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07. Mai 2012

«Ich halte Frauenquoten in Verwaltungsräten für falsch»

Monika Ribar gehört als Chefin des Logistikunternehmens Panalpina zu den einflussreichsten Frauen der Weltwirtschaft. Die Toggenburgerin findet, viele Frauen trauten sich zu wenig zu. Eine Förderung sei deshalb sinnvoll, und diese beginne in den einzelnen Unternehmen.

Monika Ribar im Treppenhaus des Panalpina-Hauptsitzes in Basel: «Frauen sind beim Organisieren oft besser als Männer.»

Monika Ribar, das Luftfrachtgeschäft ist der Fiebermesser der Weltwirtschaft. Wie zuversichtlich sind Sie für Panalpina?

Grundsätzlich haben sich die Weltwirtschaft und das Transportgeschäft von der Krise erholt. Aber wir sehen nicht dasselbe Wachstum wie vor der Krise. Momentan geht der Luftfrachtmarkt sogar zurück. Im zweiten Halbjahr erwarten wir hingegen eine Verbesserung.

Was heisst das für die Zukunft?

Für den Bereich Luftfracht rechnen wir in den nächsten Jahren mit einem jährlichen Wachstum von vier bis fünf Prozent, in der Seefracht sind sieben bis neun Prozent möglich. 2011 realisierten wir in der Seefracht einen neuen Allzeitrekord.

Ein grosser Teil des Frachtgeschäfts wird heute in Asien abgewickelt. Ist Panalpinas Hauptsitz Basel überhaupt noch der richtige Ort?

Wo unser Head Office steht, ist völlig egal. Es könnte sich auch auf dem Mond befinden. Unser Metier ist ein Netzwerkgeschäft. Wir haben in 80 Ländern 500 eigene Niederlassungen. Aber wir fühlen uns wohl in Basel.

Unser Hauptsitz könnte auch auf dem Mond stehen.

2009 mussten Sie 2000 Arbeitsplätze abbauen. Wie schwierig war die Kommunikation?

Sehr schwierig, weil es das in der Unternehmensgeschichte noch nie gab. Uns hat geholfen, dass wir klar kommunizierten: Wir müssen diese einschneidende Massnahme ergreifen, um die Arbeitsplätze der verbliebenen 13'000 Mitarbeitenden zu sichern. Damals gingen wir davon aus, dass wir eine längere Durststrecke vor uns haben. Als börsenkotiertes Unternehmen werden wir daran gemessen, wie wir auf solche Situationen reagieren.

Seit Ihrem Amtsantritt mussten Sie mehrere Krisen bewältigen. Stichworte sind Korruptionsfälle in Nigeria und Klagen nach Preisabsprachen. Wurde Ihnen das nie zu viel?

Selbstverständlich fragte ich mich auch manchmal, ob das nicht aufhöre. Ich sagte mir, ich kann die Vergangenheit nicht ändern, aber sehr wohl die Zukunft gestalten. Und ich habe einen dicken Kopf: Wenn ich einmal etwas anfange, ziehe ich es durch. Mir hat geholfen, dass ich das Unternehmen seit Jahren sehr gut kenne. Ich wusste immer, wie stark unsere Grundpfeiler sind.

Sie kennen Ihr Unternehmen sehr gut, das ist ein Vorteil. Oder ein Nachteil – etwa wenn Sie Kollegen entlassen müssen.

Ja, das ist so. Ich habe seit meinem Amtsantritt als CEO das gesamte Management ausgewechselt. Darunter gab es Leute, mit denen ich jahrelang zusammengearbeitet hatte. Letztlich werde ich aber dafür bezahlt, dass ich zum Wohl des Unternehmens entscheide.

Die «Financial Times» setzte Sie auf die Liste der 50 mächtigsten Wirtschaftsfrauen der Welt. Was bedeutet Ihnen das?

