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19. November 2012

«Ich habe eine Mitverantwortung für die Schweiz»

Janson Milenge Bulambo ist als 14-Jähriger vor dem Krieg im Kongo in die Schweiz geflüchtet. Sein Wille, etwas zu erreichen im Leben, hat ihn alle Hindernisse überwinden lassen.

Janson Milenge Bulambo bei der Arbeit hinter der Migros-Fleischtheke am Zürcher Kreuzplatz.

Aus welchem Grund kommen die Einwanderer in die Schweiz und über welchen Bildungsstand verfügen sie? Die Infografiken zum Thema.

Janson Milenge Bulambo (27) hat es geschafft. Er ist Fleischfachmann mit einem guten Job bei der Migros und dort seit zwei Jahren gewähltes Mitglied der Personalkommission. Er hat eine junge Familie. Er lebt in Sicherheit und kann sich Gedanken über seine Zukunft machen. Bulambo will vorwärtskommen im Leben — eine Eigenschaft, die ihn bereits weit gebracht hat.

«Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, mein Land zu verlassen, ich war dort immer sehr glücklich.» Bis der Krieg kam. Bulambo, damals noch ein Kind, flüchtete mit seiner Familie von Dorf zu Dorf vor den Soldaten. Nachbarn starben, alle lebten ständig in Angst. «Es war so leicht, umgebracht zu werden. Es musste nur jemand behaupten, man gehöre zu diesem oder jenem feindlichen Stamm, und schon war man tot.» Dann geriet einer seiner Brüder, der im Verteidigungsministerium tätig gewesen war, nach einer politischen Intrige auf die Abschussliste. Der Bruder flüchtete nach Europa, die Familie fiel auseinander, wie so viele. Bulambo und weitere Geschwister flohen ins Nachbarland Sambia, ihr Vater, ein Lehrer mit guten Beziehungen, blieb zurück, auch über das Schicksal der Mutter wusste er lange nichts. «Die Ungewissheit war schrecklich, wir hatten keine Ahnung, ob sie überhaupt noch am Leben war.» Heute lebt sie bei ihm in der Schweiz.

Die Schweizer Pflegeeltern wurden zur zweiten Familie

An Bulambos Fleischtheke wird über mehr als Wurst diskutiert. Einer seiner Stammkunden ist SVP-Anhänger, «wir haben immer gute Gespräche».
An Bulambos Fleischtheke wird über mehr als Wurst diskutiert. Einer seiner Stammkunden ist SVP-Anhänger, «wir haben immer gute Gespräche».

Der Bruder in Europa arrangierte eine Ausreise in die Schweiz für die mittellosen Geschwister. Er holte sie in Genf ab und brachte sie nach Zürich, wo sie nahe beieinander bei verschiedenen Schweizer Pflegeeltern aufwuchsen. «Ihnen verdanke ich alles», sagt Bulambo heute. «Sie sind meine zweite Familie.» Er war 14, als er 1999 in die Schweiz kam, und wusste fast nichts über das Land. «Afrikaner interessieren sich nur für starke Länder, die Schweiz galt als schwach und somit unbedeutend. Ich wusste, dass sie ein friedliches, neutrales Land ist, keine Armee hat, dafür viele humanitäre Organisationen wie die Uno und das Rote Kreuz. Und dass die Hauptstadt Genf heisst und alle französisch sprechen», erzählt er und lacht.

Die Realität sah dann ziemlich anders aus. Ein Schock war die seltsame Sprache. «Ich habe wochenlang kaum ein Wort gesagt, sondern einfach nur gestaunt und mich gefragt, wie ich mich in dieser Welt je zurechtfinden soll. Ich war völlig verloren, es war wie ein anderer Planet: wunderschön, sauber, Züge unter der Erde, Wahnsinn.»

Alles wurde besser, als er die Sprache lernte. In der Sekundarschule war er dann der einzige Schwarze. «Ein Teil der Klasse wollte mein Freund sein, war interessiert, ein anderer konnte mich nicht ausstehen, nannte mich Mohrenkopf oder Schwarzer Peter. Die Lehrer haben sie bestraft, aber ich fand das nicht so gut. Es kam so rüber, als wäre ich ein Schützling der Lehrer.»

