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25. März 2013

«Ich empfinde mich nicht als Sisyphus»

Für das IKRK hört die Arbeit nie auf. Endet irgendwo eine Krise, bricht woanders die nächste aus. Der neue Präsident, Peter Maurer, über vergessene Konflikte, knappere Finanzen und die Verschweizerung seiner ausländischen Mitarbeiter.

IKRK-Präsident 
Peter Maurer
IKRK-Präsident 
Peter Maurer ist nur selten in seinem Genfer Büro anzutreffen. Meist ist er unterwegs 
in Krisengebieten, wo nötig verhandelt er persönlich mit den involvierten Machthabern.

Peter Maurer, welches sind neben den Kriegsgebieten Mali und Syrien derzeit die dringendsten Brandherde, die Sie beschäftigen?

Die schlimmsten humanitären Krisen sind nicht unbedingt jene, über die in den Medien prominent berichtet wird. Wenn das Kriterium die Zahl der Menschen ist, die Hilfe brauchen, um zu überleben, sind unsere wichtigsten Operationen im Osten von Kongo, in Somalia, im Jemen, in Afghanistan, im Irak und im Sahel. Am meisten Aufmerksamkeit erhalten derzeit aber Syrien und vielleicht noch Mali und Afghanistan.

Ärgert Sie das?

Nein. Aber eine unserer Schwierigkeiten ist es, eine sinnvolle finanzielle Balance zu finden. Natürlich ist es leichter, Geld für Hilfsmissionen in Gebieten zu bekommen, die in den Medien sind. Umso wichtiger ist es, nicht nur Mittel zu erhalten, die für einen spezifischen Konflikt bestimmt sind, sondern auch solche, bei denen wir selbst über die Verwendung entscheiden können.

Wie gross ist der Anteil von solchen frei verfügbaren Mitteln?

Es sind etwas über 40 Prozent, das ist einer der höchsten Anteile unter den humanitären Organisationen. Aber auch wir bekommen zu spüren, dass Geber mehr und mehr Gelder spezifischen Projekten zuweisen. Hintergrund ist unter anderem der zunehmende Rechtfertigungsdruck, Steuergelder sinnvoll zu verwenden. Und das ist ja auch richtig.

Sind die Mittel während der grossen Finanzkrise weniger grosszügig geflossen als sonst?

Bis jetzt haben wir noch keine substanziellen Schwierigkeiten, unser Budget zu decken. Aber wir müssen heute sehr viel genauer rechtfertigen, weshalb wir wo Geld einsetzen, müssen beweisen, dass wir damit auch etwas bewirken. Und 60 Prozent unseres Geldes kommt von den Mitgliedsländern der EU, jener Region, die am stärksten von der Krise getroffen worden ist. Wir machen uns Sorgen, dass sich das noch bemerkbar machen wird. Umso wichtiger ist es, dass wir so effizient wie möglich aufgestellt sind.

An welchen Einsatzorten haben Sie relativ guten Zugang, wo werden Ihnen Hindernisse in den Weg gelegt?

Der sichere Zugang zu Einsatzgebieten ist ein tägliches Problem. Wir können nicht einfach die weisse Fahne mit dem roten Kreuz schwingen, und man lässt uns durch. Die Hindernisse sind immer andere, aber es gibt fast überall welche. Da sind zum Beispiel Länder, die nicht möchten, dass wir in bestimmten Regionen aktiv sind, obwohl wir dort gerne helfen würden. Zu Regionen im Süden des Sudans etwa haben wir seit Jahren keinen Zugang. Dort kommt es praktisch täglich zu bewaffneten Auseinandersetzungen, und das Regime will keine ausländischen Zeugen. In Syrien wiederum wollen das Regime und die Opposition, dass wir helfen. Aber die grossflächigen kriegerischen Auseinandersetzungen machen es schwierig.

Sie versuchen ja immer, mit allen Akteuren eines Konflikts zu sprechen, insbesondere auch mit den Machthabern.