Was wollen Sie jetzt hören? (lacht) Für mich ist das eine Anerkennung meiner Arbeit. Ich finde es schön für unsere Mitarbeiter, weil sie es toll finden, wenn sie ihre Chefin auf solchen Ranglisten sehen. Meinen Job muss ich trotzdem machen.

Sie sind als Konzernchefin eine Exotin. Wie behaupten Sie sich als Frau in der männerdominierten Speditions- und Logistikbranche?

Wir haben in unserem Unternehmen fast 50 Prozent Frauen. Der Beruf des Spediteurs besteht nicht aus Lastwagenfahren, sondern vor allem aus Organisieren. Und darin sind Frauen oft besser als Männer.

Monika Ribar über Führung: «Als Unternehmen sind wir keine Demokratie. Am Schluss trage ich die Verantwortung.»
Monika Ribar über Führung: «Als Unternehmen sind wir keine Demokratie. Am Schluss trage ich die Verantwortung.»

Was halten Sie von Frauenquoten?

Wichtig ist die Vielfalt. Für jeden Job sollte man die am besten qualifizierte Person auswählen, unabhängig vom Geschlecht.

Es braucht also keine Frauenförderung?

Das habe ich nicht gesagt. Denn einerseits ist die Gesellschaft gegenüber beruflich engagierten Frauen noch immer zu wenig aufgeschlossen, und andererseits trauen sich Frauen nicht genügend zu. Wenn eine Frau eine Stelle angeboten erhält, fragt sie sich, ob sie darin bestehe. Ein Mann fragt, wie viel er dabei verdient. Deshalb ist Frauenförderung sicher sehr sinnvoll.

Einst waren Sie klar gegen Frauenquoten. Jetzt ist aus Ihren Aussagen eine gewisse Relativierung zu hören.

Entscheidend ist, auf welcher Stufe Quoten gefordert werden. Quoten in Verwaltungsräten halte ich für falsch, denn die Förderung sollte in den einzelnen Unternehmen beginnen. Wir müssen für junge Frauen, die Karriere machen wollen, ein geeignetes Umfeld schaffen.

Wo sollte man konkret den Hebel ansetzen?

In der Schweiz ist es für eine Frau schwierig, alles unter einen Hut zu bringen. Wir leben in einer Gesellschaft, die Frauen nicht grundsätzlich unterstützt, die Karriere machen wollen. Schauen Sie nur auf unsere Kinderbetreuung oder den Mutterschaftsurlaub im Vergleich zu Frankreich oder Nordeuropa!

Was haben Sie konkret zur Frauenförderung bei Panalpina beigetragen?

Wir bieten jungen Frauen ein Programm an, bei dem sie internationale Erfahrungen sammeln, um so lokal Karriere zu machen. In unserem Ausbildungsprogramm achten wir darauf, eine ausgewogene Zahl an Frauen und Männern zu haben. Zudem habe ich 2011 ein Ziel bekannt gegeben: Im Management jeder unserer 21 Geschäftsgebiete sollte mindestens eine Frau sitzen. Das hat eine interessante interne Diskussion ausgelöst. Seither arbeiten im Sales- und Marketingbereich der vier sehr wichtigen Märkte China, Deutschland, USA und Brasilien zwei Frauen in führenden Positionen. Es hilft schon etwas, wenn der Chef eine Frau ist …

Frauen gelten als unternehmenstreuer als Männer. Sie selbst wurden als aussichtsreiche Kandidatin für das Amt des Postchefs gehandelt, haben aber abgewinkt. Weshalb?

Mein Entscheid hat wenig mit Unternehmenstreue zu tun. Vielmehr bot mir Panalpina die Chance, alle paar Jahre eine andere Aufgabe zu übernehmen. In meinen 21 Jahren habe ich in fünf verschiedenen Positionen gearbeitet. Das ist das, was mich anspornte und mir immer wieder neue Perspektiven eröffnete. Die Aufgabe als Postchefin hat mich nicht gereizt, weil sie schweizbezogen und politisch ist.

