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16. Juli 2012

«Ich glaube, dass jeder Mensch gute Seiten in sich hat»

Annette Keller ist Direktorin des einzigen Deutschschweizer Frauengefängnisses. Seit etwas mehr als einem Jahr führt die einstige Pfarrerin und Primarlehrerin den Betrieb im bernischen Hindelbank. Eine Bilanz.

Annette Keller ist 
überzeugt, dass jeder Mensch die Verantwortung für sein Handeln übernehmen muss – auch bei einer schwierigen Biografie.

Annette Keller, erinnern Sie sich an Ihren ersten Besuch im Gefängnis?

Das war vor zwölf Jahren, als ich hier in Hindelbank mein Bewerbungsgespräch für die Stelle einer Betreuerin hatte. Wie so viele dachte ich, dass ein Gefängnis ein enger und dunkler Ort sei. Ich stellte dann fest, dass dem gar nicht so war.

Was hat sich in den letzten zwölf Jahren verändert?

Die Zusammensetzung der Eingewiesenen. Wir haben mehr Frauen, die unter psychischen Erkrankungen leiden.

Welches sind die Hauptgründe dafür?

In der Gesellschaft sind die Anforderungen bei der Arbeit gestiegen, die sozialen Netze sind brüchiger geworden. Ich glaube, bei den Frauen ist die Rolle viel unklarer als früher, als die Frau daheim bei den Kindern blieb. Heute können Frauen wählen, wie sie ihr Leben gestalten. Für viele ist das aber auch eine grosse Herausforderung.

Was hat Sie am meisten überrascht, seit Sie als Direktorin arbeiten?

Der Druck der Öffentlichkeit ist grösser geworden. Das ist eine Reaktion auf die Fluchten, die es in den letzten Jahren gab. Vor zehn Jahren war es noch selbstverständlich, Freizeitaktivitäten draussen zu veranstalten. Wenn wir heute Aktivitäten oder Urlaube bewilligen, ist das strenger geregelt. Das Bewilligungsverfahren geht über mehr Instanzen und dauert viel länger als früher. Und die meisten Urlaube müssen von unserem Personal begleitet sein. Gleichzeitig haben wir aber nicht mehr Personal zur Verfügung.

Also werden weniger Urlaube bewilligt?

Genau. Ausgang und Urlaub, das klingt nach Ferien, ist es aber nicht. Es geht darum, dass eingewiesene Menschen die Möglichkeit erhalten, sich langsam wieder an die Gesellschaft anzunähern. Es gibt Frauen, die müssen nach mehreren Jahren Freiheitsentzug zuerst herausfinden, wie man beispielsweise ein Zug- oder Busbillett an den neuen Automaten löst. Es geht um Alltagskompetenzen: selber einkaufen, den Kontakt zum sozialen Netz pflegen.

Frustriert es Sie, dass die Bewilligungspraxis restriktiver geworden ist?

Unser Auftrag ist der Schutz der Öffentlichkeit. Mein Eindruck ist aber, dass diese nur an die kurzfristige Sicherheit denkt. Und dafür müssen wir einen hohen Aufwand betreiben und vernachlässigen dadurch zwangsläufig die langfristige Sicherheit.

Was heisst langfristige Sicherheit?

Dass die Frauen, wenn sie hier rauskommen, fähig sind, wieder in der Gesellschaft zu leben — integriert, straffrei, eigenverantwortlich. Und dafür brauchen sie Übungsfelder. Dafür müssen wir intensiv mit ihnen arbeiten können. Wenn wir mehr Personal für kurzfristige Aufgaben einsetzen, haben wir weniger Ressourcen für die anderen. Das ist meine Sorge im Moment.

Es ist sehr wichtig, dass wir nicht urteilen.

Aktuell sitzen 33 Frauen wegen Tötung in Hindelbank. Wieso töten Frauen?

Die meisten dieser Tötungsdelikte sind aus einer Konfliktsituation heraus entstanden, welche die Frauen als ausweglos erlebt haben. Sie hatten keine Strategie, das Problem zu lösen. Viele Frauen haben selber Gewalt und Missbrauch erlebt, was dazu geführt hat, dass sie emotional sehr labil sind. Wenn dann im Alltag hohe Anforderungen auf sie zukommen, fehlen aufgrund dieser Verletzlichkeit Lösungsstrategien.

