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30. Juni 2014

«Ich habe keinen Gott gefunden»

Rolf Dobelli ist der erfolgreichste Sachbuchautor der Schweiz. Im Moment hat er aber andere Prioritäten, als über Denkfehler, Vernunft, Gott und die Welt zu sinnieren: Er ist seit kurzem Vater.

«Ich bin ein Fan der Aufklärung»: Rolf Dobelli findet, nach dem «Esoterikwahn» der letzten Jahre sei es Zeit für mehr Wissenschaft.
«Ich bin ein Fan der Aufklärung»: Rolf Dobelli findet, nach dem «Esoterikwahn» der letzten Jahre sei es Zeit für mehr Wissenschaft.

Rolf Dobelli, Sie sind im Februar Vater geworden – und gleich von Zwillingen. Das dürfte Ihr Leben ziemlich auf den Kopf gestellt haben.

Die Welt ist eine komplett andere. Plötzlich sind Themen wie Lebensaufgabe, Sinn oder Politik nicht mehr zentral. Es dreht sich alles nur um die beiden Würmchen. Meine Frau und ich funktionieren in diesen ersten Monaten eigentlich nur. An Schlaf ist nicht zu denken, und zum Denken bleibt ohnehin kaum Zeit. Und plötzlich erscheint das erste verschmitzte Lächeln auf ihren Gesichtern, und man weiss: Es lohnt sich alles.

Was haben Sie seit der Geburt schon alles gelernt über sich und den Umgang mit Babys?

Zunächst, dass wir die Situation mit Numa und Avi völlig unterschätzt haben. Wir dachten, wir seien wie immer perfekt vorbereitet (lacht). Überraschend war auch, dass sich unsere professionellen Schlafräuber gegenseitig schon sehr gezielt den Nuggi aus den Mündchen ziehen können. Danach gucken sie in die Welt, unschuldig und mit grossen Augen, als wären das zufällige Bewegungen ihrer Händchen gewesen.

Sie gelten als der erfolgreichste Schweizer Sachbuchautor. Hätten Sie einen solchen Erfolg zu hoffen gewagt?

Nein, gar nicht. Wie bei jeder kulturellen Produktion weiss man im Voraus nie, wie es herauskommt. Es braucht immer auch Glück. Dazu kommen verstärkende Faktoren: Meine Bücher profitieren von der Bekanntheit der Kolumne in der «SonntagsZeitung» und der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ), und hat man einmal ein gutes Buch geschrieben, findet auch das nächste Beachtung. Offenbar gefällt den Leuten, was ich schreibe, die Bücher werden auch gern verschenkt.

Was, glauben Sie, spricht die Menschen so an?

Der Inhalt, die Erkenntnisse aus der Psychologie der letzten 30 Jahre. Ich bin wohl einer der Ersten, der sie in einer relativ einfachen Sprache schildert.

Die beiden Bücher über das klare Denken sind sehr vernunftbetont und rational. Kann man ihren Erfolg als Gegenbewegung werten zum esoterischen Geschwurbel, das sonst im Sachbuchmarkt so erfolgreich ist?

Auf jeden Fall. Wir mussten nun 30 Jahre lang diesen – in meinen Augen – Esoterikwahn ertragen, jetzt darf man auch wieder mal denken und sich mit Wissenschaft auseinandersetzen. Ich glaube, dass man davon mehr hat.

Rolf Dobelli.
Rolf Dobelli.

Hoffen Sie wieder auf mehr Rationalität?

Ich bin ein Fan der Aufklärung und hoffe, dass wir ihren Zusammenbruch noch etwas hinauszögern können. Angegriffen wird sie ja schon lange, das fing vor 200 Jahren im Zeitalter der Romantik an und verstärkte sich mit dem Aufkommen der Esoterikbewegung und der Postmoderne. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass wir heute erstmals in einer Welt leben, in der sich jeder Luxusfragen rund um den Sinn des Lebens stellen kann. Und da liefert die Esoterik einfache, pfannenfertige Antworten.

Sie sind ernstlich besorgt um die Werte der Aufklärung?

Irgendwie schon. Ich beobachte eine Verdummung der Welt. Wenn Sie schauen, wofür die Mehrheit der Menschen ihre Freizeit einsetzt: Computerspiele, Social Media, Unterhaltung. Man lässt sich ein Leben lang berieseln, das ist eine Art mediale Alkoholisierung. Die Gefahr besteht, dass sich eine Art Zweiklassengesellschaft herausbildet, in der eine kleine Elite denkt und Dinge erfindet und der Rest seinen Job macht und sich in der Freizeit von virtuellen Welten einlullen lässt. Brot und Spiele sozusagen.

Ist das nicht ein Kulturpessimismus, wie es ihn zu allen Zeiten gegeben hat?

