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04. März 2013

«Ich bin mit mir im Reinen»

Martin Zutter hat ALS. Seit drei Jahren begleitet das Migros-Magazin den unheilbar Kranken. Sein Körper lässt ihn immer mehr im Stich und zwingt ihn, Abschied zu nehmen. Zutter tut dies ohne schlechte Gefühle.

Martin Zutter
Martin Zutter geht es körperlich nicht mehr gut, das Atmen fällt ihm immer schwerer. Aber er weiss heute ganz genau, was ihm guttut und was für ihn wichtig ist.

Wenn Martin Zutter (58) das Haus mit seinem Elektrorollstuhl nicht verlassen kann, weil draussen im Berner Oberland Schnee liegt, werden seine Tage lang. Dann sitzt er, Hund Flamme zu seinen Füssen, in der Wohnung und wartet auf seine Frau Ruth (46). Oft versucht er, in der Dämmerung im Rollstuhl ein wenig zu schlafen: «Im Schlaf denkt man nichts. In so einer Situation ist das der beste Selbstschutz.»

Doch auch die Träume sind nicht immer erholsam: «Manchmal träume ich einen Seich», sagt er, «meistens von Stresssituationen im Job, auch wenn das schon sechs Jahre her ist. Aber dann kommt Ruth von der Arbeit nach Hause, weckt mich und zündet ein Kerzlein an.»

Im letzten Jahr sind Martin Zutter und seine Frau noch stärker zusammengewachsen. An vier Tagen pro Woche ist sie rund um die Uhr an seiner Seite, an den Wochenenden betreut sie ihren inzwischen weitgehend unbeweglichen Mann ohne Hilfe der Spitex. Sie hebt ihn mit dem Bettenlift in seinen Stuhl, wäscht, kämmt und kleidet ihn.

Es ist, als tanzten die beiden einen lang eingeübten Tanz: Stuhl verstellen, Trinkbecher reichen, Pullover glattstreichen. Weil er das Besteck nicht mehr auf Mundhöhe führen kann, füttert sie ihn auch. «Wir essen meistens aus einem gemeinsamen Teller, eine Gabel voll für sie, eine für mich», sagt Martin, und Ruth ergänzt trocken: «Das ist praktisch, da muss man hinterher weniger abwaschen.»

Mit Hilfe eines Joysticks und eines speziellen Programms malt Martin Zutter am Bildschirm.
Mit Hilfe eines Joysticks und eines speziellen Programms malt Martin Zutter am Bildschirm.

Das Ehepaar schaffte es im vergangenen Mai sogar, gemeinsam mit Freunden in einem geliehenen Kleinbus samt Rollstuhl und Hund an die Nordsee in die Ferien zu fahren. Dort tankten sie Luft, Kraft und Weite. Kraft zieht Martin Zutter auch aus seinen Bildern. Mit Hilfe von speziellen Programmen und einem Joystick an seinem Rollstuhl malt er am Bildschirm. Die abstrakten, farbenfrohen Werke tragen Titel wie «inneri Urueh», «goudigi Zyte» oder «zwe Elefante». Manchmal verschenkt oder verkauft er Drucke seiner Bilder. «Das ist mir wichtig. Es zeigt mir, dass ich doch noch etwas geben kann.»

Die Bilder zeigen, dass ich doch noch etwas geben kann.

Vor einem Jahr kauften Ruth und Martin Zutter, verheiratet seit 14 Jahren, neue Eheringe als Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit. Als hätten sie geahnt, dass der folgende Lebensabschnitt noch schwieriger würde als jene zuvor. Denn Martin Zutter hatte im Herbst viele Rückschläge zu verkraften: Drei Bekannte mit ALS starben. Seine Dauermagensonde, durch die er mit Flüssigkeit versorgt wird, musste in einer Operation ersetzt werden. Er hatte einen Unfall mit dem Rollstuhl und verletzte dabei den rechten Fuss.

Zutters Werke «Goudigi Zyte» (links) und «Versuech» (rechts). Er selbst sagt, die Bilder seien für ihn «die einzige Möglichkeit, etwas Aktives zu tun».
Zutters Werke «Goudigi Zyte» (links) und «Versuech» (rechts). Er selbst sagt, die Bilder seien für ihn «die einzige Möglichkeit, etwas Aktives zu tun».

Das Atmen wird immer anstrengender, die Beatmungsmaske ist unverzichtbar geworden. Martin Zutter ist erschöpft. Seine strahlend blauen Augen über der Maske, aus denen an guten Tagen der Schalk blitzt, wirken gegen Abend müde. Auch das Sterben seiner 86-jährigen Mutter an Lungenkrebs hat Spuren hinterlassen. «Zu sehen, wie ein Mensch am Ende kämpft und krampft, wie er sich verzweifelt wehrt, weil er nicht loslassen kann, das hat sehr wehgetan», sagt er. Und er sei sich der Parallelen zu seiner Situation sehr bewusst. Auch er wird eines Tages nicht mehr genug Sauerstoff bekommen, um zu leben. Seinen Willen, sich nicht mit Hilfe eines Luftröhrenschnitts beatmen zu lassen, hat er in einer Patientenverfügung bekräftigt.

Aber: «Statt langsam Angst zu bekommen, habe ich noch mehr bereinigt und losgelassen», sagt Martin Zutter, «in vielen Gesprächen mit meinen Liebsten. Ich bin mit mir im Reinen. Ich bin bereit.» — «Aber du möchtest doch noch Sonnenblumen pflanzen», wirft seine Frau ein. «Stimmt, die Sonnenblumen», sagt Martin und lächelt, «ja, ich bin ein Gärtner. Und für den Fall, dass ich den Frühling noch erleben darf, habe ich bereits eine Handvoll Samen parat.»

Die Sonnenblumen aus diesen Samen sollen im nächsten Winter den unzähligen Vögeln zu picken geben, die auf der Terrasse hoch über dem Thunersee auf Futtersuche sind und die er jeweils stundenlang beobachtet — bis es dunkel wird und Ruth nach Hause kommt, um ein Kerzlein anzuzünden.

Martin Zutters Bildergalerie ist zu sehen auf: www.zutti-art.ch

Autor: Karin Aeschlimann

Fotograf: Véronique Hoegger