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06. Februar 2012

«Ich bin wie eine Schildkröte – langsam, aber hartnäckig»

Nils Jent verunfallte als Teenager mit dem Töff. Obwohl seither gelähmt, sprechbehindert und blind, hat er doktoriert und geniesst heute selbstbestimmt sein «zweites Leben». Dem Migros-Magazin zeigt er «meine Welt».

Der Ausgleich
Mein Ausgleich: Musik. Als Teenager habe ich in einer Rockband Bassgitarre und Querflöte gespielt. Heute ist mein Musikgeschmack einiges breiter, bis hin zur Klassik. Für höchsten Hörgenuss ist mir die passende Stereoanlage äusserst wichtig.
Nils Jent
Nils Jent

Name: Nils Jent (49)
Sternzeichen: Fisch
Wohnort: 9000 St. Gallen

Wo leben Sie?

Gleich unterhalb der Universität St. Gallen. An dieser arbeite ich als Co-Leiter des Forschungscenters zum ökonomischen Umgang mit der Verschiedenartigkeit von Menschen sowie der angewandten Forschung am Center für die Integration von Menschen mit Behinderung in Gesellschaft und Wirtschaft.

Wo würden Sie gerne leben?

In einer Welt, in der Verschiedenartigkeit geachtet und achtsam genutzt wird.

Beruf und Lebenslauf?

Ökonom. 1980 verunfallte ich mit dem Motorrad. Als Folge eines überlangen Herzstillstands bin ich seither stark sprech- und körperbehindert sowie blind. 1989 erlangte ich die Maturität, 1995 folgte das Lizenziat an der HSG, 2002 meine Promotion.

Was ich mag:

Ästhetik, eine schlichte klare Formensprache, Ruhe und inneres Gleichgewicht, Kreativität und Innovation, Ehrlichkeit und Transparenz.

Was ich nicht mag:

Verzagtheit und geistige Unbeweglichkeit, Scheuklappen, Opportunismus.

Mein Ziel:

Beruflich verfolge ich die Vision einer Diversity Foundation. Diese soll Lehrstühle und Projekte mitfinanzieren, die den Nutzen stiftenden Umgang mit der Unterschiedlichkeit von Menschen thematisiert. Persönlich wäre es erfüllend, noch Professor zu werden.

Mein bester Entscheid:

Mein zweites Leben als Mensch mit Behinderung mit Neugier, Offenheit und Liebe anzunehmen und mein erstes Leben als Mensch vermeintlich ohne Behinderung ganz loszulassen.

Mein Ausgleich

Musik. Als Teenager habe ich in einer Rockband Bassgitarre und Querflöte gespielt. Heute ist mein Musikgeschmack einiges breiter, bis hin zur Klassik. Für höchsten Hörgenuss ist mir die passende Stereoanlage äusserst wichtig.

Mein Ding
Mein Ding

Mein Ding

Da ich nur meinen rechten Daumen koordiniert bewegen kann, habe ich zum Schreiben diese Spezialtastatur entwickelt. Pro Jahr verschleisse ich rund 20 Tasten. Da ich noch 300 Stück auf Vorrat habe, müsste es knapp bis zu meiner Pensionierung reichen.

Mein Motto
Mein Motto

Mein Motto

‹Geht nicht gibts nicht!› – das steht auch auf dem Stempel, mit dem ich jeweils ‹Dr. Nils Jent.Ein Leben am Limit› signiere, Röbi Kollers Buch über mein Leben.

Mein Kühlschrank

Mein Essen wird mir von der Spitex angeliefert. Da es für mich zu gefährlich wäre, mit heissen Pfannen zu hantieren, ernähre ich mich daheim weitgehend kalt.

Mein Zuhause

Ich habe grosse Mühe mit engen Räumen. Umso wichtiger ist mir meine grosszügig geschnittene und helle Wohnung. Mein Balkon bietet mir zusätzliche Weite, obschon ich den spektakulären Blick auf St. Gallen ja nicht selber erleben kann.

Meine Sammlung
Meine Sammlung

Meine Sammlung

Seit meinem Unfall sammle ich Schildkröten – unterdessen habe ich eine ganze Vitrine voll. Langsam, aber hartnäckig zieht die Schildkröte ihr Ding durch, darin ähneln wir uns stark. Dieses Exemplar hat mir mein Doktorvater und Mentor, Professor Martin Hilb, geschenkt.

Meine Arbeitspartnerin

Mit meiner Co-Leiterin Regula Dietsche verbindet mich eine enge Arbeitspartnerschaft. Regula ist Innovationsmanagerin und Psychologin und meine wichtigste Gesprächspartnerin. Ich schätze ihre klaren Aussagen.

Mein Laster

Seit ich mit Regula das Büro teile, bin ich zum Gummibärli-Junkie mutiert. Da bei uns immer eine Schale voll rumsteht, ist unser Büro zum sozialen Futtertrog des ganzen Forschungscenters mutiert.

Autor: Almut Berger

Fotograf: Jorma Müller