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02. Dezember 2013

«Ich habe noch nie übers Wetter gewettert»

Maschine gegen Mensch: Computer übernehmen in der Arbeitswelt immer komplexere Aufgaben. Die präzisen Prognosen von Flugwetterberater Stefan Vonlanthen beweisen jedoch: Der Mensch kann die Maschine immer noch schlagen.

Die Nase im Wind: Flugwetterberater Stefan Vonlanthen an seinem Arbeitsort am Flughafen Zürich.
Die Nase im Wind: Flugwetterberater Stefan Vonlanthen an seinem Arbeitsort am Flughafen Zürich.

Das Signal ertönt. Stefan Vonlanthen (52) macht sich auf den Weg aufs Dach. Alle 30 Minuten das gleiche Prozedere. Wie sind die Sichtverhältnisse, wie viele Wolken, auf welcher Höhe, hat es am Himmel, hat sich die Situation verändert? Sind die Sichtverhältnisse im Süden gleich wie im Norden? Ist ein Gewitter oder ein Schneeschauer in der Umgebung des Flughafens im Anzug? Vonlanthen schaut in die Ferne und rattert innerlich die Checkliste runter. «Die Umrisse des Kirchturms von Kloten und auch einige Details sind immer noch relativ gut sichtbar, das heisst, wir haben auf sechs Kilometer Entfernung gute Sichtverhältnisse», sagt der Flugwetterberater.

Nach der Beobachtung auf dem Dach gibt er die Werte mit Hilfe eines internationalen Codes in den Computer ein, und jeweils um 20 Minuten und 50 Minuten nach der vollen Stunde verschickt er die standardisierten Meldungen. Zwischen diesen Beobachtungen wird das Wetter laufend überwacht, und markante Änderungen werden umgehend an den Tower des Flughafens Zürich weitergeleitet – auch während der Nacht. Das Flugwetterteam von MeteoSchweiz, dem nationalen Wetterdienst, unterhält einen 24-StundenBetrieb. Stefan Vonlanthen arbeitet seit 1990 für MeteoSchweiz, seit 2001 ist er Teamleiter und führt in dieser Funktion zwölf Personen. «Ich finde meine Tätigkeit auch nach 23 Jahren immer noch sehr faszinierend und hoffe, dass ich meinen Beruf bis zu meiner Pensionierung ausüben kann.»

Mit seinem Dienstfahrzeug fährt Stefan Vonlanthen auf der Meteostrasse langsam zurück zur Hauptzentrale im Operation Center 1 im Flughafen Zürich. Nur wenige Meter vom Auto entfernt setzen die grossen Flugzeuge auf der Landebahn auf. Der Geruch von abgeriebenem Gummi steigt in die Nase.

«Für mich als Meteorologen ist jede Wetterlage interessant, deshalb gibt es für mich auch kein schlechtes Wetter», sagt Vonlanthen. «Ich habe noch nie über das Wetter gewettert und akzeptiere es so, wie es ist.»

Der Privatpilot geht heute lieber wandern und Velo fahren

Vonlanthen absolvierte einst die Ausbildung zum Privatpiloten. Das habe ihm damals sicher geholfen bei der Bewerbung beim Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie (MeteoSchweiz). Doch heute fehle ihm definitiv die Zeit für das Fliegen. «Ich gehe lieber mit meiner Frau wandern oder Velo fahren.» Ursprünglich ist Vonlanthen gelernter Landschaftsgärtner, danach zog es ihn zur Grenzwache und von dort an den Flughafen Zürich.

Einmal täglich werden die verschiedenen Instrumente kontrolliert, die dem Team von MeteoSchweiz die Messdaten auf ihre Bildschirme liefern. «Als ich hier anfing zu arbeiten, hatten wir nur einen Bildschirm vor unseren Köpfen. Heute haben wir sieben Bildschirme, und auf jedem sehen wir ein anderes Wettermodell, Satelliten- und Radarbilder oder andere Messzahlen.» Die technische Entwicklung sei extrem. Die älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden aber immer noch gerne mit den Papierausdrucken arbeiten und auch mal selbst eine Linie einzeichnen. «Das ist doch herrlich, wie man die Situation analysieren und dann anhand der verschiedenen Angaben das Wetter interpretieren kann.»

Der Grossteil der Daten wird automatisch erfasst, wieso braucht es den Menschen überhaupt noch? Stefan Vonlanthen schüttelt den Kopf. «Oh, nein, die Messergebnisse sind zwar viel genauer und detaillierter geworden, aber um sie richtig zu interpretieren und die jeweiligen Aussagen zu einem stimmigen Ganzen zusammenzutragen, braucht es immer noch Menschen.» Auch könne kein Instrument beispielsweise die Anzahl Wolken am Himmel bestimmen.

Auch ein Wetterexperte wird mal nass

Mit so vielen Kenntnissen und einem guten Draht nach oben wird der Meteorologe sicher nie nass. Vonlanthen lacht laut. «Oh doch. Meine Frau und meine Nachbarn verlassen sich auch gerne auf mich, aber gerade bei den Voraussagen für die nächsten drei bis vier Tage, also bei den Mittelfristprognosen, gibt es immer wieder Überraschungen.» Das Wetter ist und bleibt unberechenbar – selbst für ihn.

Im Operation Center 1 befindet sich die Zentrale der Flugwetterberater. Sie erarbeiten Prognosen für den Flughafen Zürich und die Aviatik, auf die Piloten weltweit zugreifen können. Je nach Wetterlage klingelt das Telefon beinahe ununterbrochen, und Privatpiloten erkundigen sich nach der aktuellen Situation. Gleichzeitig betreten immer wieder Linienpiloten die Briefingzentrale und holen sich für ihre Flugvorbereitung die notwendigen Unterlagen ab.

Vonlanthen erinnert sich noch gut an das Jahr 2010, als der isländische Vulkan Eyjafjallajökull ausbrach. «Oh, ja, da war hier vielleicht was los, das war eine wahnsinnig intensive Zeit.» Überall sei Kartenmaterial für die Piloten bereitgelegen und sie hätten dauernd Full House gehabt, weil alle wissen wollten, ob die Situation sich verbessert habe. An einem Durchschnittstag geht es aber bedeutend ruhiger zu. Stefan Vonlanthen verbringt rund zwei Drittel seiner Arbeitszeit im Operation Center 1 im Flughafen. Ein Drittel arbeitet er in der Beobachtungsstation auf dem Flughafengelände in Oberglatt.

«Wir tragen eine grosse Verantwortung, aber dessen ist sich hier jeder bewusst», sagt der Vater von zwei erwachsenen Töchtern.

Autor: Sandra Kohler

Fotograf: Jorma Müller