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27. Februar 2012

«Ich bin nicht die selig machende Wollmilchsau»

Das Ende einer Ära: Nach 21 Jahren verlässt Alexander Pereira das Zürcher Opernhaus Richtung Salzburg. Der 64-Jährige über seine Arbeit, Abschiedsgefühle und seine junge Freundin.

Alexander Pereira vor den prunkvollen Treppen im Innern des Opernhauses.
Opernhausdirektor Alexander Pereira verlässt Zürich diesen Sommer.

Alexander Pereira, bis Juni sind Sie beides, Intendant der Salzburger Festspiele und des Zürcher Opernhauses. Schaffen Sie dieses Doppelpensum?

Na ja. Im Opernhaus muss ich nur noch für das Tagesgeschäft da sein. Für die Festspiele kann ich auch vom Telefon in Zürich aus planen. Da muss ich nicht in meinem Büro in Salzburg sitzen. 2012 wird ein verrücktes Jahr mit 600 Veranstaltungen. Aber es ist machbar.

Wird es ein Abschied auf Raten?

Nein, es gibt einen klaren Schnitt. Aber wenn man 21 Jahre irgendwo lebt, steckt ein Teil des Lebens in diesem Ort. Ich hänge an Zürich. Im Moment lässt mir die Doppelbelastung keine Zeit, über Wehmut nachzudenken. Intendanten führen ein kosmopolitisches Leben. Weil die Künstler in aller Welt auftreten, reist man ihnen hinterher. Genauso wie ich jetzt ständig in London, Paris, Wien oder Berlin bin, werde ich in Zukunft immer wieder in Zürich sein — zumal wir hier viele Freunde haben.

Wie unterscheidet sich das Publikum?

Das Opernhaus ist eine Institution, das andere sind Festspiele. Darum ist in Salzburg das Publikum internationaler. Rund 75 Prozent sind Nicht-Österreicher. In Zürich liegt der Anteil ausländischer Besucher unter zehn Prozent.

Die anderen 90 Prozent stammen aus dem Grossraum Zürich?

66 Prozent kommen aus Stadt und Kanton. Der Rest aus der übrigen Schweiz.

In Zürich kosten Tickets bis 270 Franken.

Man darf die Preisstaffelung nicht anhand der höchsten Preise beurteilen. Ich war immer der Meinung, dass Leute, die es sich leisten können, jenen die Plätze mitfinanzieren sollen, die es sich eben nicht leisten können. Entscheidend ist ein anderer Faktor: Die Hälfte der Karten kostet unter 100 Franken. Ein Drittel unter 60 Franken. Das Opernhaus ist mit 1100 Plätzen intim und hat eine hervorragende Akustik, die das Miterleben und Dabeisein auch im zweiten Rang gewährleistet. Nicht wie in der Metropolitan in New York, wo es einen Feldstecher braucht, um die Sänger zu sehen.

Hätten Sie gerne mehr Plätze zur Verfügung?

Die teuersten Plätze wären dann etwas günstiger. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass diese Besucher wissen, dass sie einen Solidaritätsbeitrag leisten — und das auch in Ordnung finden. Als Politik ist das grundsätzlich richtig. Ich hätte auch lieber tiefere Preise. Aber von allen vergleichbaren Häusern bekommen wir in Zürich am wenigsten Subventionen und müssen die höchste Eigenwirtschaftlichkeit erbringen.

Warum das?

Das Haus ruht auf nur einer Million Menschen im Kanton Zürich. Die Bayerische Staatsoper stützt sich auf sechs Millionen Einwohner, Wien auf ganz Österreich. Sogar Stuttgart hat ein wesentlich grösseres Hinterland als Zürich. Es ist eine Leistung, dass eine Million Zürcher ihren Beitrag leisten, um diese Weltklasseinstitution zu erhalten.

2011 zahlte der Kanton zusätzlich zwei Millionen Franken. Unterstützung für Elitäres?