Stimmt es, dass die Opfer häufig aus dem nächsten persönlichen Umfeld stammen?

Ja. Auffallend ist auch, dass Tötungen an Kindern zugenommen haben. Aber jede Situation ist anders. Es ist etwas anderes, ob eine Situation ausweglos ist oder ob sie als ausweglos wahrgenommen wird. Ich sehe diese Frauen nicht als Opfer ihrer Situation. Ich kann aber nachvollziehen, dass sie die Situationen als ausweglos wahrgenommen haben.

Annette Keller ist Direktorin des einzigen Deutschschweizer Frauengefängnisses.
Annette Keller ist Direktorin des einzigen Deutschschweizer Frauengefängnisses.

Urteilen Sie über die Insassinnen?

Es ist sehr wichtig, dass wir nicht urteilen. Es ist oft von den «armen Frauen» die Rede. Dieser Meinung bin ich nicht. Jeder Mensch muss trotz schwieriger Biografie für sein Handeln Verantwortung übernehmen. Aber man wird bescheiden, wenn man die Akten liest und die Biografien kennt. Ich komme dann weiter weg vom Urteilen.

In einem Gespräch sagten Sie, jeder Mensch sei entwicklungsfähig. Ausnahmslos?

Ich glaube, dass jeder Mensch gute Seiten in sich hat und entwicklungsfähig ist. Ich glaube gleichzeitig aber auch, dass es bei einigen Menschen Grenzen gibt. Eine psychische Erkrankung kann nicht einfach hinter sich gelassen werden. Dort geschieht die Entwicklung innerhalb eines bestimmten Rahmens. Aber dass bei jedem Menschen eine Entwicklung möglich ist, daran glaube ich weiterhin. Ich glaube, meine Arbeit wäre sehr schwierig, wenn ich davon nicht überzeugt wäre.

Sie glauben «grundsätzlich an das Gute im Menschen». Wie verhält sich das beim norwegischen Massenmörder Anders Breivik?

Es gibt Phänomene, die befinden sich ausserhalb dessen, was ich erklären kann. Fälle wie Breivik kann man nicht in eine allgemeine Erklärung mit einbeziehen.

Es gibt also Ausnahmen?

Ja. Wir haben Frauen hier, die Tötungsdelikte begangen haben, die man nicht nachvollziehen kann. Deren Opfer waren Menschen, zu denen sie kaum Bezug hatten. Es gibt Frauen, die Tötungsfantasien haben. Da bin ich weit davon entfernt zu sagen, dass das gut ist. Im Gegenteil: Das ist krank. Aber selbst diese Frauen haben gute Anteile in sich.

Sie haben Theologie studiert, absolvierten die Bäuerinnenschule Arenenberg, arbeiteten unter anderem als Köchin, Pfarrerin, Wahlbeobachterin im Ausland sowie als Leiterin des Sozialdienstes der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern. Welche dieser Tätigkeit nützt Ihnen in Ihrem Beruf am meisten?

Alle in Kombination. Die Sozialarbeit hat mir aber sicherlich am meisten gedient, gefolgt vom Master im Management, da meine Aufgabe jetzt primär ist, einen Betrieb zu führen. Von der Theologie her habe ich mein Wissen über Werte und das Menschenbild mitgenommen.

Wie können Sie es aus christlicher Sicht verantworten, dass Menschen andere Menschen in eine acht Quadratmeter kleine Zelle einsperren?

Für 2020 ist der Neubau eines Vollzugszentrums für Frauen neben der Männervollzugsanstalt Witzwil im Berner Seeland geplant. Dort werden die Zellen gemäss der Menschenrechtskonvention zwölf Quadratmeter gross sein. Die acht Quadratmeter kleinen Zellen im alten Gefängnistrakt sind nicht mehr menschenrechtskonform. Ein konkretes Projekt liegt jedoch noch nicht vor. Trotzdem braucht es Regeln, damit das Zusammenleben in der Gesellschaft funktioniert. Und ich glaube, dass Konsequenzen nötig sind, wenn diese Regeln übertreten werden, damit die Regeln ihre Gültigkeit bewahren. Früher hiess die Konsequenz «Auge um Auge, Zahn um Zahn». Der Freiheitsentzug, wie es ihn heute gibt, ist die bessere und mildere Form von Sanktion. Er besteht darin, dass die Leute nicht wählen können, wo sie sind. Aber wir müssen laut Gesetz dafür sorgen, dass das Leben innerhalb der Anstalt möglichst nah am Leben draussen ist. Darum arbeiten die Frauen, darum wohnen sie in Wohngruppen. Darum übernehmen sie möglichst viele Arbeiten selber, deshalb gibt es Sport- und Bildungsmöglichkeiten. Sie sind nur nachts eingeschlossen.

