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07. November 2011

«Ich fahre sehr selten zum Vergnügen Ski»

30 Antworten in 30 Minuten: Skistar Carlo Janka ist nicht nur auf der Piste schnell, sondern auch im Interview mit dem Migros-Magazin. In seiner Freizeit stellt der Weltmeister seine Skier aber lieber in die Ecke und setzt sich vor den Computer. Oder er posiert mit nacktem Oberkörper.

Carlo Janka
Gehört zu den grössten Schweizer Skitalenten: Carlo Janka (25).

Carlo Janka, wie war Ihr Training heute Morgen?

Schlecht, ich war in der Physiotherapie. Wegen meines Rückens.

Wie geht es damit?

Nicht schlecht, aber noch nicht top. Meine Gelenke zeigen Verschleisserscheinungen. Immerhin habe ich keine Schmerzen mehr. Umso wichtiger ist es jetzt, Muskeln aufzubauen.

Fast jeder Skifahrer hat Anzeichen von Verschleiss.

Sie wurden am 15. Oktober 25 Jahre alt. Ziemlich jung, um von Verschleiss zu sprechen.

Die hat fast jeder Skifahrer. Gesund ist Spitzensport nicht. Aber mit einem gezielten Krafttraining lassen sich die Schläge beim Skifahren besser aushalten

Die Skischweiz nahm grossen Anteild daran, als Sie nach Herzrhythmusstörungen Ende Februar 2011 am Herz operiert wurden. Wie haben Sie den Eingriff verdaut?

Ich habe keine Herzbeschwerden mehr und konnte meine Trainingsumfänge problemlos steigern. Dadurch sind meine Werte in Kraft und Ausdauer so gut wie noch nie. Beim Zwölf-Minuten-Lauf lege ich mit meinen 88 Kilogramm über 3,2 Kilometer zurück. Das ist für einen Skifahrer nicht schlecht.

Für die aktuelle Skisaison streben Sie nach 2010 den zweiten Weltcupgesamtsieg an. Eine mutige Aussage!

Es bleiben mir keine anderen Ziele übrig, weil diese Saison weder eine Weltmeisterschaft noch Olympische Spiele anstehen. Es dreht sich alles um die Kristallkugel. Und wenn man die grosse einmal gewonnen hat, möchte man sie nochmals holen.

Es ist ungewohnt, von Schweizer Sportlern solch ambitiöse Zielsetzungen zu hören.

Ich habe nur gesagt, dass ich nochmals Gesamtcupsieger werden möchte. Mutig wäre es erst, wenn ich verkündete, ich wollte die grosse Kristallkugel gewinnen. Ich muss mir die Ziele hoch stecken, sonst erreiche ich sie nicht.

Wer sind neben Ivica Kostelic und Aksel Svindal Ihre grössten Konkurrenten?

Die Liste der Anwärter auf den Gesamtweltcup ist lang. Neben Kostelic und Svindal gibt es noch andere starke Athleten. Bei Benjamin Raich beispielsweise spielt es eine Rolle, wie er nach seiner Verletzung fährt, und Bode Miller ist immer eine Wundertüte. Auch bei Didier Cuche ist alles möglich.

Was erwarten Sie von der Schweizer Mannschaft insgesamt?

Ich hoffe auf eine geschlossen gute Leistung. Mit Didier Cuche haben wir zum Glück einen Oldie, der sehr konstant fährt. Wir dahinter versuchen, diese Konstanz zu erreichen. Und vielleicht gelingt es dem einen oder anderen Jungen, sich im Weltcup zu etablieren.

Sind Sie für diese Nachwuchsfahrer Vorbild?

Vorbild ist übertrieben. Wenn sie Tipps brauchen, gebe ich selbstverständlich gerne Auskunft und helfe weiter. Ich orientierte mich früher ebenfalls an den etablierten Fahrern.

Wie wichtig ist es für Sie, dass Cuche mit seinen 37 Jahren nach wie vor im Weltcupzirkus mitfährt?