Liegt Ihnen die Politik nicht besonders?

Mein Mann sagt mir immer, ich sei dafür zu wenig diplomatisch. (lacht)

Ihr Job verlangt diplomatisches Geschick!

Selbstverständlich, aber auf eine andere Art. Als Unternehmen sind wir keine Demokratie. Am Schluss trage ich die Verantwortung.

Sie sind also eine Generalin.

Nein, ganz und gar nicht. Ich bin ein starker Teammensch und pflege eine offene Kommunikation. Es kam höchst selten vor, dass ich einen Entscheid durchsetzen musste, weil die Konzernleitung und ich keinen gemeinsamen Nenner fanden.

Es hilft schon, wenn der Chef eine Frau ist.

Was bedeutet Ihnen Geld?

Geld gab mir immer eine gewisse Freiheit. Ich stamme allerdings aus einfachen Verhältnissen. Ich musste mir mein Studium selbst finanzieren, weil sich das meine Eltern nicht leisten konnten.

Wie haben Sie Ihr Studium finanziert?

Ich arbeitete im Service, bereitete in der Galerie Koller Auktionen vor und absolvierte Praktika, etwa bei der St. Galler Kantonalbank. Im letzten Studienjahr beantragte ich ein Stipendium, weil der Lernaufwand zu gross wurde.

Heute benützen Sie geschäftlich einen Maserati mit eigenem Chauffeur.

Ja, das Auto ist mein erweitertes Büro. Wenn ich einen Geschäftstermin habe, erledige ich unterwegs Telefonate.

Können Sie auch abschalten?

Ich achte darauf, dass ich die Wochenenden frei halte, da ich meinen in Deutschland arbeitenden Mann nur dann sehe.

Wie schalten Sie am besten ab? Sie gelten als kunstinteressiert.

Ja, Kunst hilft mir. Ich treffe mich auch gerne mit Freunden. Mein Mann und ich haben einen grossen Bekanntenkreis aus meiner Studienzeit. Das sind Leute, die mir in schwierigen Zeiten Halt geben. Zum Abschalten hilft mir eine Runde Golf. Mein Mann und ich sind alles andere als Stubenhocker.

Steht Ihr Golf-Handicap noch immer bei 35,6?

Das können Sie dann wieder in der «Bilanz»-Rangliste nachlesen. (lacht) Ich bin wahrscheinlich kein Naturtalent und müsste viel mehr Zeit zum Spielen haben. Zum Abschalten gibt es aber nichts Schöneres, als frühmorgens über einen leeren Golfplatz zu gehen und die Hasen aufzuscheuchen.

Haben Sie Ihre Passion für Kunst in der Galerie Koller entdeckt?

Nein, durch meinen Mann. Früher hatte ich meine Wohnung mit Postern dekoriert. Wir kaufen Kunst nicht als Wertanlage, sondern weil sie uns gefällt. Nur haben wir fast keine freien Wände mehr. Nun wechseln wir auf Skulpturen, denn in unserem Garten gibt es noch Platz.

Was bringt Ihnen die Kunst?

Sie ist für mich faszinierend, weil ich ein sehr rationaler und logisch denkender Mensch bin. Künstler schaffen etwas, das andere Menschen berührt. Ich weiss nicht, ob Sie je in der Londoner National Gallery vor Van Goghs «Sonnenblumen» standen. Mir lief es in jenem Moment kalt und heiss den Rücken runter.

40 Prozent Ihrer Arbeitszeit sind Sie unterwegs. Sie sitzen in Verwaltungsräten und haben einen Mann, der in Deutschland arbeitet. Wie schaffen Sie all das?

Das ist Planung. Es kommt ausgesprochen selten vor, dass ich während der Woche nicht weiss, was ich in einer Stunde machen werde. (lacht)

Autor: Reto Wild

Fotograf: Matthias Willi