Natürlich ist die Welt in vielen Aspekten besser geworden. Wir haben mehr Möglichkeiten, unser Leben zu gestalten, weniger Kriege, bessere Medizin. Niemand verhungert in unseren Breitengraden. Erstaunlich ist aber, dass in der Politik oder in der eigenen Lebensführung kaum Fortschritt zu erkennen ist.

Sind Sie eher zuversichtlich oder pessimistisch für unsere Zukunft?

Für unsere Umwelt bin ich eher pessimistisch: Klimaerwärmung und Übersäuerung der Meere werden viele weitere Spezies aussterben lassen. Was mich langfristig dennoch optimistisch stimmt, ist die Fähigkeit ein paar weniger Menschen, Erfindungen zu machen, die es uns erlauben, mit solchen Herausforderungen fertigzuwerden. Die Fantasie dieser kreativen Forschungs- und Erfinderelite gibt mir Hoffnung.

Waren Sie immer aufseiten der Aufklärung, oder hatten Sie auch andere Phasen?

Vor zehn Jahren habe ich mal ernsthaft nach Gott gesucht und ging mehrmals ins Kloster Einsiedeln. Dort habe ich mit den Mönchen gelebt und alles mitgemacht. Aber ich musste realisieren, dass ich Gott auch in dieser sehr asketischen Form nicht näherkomme.

Wieso überhaupt die Suche nach Gott?

Ich dachte: Ich kann doch nicht einfach so behaupten, es gebe Gott nicht. Ich muss doch erst mal echt versuchen, ihn zu finden. Dazu gehörten auch Gespräche und Diskussionen mit den Mönchen und dem damaligen Abt Martin – diese Menschen geben ihr Leben her für diese Idee. Also dachte ich, vielleicht ist da ja doch was dahinter, und ging möglichst offen ans Werk. Aber ich habe keinen Gott gefunden.

In unserem Umfeld kennen wirklich viele Ihre Bücher. Von einigen haben wir aber auch gehört: Hochstapler, der hat einfach psychologische Allgemeinplätze zusammengefasst und dann clever vermarktet. Was sagen Sie zu dem Vorwurf?

Natürlich habe ich zusammengefasst, schliesslich betreibe ich keine eigene Forschung. Ich bin, was man im Englischen als «science writer» bezeichnet, eine Art Wissenschaftsjournalist. Wobei ich nichts gegen ein Leben hätte, in dem mir der Staat die Mittel zur Verfügung stellte, um ein eigenes Labor zu betreiben (lacht). Die Herausforderung bestand darin, diese spannenden Forschungsergebnisse in die Alltagssprache zu übersetzen. Was die Vermarktung betrifft: Die hielt sich in Grenzen. Da gab es ein Plakat in der Buchhandlung im Stadelhofen und eine Annonce in der FAZ. Bei meinen Romanen hatten der Diogenes Verlag und ich stärker die Trommel gerührt – und der Erfolg war kleiner.

Ihr Sachbucherfolg hat Ihnen vermutlich eine Menge Geld eingebracht und auch globale Prominenz. Ein gutes Gefühl?

Es ist tatsächlich schön, wenn man mal in andere Sprachen übersetzt wird. Aber auch als Bestsellerautor kann ich mich nicht einfach zur Ruhe setzen, so viel bringt das dann doch nicht ein. Meines Wissens gibt es in der Schweiz nur einen einzigen Buchautor, der von seinen Tantiemen bis ans Ende des Lebens zehren kann, das ist Erich von Däniken. Er hat etwa 60 Millionen Exemplare verkauft. Das reicht, um für den Rest des Lebens Ferien zu machen, wenn man möchte.

An einem Vortrag sagten Sie mal, Sie hätten in Ihrem HSG-Studium nichts gelernt. Wo denn dann?

In vielen Büchern, im Selbststudium und im eigenen Leben. Bücher sind das beste Medium zur Wissensvermittlung. Ich habe Philosophie und BWL an der Hochschule St. Gallen studiert. Philosophie war hervorragend, aber BWL war furchtbar. Das ist einfach noch keine Wissenschaft. Man paukt sogenannte «Case Studies» durch, ein kompliziertes Wort für Anekdoten. BWL und VWL sind noch in jenem Stadium, in dem die Medizin vor 300 Jahren war: Man weiss, da ist ein Körper, und der hat Organe, aber wie die zusammenspielen und was die Krankheiten auslöst, das ist alles viel zu komplex. Im Zweifelsfall lässt man mal Blut ab oder bohrt ein Loch in den Kopf. Etwa auf dem Niveau sind wir in den Wirtschaftswissenschaften.

Aber Sie haben das Studium zu Ende geführt?

Ja, leider, das war ein klassischer Denkfehler, die sogenannte Sunk-Cost-Fallacy: Wenn man mal was angefangen hat, glaubt man, es auch zu Ende führen zu müssen, weil man ja schon so viel Zeit investiert hat.