Obwohl 45 Prozent der Insassinnen Ausländerinnen sind, sind im Massnahmenvollzug fast ausschliesslich Schweizerinnen. Erhalten Schweizerinnen eher eine Chance?

Massnahmenvollzug ist mit aufwendiger Therapie verbunden und somit auch teurer als der zeitlich definierte Strafvollzug. Das dürfte beim Urteil berücksichtigt werden, wenn man weiss, dass eine Frau nach dem Gefängnisaufenthalt das Land ohnehin verlassen muss.

Was für Frauen sind im Massnahmenvollzug?

Viele Frauen haben Tötungsdelikte begangen oder Suchtprobleme. Interessanterweise sind Tötungsdelikte vor allem von Schweizerinnen verübt worden. Ich hüte mich aber davor, eine Hypothese zu den Gründen aufzustellen.

In der Anstalt ist es wie in einem Dampfkochtopf.

Wie oft kommt es zu Übergriffen?

Tätlichkeiten gibt es viel seltener als in Männervollzugsanstalten. Was es gibt, ist — klassisch für Frauen — Mobbing. Hier drinnen tun solche Sachen mehr weh. Man kann jemanden richtig quälen. In der Anstalt ist es wie in einem Dampfkochtopf.

Und die positiven Seiten des Zusammenlebens in Hindelbank?

Die Frauen hier drin sind nicht böse. Wenn beispielsweise eine Insassin eine Krise hat, wird sie von den anderen gestützt. Wenn bei einer Frau das Gericht bevorsteht, machen die anderen ihr Mut. Oder wenn eine Schulgeld braucht für ihre Kinder, bekommt sie es von einer Kollegin ausgeliehen.

Wie unterscheiden sich männliche von weiblichen Insassen?

Darin, wie Aggressionen ausgetragen werden. In der Gemeinschaft zu sein, ist für Frauen wichtiger als für Männer. Manchmal wird es sehr emotional, im negativen wie im positiven Sinn, was für das Betreuungspersonal nicht immer ganz einfach ist. Es gibt auch Eifersucht und Tränen.

Entsteht auch mehr als Freundschaft?

Das gibt es immer wieder, in diesem Setting, wo die Männer fehlen — quasi aus einer Notsituation heraus. Das ist in Ordnung, aber wir sagen den Paaren, dass sie ihre Beziehung so leben müssen, dass es andere nicht stört.

Wie schalten Sie privat ab?

Ich trage immer ein Piketttelefon auf mir, obwohl wir uns innerhalb der Anstaltsleitung abwechseln. Man muss mich erreichen können, wenn jemand flüchtet, stirbt, es einen Brandfall oder eine heftige Auseinandersetzung gibt. Ich muss aber natürlich abschalten. Ich jogge gerne, bin viel draussen, die Natur hilft mir sehr, und das Zusammensein mit Freunden genauso. Ich denke viel an die Arbeit. So funktioniert der Mensch, wenn ihm etwas nahegeht. Aber ich sage mir immer wieder: Ich bin Annette. Die Direktorin ist ein Teil von mir.

Haben Sie jemals eine Regel verletzt?

Ich habe sicherlich schon Regeln verletzt. Ich hatte nie eine Busse, bis zu jenem Tag, als ich mein Auto verkaufen wollte. Am letzten Abend, bevor ich es übergeben konnte, erhielt ich einen Strafzettel, weil ich ein wenig zu schnell gefahren war. Das hat mich betrübt.

Das war jetzt sicher das Harmloseste …

… selbstverständlich (lacht).

Autor: Reto Wild, Nathalie Bursać

Fotograf: Marco Zanoni