so zusammengestellt, dass man am Tag X nicht müde an den Start geht.

Es ist mir wichtig, dass meine Kinder den Sport entdecken. Das ist eine gute Lebensschule.

Was kann man von den Schweizer Skirennfahrern in dieser Saison insgesamt erwarten?

Momentan laufen die Vorbereitungen gut. Wir hatten für diese Jahreszeit ausgezeichnete Bedingungen in Zermatt mit hartem, kompaktem Winterschnee. Aber es gibt doch etliche Fragezeichen. Beat Feuz hat immer noch Probleme mit seinem Knie. Justin Murisier hat sich leider an den Bändern verletzt. Und auch Patrick Küng und Marc Gisin, die letztes Jahr einige gute Resultate erzielt haben, plagen sich mit Verletzungen herum. Immerhin scheint Carlo Janka weniger Rückenbeschwerden zu haben; man kann also auf ihn zählen. Ich bin trotz allem Optimist und glaube, dass wir eine gute Saison fahren werden.

Bevor Sie Olympiagold gewonnen haben, war Ihre Karriere von viel Pech geprägt. Bereuen Sie etwas?

Man kann immer etwas bereuen. Ich stelle mir oft die Frage, ob ich etwas anders machen würde, wenn ich mein Leben nochmals leben könnte. Ich glaube, ich würde nicht viel ändern, eigentlich gar nichts. Es gibt gewiss Momente, in denen man sich sagt, wenn ich dort dieses Material oder diese Startnummer gehabt hätte, dann wäre es vielleicht anders gekommen. Mit dem Wort «wenn» hätte ich vielleicht alles gewonnen.

Das Schweizer Skiteam flog diesen Sommer zur Saisonvorbereitung für drei Wochen nach Ushuaia, einen mythischen Ort im Süden Argentiniens. Hatten Sie dort Zeit für andere Dinge ausser Skifahren?

Wir hatten einen oder zwei Tage Pause. Einen Nachmittag lang machten wir einen Ausflug mit einem Schiff und schauten uns die Seelöwen auf den Inseln im Beagle-Kanal an. Das war einzigartig.

Wie ist das Leben ohne Didier Cuche?

Wenn ein Sportler von seinem Format aufhört, dann fühlt sich das komisch an. Zudem haben wir die Zeit seit 1999 gemeinsam erlebt. Mit seinem Rücktritt haben wir einen Sportler verloren, der immer für einen Podestplatz gut war, der ganz vorne mitgefahren ist. Bis jetzt waren wir im Schweizer Team sechs oder sieben, die aufs Podest fahren konnten, jetzt reduziert sich die Zahl auf drei oder vier. Damit verstärkt sich der Druck auf uns Übriggebliebene natürlich.

Allerdings gibt es auch einen Konkurrenten weniger.

Es gibt auch welche aus anderen Ländern.

Kann man sich dem Skifahren überhaupt entziehen, wenn man wie Sie in einem Walliser Wintersportort geboren wurde?

Mein Vater war Meister im Behindertenskisport. Ich bin damit aufgewachsen. Für jemanden aus Morgins, mit einem Gebiet wie Portes du Soleil vor der Haustür, ist es schwierig, ein Schwimmer zu werden.

Werden die jungen Skirennfahrer in der Schweiz ausreichend betreut? Als gutes Beispiel dient oft Österreich.

Man kann immer sagen, anderswo sei es besser, aber mit Swiss-Ski haben wir eine gute Struktur. Das Hauptproblem ist, dass der alpine Skisport ein ziemlich teurer Sport für die Eltern ist. Hier müssten vielleicht Mittel gefunden werden, um die Jungen zu fördern. Ich habe den normalen Weg gemacht, neun Jahre obligatorische Schule — Primarschule und Orientierungsschule — gefolgt von einer Lehre als Hochbauzeichner. Und ich hatte Glück, dass ich die Rekrutenschule in zwei Etappen absolvieren konnte.

Würde es Sie stören, wenn Ihre Kinder eines Tages lieber snowboarden?

