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06. Februar 2012

«Ich habe keine Komplexe gegenüber Roger»

Am Wochenende steht Stanislas Wawrinka im Davis Cup in Freiburg auf dem Tennis Court. Dort trifft die Schweiz auf die USA. Der Waadtländer über sein Verhältnis zu Roger Federer, seine Tochter Alexia und seinen ständigen Begleiter ‒ Homer Simpson.

Stanislas Wawrinka ist die Nummer 27 der ATP-Weltrangliste. 2008 hatte er seine beste Klassierung. Er war Nummer 9.

Stanislas Wawrinka, wie sehen Sie die Chancen für die Schweiz auf einen Sieg beim Davis Cup?

Da wir zu Hause spielen, sind wir sicher Favorit. Aber die USA sind grundsätzlich ein sehr starker Gegner, die Begegnung könnte eng werden. Ausserdem hat deren Team mehr Spieler aufgeboten als wir. Wir dürfen uns deshalb keine Ausrutscher leisten.

Dafür wird Roger Federer an Ihrer Seite stehen.

Auch deshalb gelten wir als Favorit. Aber ein einfaches Spiel werden wir trotzdem nicht haben.

Bleibt der Davis Cup für Sie ein Höhepunkt der Saison?

Ja, ich spiele nun seit acht Jahren im Davis Cup und war immer bereit dazu. Für mich ist es ein Glück und eine Ehre, für mein Land zu spielen. Schon als ich klein war, träumte ich davon. Jedes Jahr ist es mein Ziel, möglichst weit zu kommen, für die Schweiz alles zu geben.

Ein weiteres Ziel für 2012 ist der Vorstoss in die Top Ten der ATP?

Oder ihnen möglichst nahe zu kommen.

Sie sind in diesem Jahr allerdings nicht sehr gut gestartet: Bei den Australian Open war in der dritten Runde Endstation.

Das Jahr hat ja gerade erst begonnen! Man kann jetzt noch keine Schlüsse ziehen. Und nach einem einzigen Turnier werde ich noch nicht das Handtuch werfen. 2012 gibt es noch viele Turniere zu spielen. Ich bin weiterhin sehr zuversichtlich und weiss, dass ich es schaffen kann.

Auch ohne Trainer? Seit Sie sich von Peter Lundgren getrennt haben, setzen Sie auf den Alleingang.

Das ist seit vergangenem September so, und es klappt sehr gut. Ich nehme mir Zeit, einen neuen Trainer zu finden, aber im Moment hat das für mich keine Priorität. Ich bin 26, kann Tennis spielen und bin nun schon einige Zeit auf Tour. Ich weiss, wie es läuft.

Die Verpflichtung von Lundgren als Coach gab Ihrer Karriere im Jahr 2010 jedoch einen Kick. Warum haben Sie die Zusammenarbeit so schnell wieder beendet?

Weil ich nach einem sehr intensiven Jahr fand, es sei genug. Aber Peter hat mir enorm geholfen, sowohl technisch als auch mental. Auch seine Erfahrung kam mir sehr zugute. Er hat mit grossen Spielern wie Roger Federer gearbeitet und mit einigen von ihnen mehrere Grand Slam gewonnen.

Ein weiterer Höhepunkt des Sportjahrs 2012 sind die Olympischen Spiele in London.

Die Olympischen Spiele sind das Ereignis des Jahres. Mir bedeutet die Teilnahme viel. Ich habe das Glück, die Erfahrung bereits gemacht und sogar eine Goldmedaille gewonnen zu haben (Peking 2008, im Doppel mit Roger Federer, Anm. d. Red).

Rechnen Sie mit einer weiteren Medaille?

Das dürfte schwierig werden, aber ich werde mein Bestes geben.

Stanislas Wawrinka
Stanislas Wawrinka: «Ich nehme mir Zeit, einen neuen Trainer zu finden.»

Ihre Resultate der letzten Jahre erwecken den Eindruck einer Berg-und-Tal-Fahrt. Sie sind zu Höchstleistungen fähig, brechen danach aber immer wieder ein. Wie erklären Sie sich das?

Ich habe überhaupt nicht den Eindruck, dass meine Karriere einer Berg-und-Tal-Fahrt gleicht. Im Gegenteil: Meiner Ansicht nach habe ich mich stets verbessert und nach meinem eigenen Rhythmus Stufe um Stufe erklommen. Mit Ausnahme eines Jahres, in dem ich in der Rangliste abgerutscht bin, ist es immer aufwärts gegangen.