Richtig, und manchmal gibt es Konflikte mit enorm vielen Akteuren, die alle berücksichtigt werden müssen. Wir gehen dabei sehr schweizerisch vor, von unten nach oben. Verhandlungen fangen immer vor Ort an, in Verantwortung der Delegationschefs. Erst wenn man so nicht mehr weiterkommt, geht es eine Ebene höher, am Ende bis zu mir.

In welchen Situationen kommen Sie selbst zum Einsatz?

Wenn Länder oder Gruppen so strukturiert sind, dass praktisch nur der Chef eine Situation deblockieren kann. Manchmal muss man dann halt mit dem Präsidenten oder mindestens dem Aussenminister reden, in Syrien und Mali war das beispielsweise so. Meistens werden dabei von den Mitarbeitern vorbereitete Entscheide diskutiert und so auf höchster Ebene abgesegnet. Es sind auch Gelegenheiten, wo man versuchen kann, neue Impulse zu geben, das Spielfeld neu zu definieren. Ich erkläre dann, dass wir bis jetzt A, B und C gemacht haben, aber eigentlich bräuchte es nun noch D.

Wie bereitet man sich auf ein Gespräch mit einem Mann wie Syriens Präsidenten Assad vor?

Eigentlich nicht anders als auf andere Gespräche. Man schaut, was bisher diskutiert wurde, welches die heiklen Punkte sind, bereitet die Themen sehr genau vor, ebenso wie die Punkte und Argumente, die man anbringen will.

Gibt es da nicht manchmal auch schwierige Begegnungen?

Ab und zu erlebt man positive Überraschungen. Diese Leute entsprechen nicht unbedingt dem Bild, das von ihnen in den Medien vermittelt wird. Ich hatte bisher kaum je eine unangenehme Begegnung. Das wichtigste ist ein Minimum an Empathie. Man kommt nicht darum herum zu versuchen zu verstehen, in was für einer Situation sich der andere befindet. Wir haben ja keine machtpolitischen Mittel, wir können einzig argumentieren.

Dann sind Sie nun als IKRK-Präsident noch mehr auf Reisen als zuvor als Diplomat?

Ich war schon zuvor viel unterwegs, aber jetzt ist es tatsächlich noch mehr. Zu den Aufgaben, die ich als IKRK-Präsident ohnehin habe, kommt hinzu, dass ich neu im Amt bin und die wichtigsten Operationen kennenlernen will.

Sie sind von Ihrer Zeit an der Uno politisch gut vernetzt. Wie weit ist Ihnen das nun fürs IKRK nützlich?

Davon kann ich sehr stark profitieren. Was auch daran liegt, dass ich während meiner Diplomatenzeit nahe an den Bereichen gearbeitet habe, die nun auch für das IKRK relevant sind. Ich habe mich während rund 15 Jahren mit Friedenssicherung, Menschenrechten, humanitärer Politik und Migration beschäftigt, in Südafrika, Bern und New York.

Was hat Sie gereizt, nach 25 Jahren beim Bund zum IKRK zu wechseln?

Ich bin angefragt worden, ob ich Interesse hätte, das läuft immer so beim IKRK. Gewechselt habe ich nicht etwa, weil ich vom Diplomatenleben frustriert gewesen wäre, ich fand schlicht das Angebot attraktiv. Beim IKRK kann ich sehr viel unmittelbarer etwas Positives bewirken. Als Diplomat sitzt man immer wieder in Gremien, bei denen nicht viel herauskommt — dabei habe ich mich nie sehr wohlgefühlt. Und während ich bisher eher Generalist war, liegt der Fokus nun auf einem Bereich, bei dem ich in die Tiefe gehen kann. Das erhöht die Relevanz der Arbeit. Und ganz ehrlich: Es ist auch einfach attraktiv, mal der oberste Chef zu sein.

Humanitäre Arbeit ist immer nur Pflästerlipolitik. Man versucht, Schlimmeres zu verhindern.

Gibt es auch Nachteile im neuen Job?

Man muss sich bewusst sein, wo die Grenzen der humanitären Arbeit liegen. Man arbeitet nie an der Wurzel eines Problems. Es ist letztlich immer nur Pflästerlipolitik. Man versucht, Schlimmeres zu verhindern, Menschen zu schützen — und kann dabei auch direkt und konkret helfen.