Am liebsten wäre er noch ins Gymnasium gegangen, hätte dann studiert, so wie sein älterer Bruder, aber dafür konnte er die Sprache nicht gut genug. Ein Laufbahnberater überzeugte ihn, es erst mal mit einer Lehre zu versuchen. Und weil er gerne Fleisch ass, entschied er sich, Metzger zu werden. Nach vielen erfolglosen Bewerbungen erhielt er dann eine Chance. «Ich war so froh, dass ich alles daran setzte zu beweisen, dass nicht alle Schwarzen faul, unpünktlich und undiszipliniert sind.» Am Ende legte er stolz den besten Abschluss von allen vier Lehrlingen der Metzgerei hin.

2008 schaffte er den Sprung hinter die Fleischtheke der Migros am Zürcher Kreuzplatz, und zwei Jahre später kandidierte er erfolgreich für die Personalkommission (Peko), die Mitarbeitervertretung der Migros. «Die Migros funktioniert wie ein kleiner Staat, das ist sehr spannend. Alle afrikanischen Präsidenten sollten mal ein Jahr in der Peko mitarbeiten, dann wüssten sie, wie man ein Land anständig führt.»

Als Schwarzer wird Bulambo häufiger kontrolliert als andere

2010 lernte er bei einem Besuch in Kenia seine heutige Frau kennen, Ende 2011 wurde die gemeinsame Tochter Victoria Noëlle geboren. Ein paar Monate vorher erhielt er den Einbürgerungsbescheid und darf nun auch politisch mitreden. «Ich will das tun, was für das Land gut ist, ich habe eine Mitverantwortung für die Schweiz — wie ein richtiger Patriot eben», sagt er augenzwinkernd. Was er an der Schweiz besonders schätzt: die Verlässlichkeit, die Toleranz, der geringe Aggressionslevel. «Man löst hier Probleme nicht mit der Machete, sondern redet miteinander.»

Dennoch ist es nicht leicht, in der Schweiz ein Schwarzer zu sein. «In den letzten Jahren ist es besser geworden, aber es gibt viele Vorurteile, und die bringt man nicht so leicht weg.» So wird er zum Beispiel öfters kontrolliert als andere. Vor einigen Jahren sass er friedlich im Zug aus Brüssel und las ein Buch, derweil im Raucherabteil nebenan eine Gruppe weisser Jugendlicher rauchte und kiffte. Die Zöllner interessierten sich dafür, ob er Drogen in seinem Gepäck hatte, aber kein bisschen für den Marihuanageruch im Raucherabteil.

Und natürlich hat er auch seine Erlebnisse an der Fleischtheke. «Einer meiner Stammkunden ist SVP-Anhänger, und wir haben immer gute Gespräche. Er hat mir erklärt, er habe nur etwas gegen Ausländer, die nicht arbeiten und vom Staat leben. Mit Leuten wie mir habe er keine Probleme.» Viele französischsprachige Kundinnen kommen extra wegen ihm, weil er sie in ihrer Sprache beraten kann. «Afrikaner kommen praktisch nicht. Die meisten gehen zu einer speziellen Metzgerei nach St. Gallen. Dort ist das Fleisch billiger und weniger zart.» Bulambo ist sich sicher: Eine Metzgerei für Afrikaner in Zürich wäre eine Marktlücke. Für einen eigenen Laden fehlt ihm aber das Startkapital.

Obwohl er sich in der Schweiz zu Hause fühlt, lässt ihn der Kongo nicht ganz los. «Wenn Kabila abtritt, wäre es schon eine Option zurückzugehen. Aber wenn, dann möchte ich meinem Land helfen, am liebsten als Minister in der Provinz, der auch etwas bewegen und gegen die Korruption vorgehen kann. Das Geld wäre da. Es gibt so viele arme Menschen dort, und die brauchen Hilfe.»

Fotograf: Annette Boutellier