Nein, meine Tochter spielt jetzt auch Tennis, und den Kleinen möchte ich gern beim Fussball anmelden. Für mich ist nur wichtig, dass sie Sport treiben, auf jeden Fall bis sie 14 oder 15 Jahre alt sind. Es ist wichtig, dass sie den Sport entdecken. Das ist eine gute Lebensschule und erfordert viel Organisation. Ich jedenfalls habe viel dabei gelernt. Wenn sie dann in irgendeiner Sportart den Durchbruch schaffen wollen, dann unterstütze ich sie zu 100 Prozent.

Sie haben Ihre ersten Erfolge in den technischen Disziplinen und nicht in der Abfahrt gefeiert. Warum das?

Um in der Abfahrt erfolgreich zu sein, muss man etwas wagen. Man muss Mut und auch viel Erfahrung haben.

Was verspüren Sie, wenn Sie bei einer Abfahrt hinter dem Starttor stehen?

Das ist bei jedem Rennen verschieden, sogar von einem Jahr zum anderen auf der gleichen Piste. Jedes Jahr ist die Herausforderung anders. Man hat im letzten Jahr vielleicht gewonnen, oder man hat es verhauen.

Wenn man wie Sie 2009 am Lauberhorn und in Kitzbühel gewinnt, sind die Gefühle schon anders, oder nicht?

Zu Hause oder in Kitzbühel zu gewinnen ist nicht das Gleiche. Vor dem Heimpublikum zu gewinnen, ist ein unvergesslicher Moment, der mir heute noch Gänsehaut beschert. In Kitzbühel ist es die Piste, die legendär ist. Es sind unterschiedliche Siege, die man aber gleichermassen geniesst. Und jedes Mal bekommt man Lust auf mehr.

Träumen Sie nachts schon von Sotschi 2014?

Ich träume nicht nur davon. Meine Frau wäre auf jeden Fall nicht glücklich, wenn es so wäre …

Wie ist das Verhältnis zwischen West- und Deutschschweizern innerhalb der Schweizer Mannschaft? Gibt es zwei Gruppen?

Dieses Jahr wird es schwierig: Jetzt, da Cuche weg und Murisier verletzt ist, bin ich der einzige Romand. Ich bin mir das aber gewohnt, denn ich habe sieben Saisons im C- und B-Kader verbracht, wo ich auch der einzige Romand war. Am Anfang ist es zwar schon ein bisschen hart, das stimmt. In der Schule habe ich Hochdeutsch gelernt, aber im Skisport war ich gezwungen, auch Schweizerdeutsch zu sprechen. Und darauf bin ich heute sehr stolz.

Beim Golf ist es wie beim Skifahren: Läuft es nicht, tendiert man dazu, sich aufzuregen.

Es gibt eine Piste und ein Denkmal in Morgins mit Ihrem Namen – das könnte einem schon zu Kopf steigen.

Wenn du Olympiasieger geworden bist, ändert sich vor allem die Sicht der Medien. Mir hat es im Wesentlichen ermöglicht, mit neuen Partnern zusammenzuarbeiten. Zum Beispiel mit einer Weinhandlung in Sitten, mit der ich eine Rotwein- und eine Weissweinlinie entwickelt habe, die sich sehr gut verkaufen. Das sind kleine Pluspunkte.

Wein und Skisport, das passt irgendwie nicht zusammen.

Vielleicht, aber am Wein kommt man im Wallis einfach nicht vorbei.

Ist gerne in der Natur: Didier Défago, Abfahrts-Olympiasieger 2010.
Ist gerne in der Natur: Didier Défago, Abfahrts-Olympiasieger 2010.

Zu Ihren Hobbys gehören Golf spielen und Fischen. Das sind ziemlich bedächtige Aktivitäten im Vergleich zum Skifahren.

Zum Golf spielen bin ich schon mit 14 Jahren gekommen, als mein Fanklub mir mein erstes Set Schläger schenkte. Damals bin ich auf den Geschmack gekommen. Bei der Fischerei ist es anders: Ich fische vor allem in Flüssen, ich laufe gern, man hat seine Ruhe, man findet ein wenig zu sich selbst, man denkt an andere Dinge, und man ist in der Natur. Nur vom Geräusch des Wassers umgeben zu sein, ist sehr wohltuend. Während man beim Golf, wenn es nicht so läuft, wie man möchte, schnell in die gleichen Muster wie beim Skifahren fällt: Man tendiert dazu, sich aufzuregen.

Autor: Laurent Nicolet

Fotograf: Laurent de Senarclens