Die Oper ist etwas Raffiniertes, aber sicher nichts Elitäres. 70 Prozent der Besucher sind Angestellte oder Handwerker. Natürlich haben wir auch zehn Prozent von der Goldküste. Aber diese Mischung entspricht der Schweizer Demografie. Zudem: 22 Prozent der Besucher sind unter 25 Jahre alt — also auch nicht mit Reichtümern gesegnet. Als ich anfing, waren es bloss acht Prozent.

Wir haben nicht das Recht, die Mona Lisa auf den Müll zu werfen.

Wie erreichten Sie das?

Durch mehr Programme für Kinder. Wir zeigten zum Beispiel eine verkürzte Version der «Zauberflöte». So brachten wir 180 000 Kindern die Geschichte des Papageno näher. Oder wir schufen ein Mitspieltheater für Kinder. Das Publikum zu verjüngen ist Aufbauarbeit, die früh anfangen und Kontinuität haben sollte. So ist die Chance am grössten, dass einige hängen bleiben. Es ist ungleich schwieriger, einen 37-Jährigen, der noch nie etwas von Oper gehört hat, zu begeistern und zu einem Stammkunden zu machen.

Sie gelten als einzigartig im Sammeln von Sponsorengeldern. Was, wenn Sie weg sind?

Ich bin nicht die allein selig machende Wollmilchsau. Das Problem dieses Theaters wird immer sein, dass es Geld braucht. Ich habe ein System aufgebaut, das pro Jahr an die zehn Millionen Franken bringt. Mehr als sieben Millionen für die erste Spielzeit meines Nachfolgers sind bereits gesichert.

Von diesen zehn Millionen bekommen Sie 5,4 Prozent Provision.

Das bot mir der Verwaltungsrat statt einer Lohnerhöhung an — im Wissen, dass ich überproportional verdienen könnte. Seit 1991 ist mein Grundgehalt jedoch gleich geblieben.

Mal grundsätzlich: Warum braucht Zürich überhaupt ein Opernhaus?

Es gibt Werte, die uns dazu herausfordern, das Bestmögliche aus unserem Leben zu machen. Dazu gehört, unsere Talente nicht zu vergraben, sondern zu fördern. Das führte zu Höchstleistungen in der Geschichte der Menschheit. In der Medizin, der Wissenschaft und natürlich in der Kunst. Die grössten Komponisten schrieben die bedeutendsten Werke im Bereich Oper. Ein Herr Verdi aber würde nicht existieren, wenn man seine Opern nicht aufführte. Ebenso wenig wie ein Herr Wagner. Diese Werke zu erhalten, muss einer Gesellschaft etwas wert sein. Ich gehe auch nicht in den Louvre und schmeisse die Mona Lisa in den Müll, weil mir die Versicherungsprämie zu hoch ist. Wir verwalten ein Kulturerbe. Viele halten Wolfgang Amadeus Mozart für das grösste Genie, das je gelebt hat. Andere meinen, es sei Leonardo Da Vinci. Ich weiss es nicht. Aber ich weiss: Künstler haben Höchstleistungen erbracht, und wir haben die Verpflichtung, deren Werke unseren Kindern zu erhalten. Wir haben nicht das Recht, die Mona Lisa wegzuschmeissen.

Was macht die Faszination der Oper aus?

Es ist die komplexeste aller Kunstformen. Das Theater hat kein Orchester und keinen Chor. Dem Konzert fehlt die szenische Aufführung. Es ist die Kombination von Musik mit Bewegung.

Wenn ich einen Zuschauer nur für eine Minute in der Tiefe seines Herzens erwische, dann habe ich schon alles erreicht.

Muss man intelligent oder zumindest gebildet sein, um Opern zu verstehen?