Didier Cuche ist ein grosser Fahrer, der jederzeit gewinnen kann. Dadurch hat das ganze Team weniger Druck. Wenn er dereinst nicht mehr fährt, fehlt die so wichtige Konstanz.

Daniel Albrecht erlebte 2009 im Abfahrtstraining von Kitzbühel einen Horrorsturz. Wie stark beschäftigt Sie das?

Momentan nicht mehr so stark. Aber damals war das für mich eine schwierige Situation, gerade weil so ein Sturz das eigene Team trifft. Mental gehörte das für mich zu meinen grössten Herausforderungen. Ich musste einen Weg finden, damit so gut wie möglich umzugehen.

Wie haben Sie das geschafft?

Ich versuchte, mich auf mein Rennen zu konzentrieren. Der Start in Kitzbühel nur Tage nach dem Sturz von Dani gehörte zu den schwierigsten Momenten meiner Karriere.

Haben Sie diese Phase mit Hilfe eines Mentaltrainers überstanden?

Nein, ich habe noch nie einen konsultiert. Ich glaube, ich schaffe es ohne. Und bis jetzt ist es ja recht gut aufgegangen.

Carlo Janka
Carlo Janka ist überzeugt, dass Skifahrer mit eingebauten Kameras starten könnten.

Was denken Sie in den Augenblicken kurz vor dem Start im Starthäuschen?

Im Kopf gehe ich die Rennstrecke durch, überlege mir, wie ich gewisse Passagen fahren muss.

Schauen Sie in solchen Momenten, wie es den anderen Fahrern geht?

Wenn es im Starthäuschen ein Fernsehgerät hat, verfolge ich, wie die Konkurrenten die Strecke meistern. Ich bin um jede zusätzliche Information froh. So weiss ich, wie schnell ich allfällig heikle Passagen fahren kann. Andere Fahrer schotten sich in solchen Phasen total ab.

Wie viel Angst hat Ihre Mutter um Sie?

Sie ist froh, wenn sie hier in ihrem Restaurant in Obersaxen viel zu tun hat. Da läuft das Fernsehgerät nur im Hintergrund. Sie lenkt sich mit Arbeit ab und ist jeweils froh, wenn ich gesund am Ziel ankomme.

Die Sicherheit für die Athleten ist eine Gratwanderung: Wenn die Skipisten einfacher werden, können sich technisch starke Fahrer nicht mehr klar von der Konkurrenz abheben. Ausserdem werden die Rennen weniger spektakulär. Was ist für Sie beim Pistenbau wichtig?

Für mich muss bei einer Piste in erster Linie die Sicherheit stimmen. Das Showelement könnten die Fernsehstationen mit neuen Methoden erreichen.

Wie Bernhard Russi, der ja schon heute mit einer Helmkamera die Hänge runter fährt?

Ja. Die Rennfahrer könnten auch mit einer Kamera fahren. Ähnlich wie das heute schon in der Formel 1 der Fall ist. Die TV-Anstalten könnten auch besser mit Winkeln arbeiten, um beispielsweise die effektive Steilheit des Terrains zu übertragen.

Die Weltcup-Rennskier werden ab der Saison 2012/2013länger, schmäler und weniger stark tailliert. Was halten Sie von dieser neuen Regelung?

Wenn damit die Sicherheit erhöht wird, ist das sicher nicht schlecht. Aber die Art und Weise, wie der internationale Skiverband Fis uns Athleten vor voll endete Tatsachen stellte, stört mich. Wir hatten überhaupt keinen Einblick in die Massnahmen. Deshalb habe auch ich den Protest der Skifahrer unterzeichnet.

Wird dieser Protest der Fahrer etwas an den Plänen der Fis ändern?

Die Änderungen gelten als beschlossene Sache. Es gilt nun, das Beste daraus zu machen — mit den nötigen Abstimmungen an Skiern und Bindungen.

Besteht nicht die Gefahr, dass das Material so noch wichtiger wird?

