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17. September 2012

«Ich habe jeden Abend mit meinen Kindern gesungen»

Singen und Musizieren liegen der Aargauer Ständerätin Christine Egerszegi am Herzen. Sie setzte sich deshalb mit viel Engagement für die Annahme des neuen Verfassungsartikels «Musikalische Bildung» ein. Das Volk nahm in am 23. September mit überwiegender Mehrheit an.

Musikunterricht
Geht ins Geld: Viele Eltern
 können es sich nicht leisten, ihre Kinder 
ein Instrument lernen zu lassen. (Bild: Keystone)

Musikalische Förderung zu Hause: Was können Eltern tun, um ihre Kinder zu motivieren, mit ihnen 'Musik zu machen'? Tipps für die spielerische Note.

Christine Egerszegi, warum machen Sie sich stark für die Verankerung der musikalischen Bildung in der Verfassung?

Singen und Musizieren liegen mir am Herzen. Ich singe selbst sehr gerne. Vor Kurzem hatte ich ein eindrückliches Erlebnis: Nach einer Generalversammlung eines kantonalen Chorverbandes wollte ich mit den Leuten ein Lied singen. Und was geschah: Sie standen auf, holten ihr Singbuch und blätterten darin. Sie wussten nicht, was wir hätten singen können. Ich war erstaunt, denn wir haben doch ein wertvolles Liedgut.

Christine Egerszegi
Christine Egerszegi: Die Aargauer Ständerätin präsidiert die Interessengemeinschaft «Jugend und Musik». Die 64-Jährige verfügt über eine Gesangsausbildung und war Leiterin der Musikschule in Mellingen. (Bild: Keystone)

Was heisst das?

In den Schulen und zu Hause wird immer weniger gesungen und musiziert. Ich weiss von Klassen, die seit drei Jahren nicht mehr gesungen haben. Dadurch geht unser Liedgut, beispiels­weise «Es Buurebüebli mahn i nid», verloren. Selbst in der Lehrerausbildung sind das Musizieren und das Singen nicht mehr Pflicht. Musik wird heute vor allem gehört. Das Musizieren ist aber ein wichtiger Teil der Bildung. Wer musiziert, wird gefördert, lernt, mit anderen zusammen auf ein Ziel hin zu arbeiten. Es braucht Fleiss und Durchhaltewillen – Eigenschaften, die im Arbeitsalltag wie auch im privaten Leben wichtig sind.

Aber die heutigen Jugendlichen singen doch kein «Buurebüebli».

Dann singen sie einfach «Drei Chinesen mit dem Kontrabass». Dieses Lied singe ich oft mit meinen Enkeln. Oder: «Det äne am Bergli, det stoht e wissi Geiss …» Und dann erfinden wir auch selbst Strophen. Das ist jedes Mal eine besondere Attraktion. Vor einigen Tagen habe ich beispielsweise gesungen: «Det äne am Bergli, det stoht en Soldat, de putzt sini Stiefel mit Gurkesalat.» Da sagte mein vierjähriger Enkel: «Das glaube ich dir nicht.» (lacht) Wir haben dann spontan noch andere Strophen erfunden, die nicht stimmen.

Welchen Stellenwert hatte die Musik in Ihrer Familie?

Einen sehr grossen Stellenwert. Ich habe jeden Abend mit meinen Kindern gesungen. Zum Abschluss des Tages. Das beruhigt die Kinder. Ich freue mich sehr, dass meine Kinder mit meinen Enkeln das Gleiche tun. Und dies, obwohl sie doch später, wenn sie selbst Kinder haben, vieles anders machen wollten. So haben meine Rituale überlebt. Also können sie nicht so schlecht gewesen sein.

Sie haben vorher von Fleiss und Durchhaltewillen gesprochen. Macht Musik bessere ­Jugendliche?

