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05. November 2012

«Ich habe die Einsamkeit gesucht»

Entbehrung, Kälte und die Frage nach dem Sinn des Lebens: Carole Noblanc wurde in der Schweiz zur Schäferin und Nomadin. Jetzt ist die Französin in einem Film verewigt – und sesshaft geworden.

Schafhirtin Carole Noblanc
Als Schafhirtin sah Carole Noblanc 
oft tagelang keine Menschenseele und hatte 
genug Zeit 
nachzudenken.

Die Nomadin setzt sich auf den Stuhl vor dem Café, blinzelt in die Herbstsonne und sagt: «Jetzt bin ich sesshaft. Seit drei Tagen.» Carole Noblanc ist 29 Jahre alt, Französin. Sie kam 2006 zufällig in die Schweiz, mit einer Wandergruppe – eigentlich hatte die damals 22-Jährige nach Bulgarien reisen wollen, aber das fiel ins Wasser. Hier lernte sie den Schäfer Pascal Eguisier kennen. Die beiden sind die Protagonisten des Schweizer Dokumentarfilms «Hiver Nomade», der für den Europäischen Filmpreis nominiert ist (siehe unten), und am Donnerstag in den Kinos anläuft. Carole Noblanc ist ein eigentümlicher Filmstar. Eine modisch-lässig gekleidete Frau, die immer wieder schallend lachen muss, wenn sie von ihrer jüngeren Vergangenheit erzählt. Man sieht ihr nicht an, dass sie noch vor Kurzem ein Leben mit Schafen führte, im Sommer und im Winter, in Hirtenkleidung aus Schafwolle gehüllt, ohne Zerstreuung, fast ohne Konsum, definitiv ohne WC, Dusche, Heizung – dafür mit Zeit. Viel Zeit. «Darüber rede ich gerne», sagt die gelernte Ernährungsberaterin, die inmitten der Stadt Quimper in der Bretagne aufgewachsen ist, als Tochter eines Optikers und einer Verkäuferin, «darüber, dass wir heute keine Zeit mehr haben, um nachzudenken. Wir rennen ständig, und wenn wir mal innehalten, wirken Werbung und Nachrichten auf uns ein. Dabei ist das Wertvolle an der Zeit doch das, was sie beinhaltet.»

Nach fünf «Transhumances», wie das Umherziehen mit den Schafen im Winter auf Französisch heisst, sehnte sich Carole Noblanc nach mehr Ruhe. «Ich weiss, das klingt seltsam», sagt sie, «aber es ist tatsächlich ständig Betrieb auf der Transhumance. Pascal macht das ja schon seit 15 Jahren in derselben Region und kennt entsprechend viele Bauern und andere Leute, die mit Weisswein vorbeischauen, wenn wir da sind. Es hat etwas Paradoxes: Man lebt ein äusserst einfaches Leben mit den Tieren, ständig in der Natur – und verbringt fast jeden Abend mit Leuten, die nach den gemeinsamen Stunden an unserem Feuer zurück in ihre warmen Betten gehen.»

Deshalb entschied sich Carole Noblanc letzten Sommer, ganz alleine eine Schafherde zu hüten, im französischen Mercantour. «Ich hatte 1500 Schafe und war drei Monate lang mit ihnen in den Bergen. In der ganzen Zeit ging ich nur einmal pro Woche ins Dorf. An den anderen Tagen sah ich nie einen Menschen. Den Job hatte ich übers Internet gefunden. Es war hart. Aber ich hatte all die Zeit, um nachzudenken. Und ich weiss jetzt, dass ich nicht alleine existieren will.» Carole Noblanc hat buchstäblich den Wölfen in die Augen geschaut, um sich selber näherzukommen. «Im Mercantour gibt es viele Wölfe. Ein Schaf wurde gerissen – das ist nicht so schlimm, aber trotzdem Stress. Es passierte tagsüber, im Wald. Ich war ganz alleine. Aber ich habe auch das überlebt», sagt sie. Und erzählt, wie sie die zurückgelassenen Bücher anderer Schäfer gelesen hat. «Was wir Schäfer alle gemeinsam haben: Wir brechen bewusst in die Einsamkeit auf.»

«Wer Zeit hat, kommt auf gute Gedanken.»

Wenn Carole Noblanc von ihren Abenteuern und Entbehrungen erzählt, ist ihre grosse Lebens- und Abenteuerlust spürbar. Die heitere, offene und gleichzeitig bescheidene Wahl-schweizerin war lange auf der Suche – und das kommt im Film ohne viele Worte authentisch rüber. Sie sagt: «Ich gehe einfach meinen Weg. Dass der Film bei den Leuten so gut ankommt, ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass sich immer mehr Menschen bewusst überlegen, wie sie leben wollen. Ob der Konsum sie glücklich macht. Wenn ich mit Kindern zusammen bin und ihnen von der Wanderschäferei erzähle, frage ich sie: «Wenn ihr die Transhumance machen würdet, wer wärt ihr gerne: Die Schafe, die es so machen wie alle? Die Hunde, die den Befehlen gehorchen? Die Esel, die ihren eigenen Kopf haben? Oder die Schäfer, die die Entscheidungen treffen?»

Carole Noblanc hat mit 22 aus Liebe zum Schäfer Pascal Eguisier ein neues Leben angefangen. Jetzt steht sie wieder an einem neuen Punkt: In Gryon bei Villars, auf 1144 Metern, eröffnet sie an Weihnachten ihren Crêpe-Laden, der direkt neben der Langlaufloipe steht. «Es soll ein Ort sein, wo die Leute sich Zeit nehmen. Wer Zeit hat, kommt auf gute Gedanken. Ich habe vor sechs Jahren entschieden, mein altes Leben zu verlassen für das Ungewisse. Voilà. Ich habe die Natur entdeckt. Man darf keine Angst haben!»

Im Rennen um den Europäischen Filmpreis
«Hiver Nomade», der Dokumentarfilm des Westschweizer Künstlers Manuel von Stürler, begleitet Carole Noblanc und ihren damaligen Partner und Lehrmeister Pascal Eguisier (53) auf ihrer winterlichen Herdenwanderung durch den dicht besiedelten Kanton Waadt. Zwei Menschen, 800 Schafe, vier Hunde, drei Esel laufen rund 600 Kilometer weit durch eine mal weisse, mal graue Landschaft. 85 Minuten Eintauchen in einen überraschend unterhaltsamen Film und in eine Welt, die so poetisch wie widersprüchlich ist. Das Leben der Wanderhirten ist mitnichten so ruhig, wie man sich das vielleicht vorstellt. Dieser jahrhundertealte Beruf will nicht mehr so recht in die heutige Zeit passen. Gleichzeitig fasziniert das einfache Leben in der rauen Natur: «Hiver Nomade» ist einer von drei für den Europäischen Filmpreis nominierten Dokumentarfilmen. Die Preisverleihung findet am 1. Dezember 2012 auf Malta statt. In den Deutschschweizer Kinos läuft er ab dem 8. November.

Autor: Esther Banz

Fotograf: François Wavre