Aber es hat demnach auch Frustrationspotenzial, weil ja immer wieder neue Krisenherde auftauchen. Ein Stück weit ist es Sisyphus-Arbeit, nicht?

So würde ich es nicht formulieren, ich empfinde mich nicht als Sisyphus. Aber man kann mit humanitärer Arbeit keine Konflikte lösen, und das muss man akzeptieren. Nehmen wir Syrien, dort würden wir gerne mehr machen und setzen uns dafür auch ein. Aber all das wird den Konflikt nicht beenden, das muss politisch oder militärisch geschehen.

Es ist ja sogar so, dass Sie nicht einmal Ihre Haltung zum Ausdruck bringen dürfen.

So ist es. Wir sind neutral, unabhängig, und unparteiisch — wir müssen also immer aufpassen, dass wir unsere Arbeit nicht dadurch gefährden, dass wir politisch Stellung nehmen oder nicht alle Seiten einbeziehen. Ansonsten gehen Türen zu, und wir gefährden das Leben unserer Delegierten.

Das IKRK wurde in der Schweiz gegründet, ist heute aber sehr international orientiert. Wie viel Schweiz steckt noch im Roten Kreuz?

Wenn man nur auf die Nationalität der Mitarbeiter schaut, wird das IKRK fast jeden Tag ein bisschen weniger schweizerisch. Heute sind es vielleicht noch 35 Prozent Schweizer. Aber von der Kultur her bleibt die Organisation sehr schweizerisch. Die Operationsprinzipien «neutral», «unabhängig» und «unparteiisch» sind stark in unserer politischen Tradition verwurzelt. Dazu kommen die Dezentralisierung und das Prinzip, von unten nach oben zu funktionieren. Bei der Uno staunt man, wie viel Kompetenzen wir unseren Leuten im Feld geben. Diese Kultur überträgt sich auch auf die Ausländer im IKRK, die werden sozusagen eingeschweizert.

Es gibt Kreise, die sprechen relativ verächtlich von einer «Hilfswerkindustrie» – Organisationen also, die gut davon leben, dass es Leuten auf der Welt schlecht geht, statt Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten. Was halten Sie von dieser Kritik?

Ich habe Mühe damit. Mir scheint auch, sie komme primär aus jenen politischen Kreisen, die lieber gar keine Entwicklungshilfegelder in den Staatsbudgets hätten. Das IKRK kriegt solche Vorwürfe nicht oft zu hören. Man anerkennt, dass wir versuchen, eine solide Bedürfnisanalyse zu machen. Aber natürlich ist es wichtig, dass sich ein humanitärer Akteur wieder rechtzeitig zurückzieht, damit man Eigeninitiative nicht abwürgt; diesen Moment zu erwischen, ist nicht ganz einfach. Wir versuchen immer zu schauen, dass die lokalen Hauptträger eines Projekts dieses irgendwann selbständig weiterführen können.

Zum Beispiel?

Wir hatten ein grosses Orthopädieprogramm in Afghanistan, mit dem wir Prothesen für Kriegsversehrte hergestellt haben, das konnte dort niemand. Wir zogen das Programm hoch mit mehreren Zentren über das ganze Land verteilt; heute werden diese praktisch zu 100 Prozent von früheren Patienten geleitet und betrieben. Wir bieten noch ein bisschen Hilfe im Management an.

Ist es nicht schwierig, jeden Tag und immer wieder mit so viel Leid und Elend konfrontiert zu werden?

Ich bin tatsächlich viel stärker direkt mit Leid konfrontiert. So erlebe ich die Zustände in einem malischen Gefängnis oder in einer mobilen Klinik in Syrien, die ich als Diplomat vorher nie gesehen habe. Und selbstverständlich bewegt und erschüttert mich das. Aber aus der direkten Konfrontation entsteht eine ganz andere Form von Motivation zu helfen. Sie ermuntert eher, als sie frustriert. Und ich bin in der schönen Lage, tatsächlich etwas tun zu können.

Autor: Nathalie Bursać

Fotograf: François Wavre