Es ist jetzt schon bedeutend. Bei einer Abfahrt braucht es schnelle Skier, sonst gewinnt man heute keine Rennen mehr.

Mit der Ski-Wm 2009 in Val d’Isère wurde die Schweiz wieder zur Top-Skination. Sie selber haben damals Gold und Bronze zum Medaillenspiegel beigetragen. Welches sind die Gründe für die Schweizer Kehrtwende?

Ob es sich wirklich um eine Kehrtwende handelt, ist schwierig zu sagen. Man darf nicht vergessen, dass in Val d’Isère nur drei Schweizer Athleten Medaillen geholt haben. So gesehen ist das Eis noch dünn. Swiss Ski muss unbedingt wie die Österreicher in der Breite stark werden.

Eigentlich haben Sie im Skisport schon alles erreicht. Wie motivieren Sie sich?

Ich bin noch jung und unverbraucht und muss mich nicht speziell motivieren. Mit dem Weltmeistertitel und dem Olympiasieg sind schöne Erinnerungen verbunden. Diese will ich wieder erleben. Mit dem Erfolg kommt der Hunger nach mehr. Allerdings ist der Misserfolg nicht weit, denn im Skiweltcup ist die Dichte an guten Fahrern so gross wie noch nie. Früher kamen die Favoriten hauptsächlich aus Österreich oder der Schweiz. Heute sind die Skifahrer aus fast allen Nationen auf einem Top- Niveau.

Fahren Sie manchmal auch nur so zum Vergnügen Ski?

Das gibt es sehr selten. Wenn ich mal nicht für meinen Beruf Ski fahren muss, stelle ich meine Sportgeräte gerne in eine Ecke und mache etwas anderes, kommuniziere auf Facebook oder schaue Fernsehen.

Ich nutze Facebook, um mich mit den Fans zu unterhalten. Die Einträge verfasse ich alle selbst.

Wie oft sehnen Sie sich im Winter nach der Zeit ohne Skifahren?

Während der Saison sehr selten. Wenn es dann aber Mitte März ist, bin ich froh, wenn ich ab in den Süden an die Wärme reisen kann. Diesen Frühling flog ich nach Mauritius. Im Mai geht es dann ja schon wieder mit dem Trainingsaufbau los. Im Juli stehe ich bereits zum ersten Mal auf Schnee, auf Gletschern oder in Südamerika.

Auf Facebook haben Sie über 56 000 Fans. Wie viele davon haben Ihnen zum Saisonstart gratuliert, als Sie im Riesenslalom von Sölden Vierter wurden?

Es gab einige, aber nicht mehr so viele wie früher. Seit meinen Erfolgen sind die Erwartungen gestiegen. Facebook ist für mich ein Kommunikationsmittel mit viel Potenzial. Ich nutze es, um mich mit meinen Fans zu unterhalten. Die Einträge auf meinem Profil verfasse ich alle selbst.

Man nennt Sie auch Iceman. Können Sie mit diesem Namen leben?

Ich habe mich daran gewöhnt. Ganz unpassend ist es ja nicht, denn ich bin im ersten Moment zurückhaltend. Wenn ich jemanden besser kenne, ändert das aber.

Gleichzeitig konnte man Sie mit nacktem Oberkörper in der Schweizer Illustrierten sehen. Wie passt das mit Ihrer Zurückhaltung zusammen?

Diese Fotos wollten sie so. Zu meiner Zurückhaltung gehört eben auch, dass ich nicht Nein sagen kann.

Iceman hat bestimmt auch viele Verehrerinnen …?

Das weiss ich nicht (lacht). Die Fanpost betrifft fast nur Autogrammwünsche.

Sie sind ja schliesslich auch vergeben. Myriam Joos, Ex-Miss-Schweiz-Kandidatin 2010, hat Ihr Herz erobert.

Um meine Privatsphäre zu wahren, will ich nicht darüber sprechen.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Samuel Trümpy