Man lässt sich berieseln, eine Art mediale Alkoholisierung.

Heute haben Sie die Denkfehler alle durchschaut. Machen Sie selbst noch welche?

Aber klar, immer wieder. Darum bin ich auch heute zum Interview zu spät gekommen. Klassisches überschätztes Selbstvertrauen. Ich dachte wieder mal, ich sei schneller als der statistische Mittelwert und war es natürlich nicht.

Bemühen Sie sich überhaupt, Denkfehler zu vermeiden?

Eigentlich schon, aber sie passieren mir trotzdem (lacht). Man sollte es auch nicht übertreiben, sonst macht man sich nur verrückt. Am besten beschränkt man sich darauf zu versuchen, sie bei grossen Entscheidungen zu vermeiden.

Gibt es eine Art Meta-Denkfehler? Etwas, das das Entstehen aller Denkfehler erklärt?

Nein, gibt es nicht. Das ist eben auch so ein Denkfehler, die Idee, dass man am Schluss alles auf dieser Welt auf ein Prinzip reduzieren kann. Nicht einmal in der Physik haben wir die eine alles erklärende Theorie gefunden. Die Welt besteht aus einem komplizierten Geflecht von Patchworkelementen. Aber viele Denkfehler sind entstanden, weil wir einst Jäger und Sammler waren und mit ganz anderen Herausforderungen zu tun hatten als in der heutigen, sehr viel komplizierteren Welt.

2012 haben Sie Ihre Kolumne beendet und gesagt, mehr als 100 systematische Denkfehler gebe es nicht. Sind Sie sich da sicher, oder sind Ihnen schlicht die Ideen ausgegangen?

Ich habe einfach in der Forschung nicht mehr gefunden, aber es kann schon sein, dass später noch mehr auftauchen.

Seit Oktober sind Sie nun Kolumnist beim «Stern», aber der Ansatz ist anders.

Es hat mich gereizt, Fragen ans Leben und an die Welt zu stellen – ohne Antworten. Einer, der grossartige Fragebogen geschrieben hat, ist Max Frisch. Wobei er bei Weitem nicht der erste in dieser Disziplin war. Vor fünf Jahren kam bei Diogenes mein erstes Fragebogenbuch heraus mit dem Titel «Wer bin ich?». Die Kolumne beim «Stern» schliesst daran an.

Und ein neues Buch ist auch geplant?

Ja, die gesammelten Fragebogenkolumnen. Das Buch «Fragen an das Leben» wird im November wieder bei Diogenes erscheinen, in einem neuen Format und Layout, auf das ich mich sehr freue.

Ich wüsste nicht, warum ich unbedingt abschalten sollte. Ich lese lieber ein Buch.

Letztes Jahr waren Sie wegen Plagiatsvorwürfen in den Schlagzeilen und haben offenbar auch ein paar Korrekturen an einigen Büchern vorgenommen. Wie blicken Sie heute auf diese Tage im September zurück? Und wie berechtigt waren die Vorwürfe?

Die FAZ hat es auf den Punkt gebracht. Zitat: «Dass Dobelli sich das alles selbst ausgedacht hätte, suggeriert nicht der kleinste Satz.» Sie bezeichnete diesen Streit als «traurig» – was er auch wirklich war. Es ist so, dass ich Hunderte von wissenschaftlichen Quellen zitiert habe, und da gingen mir an acht Stellen – drei im Text und fünf im kleingedruckten Anhang – Zitatemarkierungen durch die Lappen. Diese Fehler wurden noch im September umgehend korrigiert.

Was machen Sie, wenn Sie sich nicht mit grossen Fragen und Denkfehlern beschäftigen?

Dann verbringe ich Zeit mit meiner Frau – und jetzt natürlich auch mit unseren Knirpsen. Ausserdem habe ich immer irgendein Buch dabei (lacht). Ab und zu gehe ich wandern oder joggen, da denke ich meist nicht über allzu Tiefgründiges nach. Aber sonst habe ich schon fast immer einen Notizblock im Gepäck, auf dem ich Ideen notiere. Im Moment liegen die grossen Fragen aber eh auf Eis. Jetzt sind die Zwillinge dran!

Fällt es Ihnen schwer abzuschalten?

Nein, aber ich wüsste nicht, warum ich unbedingt abschalten sollte. Ich lese dann lieber ein Buch. Mir macht wohl einfach Spass, was ich tue, so geht es übrigens den meisten Unternehmern. Wenn man mal selbständig gewesen ist, will man nicht wieder zurück.

Ausser man hat keinen Erfolg.

Klar. Wenn das alles bei mir nicht funktionieren würde, müsste ich mir auch wieder einen Job suchen, als Anlageberater oder so – grässlich!

Autor: Silja Kornacher, Ralf Kaminski

Fotograf: Christian Schnur