Ja, wie der Sport auch. Wie alle Teamaktivitäten. Die Kinder und Jugendlichen lernen nicht nur etwas Spezielles wie Handball- oder Handorgelspielen. Sondern sie lernen auch, aufeinander Rücksicht zu nehmen, miteinander zu beginnen und aufeinander zu hören.

Aber spätestens mit 15, 16 Jahren hören viele Jugendliche sowieso auf, ein Instrument zu spielen. Ist dies dann trotzdem die Mühe wert?

Um in die Mittelschule zu kommen, musste ich Algebra lernen. Aber ehrlich gesagt, habe ich die Formel x im Quadrat mal y im Quadrat nie mehr im Leben gebraucht. Das ist mit vielen Schulfächern so. Aber der Moment, in dem wir etwas erlernen, gibt uns neue und wichtige Fähigkeiten mit auf den Weg. Zudem zeigt der Musikunterricht den Kindern, dass es neben Mathematik und Französisch auch noch etwas anderes gibt. So musiziert ein Teil der Jugendlichen nach der Schule weiter, ein anderer Teil hört auf.

Wer musiziert, lernt, mit anderen auf ein Ziel hin zu arbeiten.

Wir führen die gleichen Diskussionen über das Textile Werken oder das Zeichnen. Somit müssten auch diese Fächer gefördert werden.

Hinter der Jugendmusikförderung stehen alle grossen Musikverbände der Schweiz, also über 650 000 Mitglieder. Bringen Sie mir 650 000 Leute, die das Textile Werken oder den Zeichenunterricht in der Verfassung haben wollen, weil das Wissen sonst verloren geht. Dann hat auch dieses ­Anliegen Anrecht darauf, im Grundbuch unserer Demokratie zu stehen. Der Schulsport, Jugend und Sport, sogar die Filmförderung sind in der Verfassung verankert. Nun ist auch die Musik ein derart grosses An­liegen, dass sie verankert werden muss.

Und wie finanzieren wir die Jugendmusikförderung?

Ich bin noch nie gefragt worden, wie wir den Sport in der Schule finanzieren sollen. Die Musik ist genauso Teil des Unterrichts; Singen und Musizieren stehen als Ziele im Lehrplan. Nur werden die Ziele meist nicht erreicht. Die Frage, wie wir das finanzieren, stellt sich also gar nicht. Denn die Musik ist bereits Bestandteil des Lehrplans. Etwas müssen wir aber zusätzlich leisten: Gymnasiasten können kostenlos ein Instrument erlernen, Berufsschüler hingegen nicht. Aber auch unter ihnen gibt es Musikbegabte, die gerne ein Instrument erlernen würden. Nur müssen sie den Instrumentalunterricht der Musikschulen bis auf den letzten Rappen selber ­bezahlen. Diese Unterstützung müsste im Rahmen der Berufsbildung ebenfalls geleistet werden. Sodass alle den Instrumentalunterricht an Musikschulen besuchen können, unabhängig von der Dicke des Portemonnaies der Eltern.

Das macht aber unsere Bildung teurer.

Wenn Schulen heute sparen, dann sparen sie stets bei den musischen Fächern. Das ist falsch. Musische Fächer gehören zur ganzheitlichen Ausbildung. Sport ist für die körperliche Gesundheit und Musik für die psychische Gesundheit.

Nehmen wir an, die Bevölkerung stimmt dem Anliegen am 23. September zu. Was geschieht danach?

Das ist das Tolle daran: Die 2008 eingereichte Initiative konnte bereits sehr ­vieles auslösen. Aufgrund der laufenden Diskussion und des grossen Zuspruchs haben einige Bildungsdirektoren ihre Konzepte bereits verbessert. Zudem hat mir der zuständige Bundesrat, Alain Berset, zugesichert, dass er sich nach einem Ja schnell um die Umsetzung kümmern werde. Auch ihm ist die Vorlage ein wichtiges Anliegen. Er ist ein hervor­ragender Pianist und möchte seine Leidenschaft an seine drei Kinder weitergeben.

Autor: Sandra Kohler