Keineswegs. Etwas, das komplex ist, ist nicht zwingend schwierig. Um ein komplexes Bauwerk zu mögen, muss man nicht Architekt sein. Ob das Gebäude statisch eine Sensation ist oder nicht, interessiert gar nicht — sofern es begeistert. So ist das auch mit Musik. Leider lassen sich viele davon abhalten, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, von denen sie glauben, sie verstünden nichts. Sie müssen nichts verstehen. Sie können es ganz naiv gut oder schlecht finden.

Oder einfach nur geniessen?

Unsere Aufgabe ist es, den «Don Giovanni» so zum Klingen zu bringen, dass die Kräfte, die Mozart in ihn legte, frei werden. Sie müssen nur dasitzen und zuhören, wie Don Giovanni «Reich mir die Hand, mein Leben» singt. Sie werden es vielleicht nicht schön finden, wenn ich Ihnen zwei klapprige Sänger vorsetze, die sich da einen abnudeln. Aber wenn zwei wunderbare Stimmen einen Zauber verbreiten können, der Sie erfasst, sagen Sie sich vielleicht: Das war jetzt aber etwas Besonderes. Wenn ich einen Zuschauer nur für eine Minute in der Tiefe seines Herzens erwische, dann habe ich schon alles erreicht, was ich möchte.

Sie sind ausgebildeter Sänger. Wie gerne würden Sie selber auf der Bühne stehen?

Das ist eine Wehmut, die mich mein ganzes Leben nicht verlassen hat. Irgendwann musste ich begreifen, dass ich singen lernte, um andere gut beurteilen zu können. Es war immer ein Markenzeichen des Opernhauses, dass bis in die kleinste Rolle gut gesungen wird.

Welches waren die schwierigsten Momente während Ihrer Intendanz?

Die vergisst man möglichst rasch wieder. Das Kamel geht ja doch jeden Abend durchs Nadelöhr. Wirklich schwierig waren nur die finanziellen Überlebenskämpfe.

Können Sie sich auch für andere Musik begeistern, zum Beispiel für Pop?

Ich war als Jugendlicher in der Disco wie jeder andere meiner Generation auch. Aber es ist nicht leicht, fünf Stunden die Meistersinger von Nürnberg zu hören und dann in die Disco zu gehen. Wenn man sich ständig mit Musik zudröhnt, auch mit klassischer, braucht man als Ausgleich Ruhe. Ich höre privat keine CDs. Ich muss meine Ohren auf null zurücksetzen können.

Wie machen Sie das?

Mit Stille. Es gibt Zeiten, da höre ich nichts, ausser das, was ich hören muss. Sonst bin ich nicht mehr frisch, und es macht mir keine Freude mehr. Man stelle sich vor, ich stiege ins Auto und Frau Bartoli rieselte mir etwas vor. Ich komme nach Hause, wo Frau Netrebko singt, gehe zu Bekannten und höre Maria Callas … Das kann nicht funktionieren.

Still wurde auch die Empörung wegen Ihrer Beziehung zur fast 40 Jahre jüngeren Daniela Weisser. Wie haben Sie das gemacht?

Wir sind fast sieben Jahre zusammen. Es ist weiterhin ein Wunder — und solange dieses Wunder anhält, bin ich glücklich.

Sie liessen auch niemandem eine andere Wahl, weil Sie von Anfang an klarmachten, dass Frau Weisser zu Ihnen gehört und Punkt.

Es ist halt so! (Im Gesicht von Alexander Pereira erscheint ein Lächeln, dessen Glückseligkeit zu beschreiben irdische Worte fehlen.)

Sie werden dieses Jahr 65. Gibt es Pläne für einen Rückzug?

Nein. Ich habe das grosse Glück, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte. Daher versiegt meine Energiequelle nie, und ich fange gerade ein neues Abenteuer in Salzburg an. Ich freue mich, es ist ein grossartiges Geschenk.

Autor: Reto Wild, Ruth Brüderlin

Fotograf: Gian-Marco Castelberg