Im Juni 2008 erreichten Sie mit einem 9. Rang Ihre beste ATP-Klassierung. Danach ist Ihnen der Sprung in die Top Ten nicht mehr gelungen. Warum?

Wissen Sie, der 9. ist vom 22. oder 23. Platz der Weltrangliste nur durch wenige Punkte getrennt. Innert kürzester Zeit kann man von einer Position zur anderen springen, fast mit einem einzigen Match. Die Platzierung verändert sich laufend, ist äusserst instabil. Übrigens beendete ich das Jahr 2008 als Nummer 17. Man darf nicht vergessen, dass weltweit Millionen Menschen Tennis spielen. Zu den besten 20 zu gehören ist schon aussergewöhnlich, vor allem für einen Schweizer Sportler. Dieses Niveau wird nur von ganz wenigen erreicht. Sicher, wir haben das Glück, über einen Roger Federer zu verfügen, den besten Tennisspieler aller Zeiten, aber man kann ihn nicht wirklich mit den anderen Schweizer Spielern vergleichen.

Leiden Sie unter einem Minderwertigkeitskomplex, wenn Sie ihm gegenüberstehen?

Nein, gegenüber Roger habe ich keine Komplexe. Er ist ganz einfach viel stärker als ich. Er ist die Weltnummer drei, ich die Nummer 27. Es ist normal, dass ich gegen ihn verliere.

Besteht also kein zusätzlicher Druck, wenn Sie gegen Roger Federer spielen?

Nein, ein gewisser Druck ist in jedem Match vorhanden. Vielleicht ist der Druck für mich generell ein wenig grösser, weil er mehr Turniere bestritten hat als ich.

Eine schwierige Phase in Ihrem Leben war die Trennung von Ihrer Frau Ilham Vuilloud im Jahr 2010. Wie geht es Ihnen heute?

Das ist ein Thema, über das ich in den Medien nie spreche. Ich rede nicht gerne über mein Privatleben.

Sehen Sie Ihre Tochter Alexia oft?

Ja, ständig.

Ist sie stolz auf ihren Papa?

Das müssen Sie Alexia fragen, wenn sie etwas älter ist.

Letztes Jahr war sie an einem Ihrer Matches dabei.

Ja, in Bern. Es war super, sie mit meiner Frau im Publikum zu sehen.

Sie verstehen sich also immer noch gut mit Ilham.

Ja, wir verstehen uns bestens.

Sie sprechen zwar kaum über Ihr Privatleben, nutzen dafür aber häufig Facebook oder Twitter, um über Ihren Alltag zu plaudern. Warum?

Ich tue es vor allem für meine Fans. Sie unterstützen uns Sportler sehr. Es gibt mir die Möglichkeit, ihnen zu danken, ihnen eine andere, etwas persönlichere Sicht zu geben, als jene, die aus den Zeitungen oder bei den offiziellen Pressekonferenzen zu erfahren ist.

Zu diesem Zweck trugen Sie letztes Jahr überall eine Figur von Homer Simpson mit sich.

Ja, ich habe sie an verschiedenen Orten fotografiert. Das war eine etwas verschrobene Art, die Tour, die Hotels, die besuchten Städte, die Flugzeuge zu zeigen, meinen Alltag zu teilen, ohne ständig selbst im Bild sein zu müssen. Den Fans gefiel es!

Sie beantworten auf der Internetsite go4tennis.ch die Fragen junger Spieler. Wollen Sie so Ihrer Rolle als Botschafter von Swiss Tennis gerecht werden?

Für mich ist die Nachwuchsförderung sehr wichtig. Gegenwärtig herrscht ein wenig Flaute, und ich fürchte den Zeitpunkt, an dem Roger und ich aufhören. Auf dieser Homepage kann ich den Anfängern Ratschläge geben. Wenn wir miteinander diskutieren oder uns sogar einmal auf dem Platz einige Bälle zuspielen, ist das ein guter Anfang.

Weitere Infos zum Davis Cup und Stanislas Wawrinka: www.swisstennis.ch

www.go4tennis.ch

Autor: Tania Araman

Fotograf: Mathieu Rod