Archiv
06. Mai 2013

«Ich bin frisch verliebt»

Mit 17 Jahren war Brigitte Kobel alias Kisha die Popprinzessin der Schweiz. Es folgten der Absturz und der Gang aufs Sozialamt. Heute weiss die Sängerin, dass es im Leben mehr gibt als das schnelllebige Showbusiness. Trotz Comeback zieht sie die Liebe der Musik vor.

Brigitte Kobel mit ihrem Hund Amelie
Brigitte Kobel wohnt mit ihrer Hündin Amelie in einem Bauernhaus im freiburgischen Kleinbösingen.

Vom ersten grossen Hit bis zu den heutigen Countryliedern:
Hören Sie sich durch Kishas musikalische Karriere: zum Artikel

Ein sonniger Tag auf dem Land im freiburgischen Kleinbösingen. Eine blonde Frau öffnet die Tür, gefolgt von einem jungen Goldenretriver — die neun Monate alte Hundedame hört auf den Namen Amelie.

Brigitte Kobel (34), seit fast 20 Jahren besser bekannt als Kisha, lebt alleine in einem Bauernhausteil. Sie sei ein totales Landei, erzählt sie auf der Terrasse. Aufgewachsen in Flamatt FR, hat sie sich für ein Leben in einer noch ruhigeren Gegend entschlossen. «Ich könnte niemals in der Stadt leben. Ich brauche das Grün als Ruhepol und Inspiration.»

Im zarten Alter von 17 Jahren wurde das Meitschi vom Land fast über Nacht zur gefeierten Popprinzessin. Ihr Song «Why» war ein Ohrwurm, es folgten Auftritte auf grossen Bühnen und ein Plattenvertrag in Deutschland. «Dort wollte man aus mir eine zweite Britney Spears machen», erinnert sich Kisha. Die Manager sagten ihr, sie solle sich sexy herausputzen mit kurzen Röckchen und Hut, wenn sie vorbeikomme. «Ich erwiderte: ‹Geit s no!› Ich lasse mich nicht verbiegen», erinnert sie sich.

Lieber liess sie eine Karriere in Deutschland sausen und setzte auf den heimischen Markt, der ihr gut gesinnt war. «Ich verdiente viel Geld, konnte mir alles leisten», erinnert sie sich. «Da ich nicht um meinen Erfolg kämpfen musste, dachte ich, es werde immer so weitergehen.» Für ein paar Jahre behielt sie recht — doch dann kam 2005 der Absturz. Buchungen blieben aus, die vierte CD war ein Ladenhüter. Und wenn sie Auftritte hatte, spielte sie vor halb leeren Hallen. «Es gibt nichts Schlimmeres, als auf der Bühne zu stehen und die Ablehnung des Publikums zu spüren», sagt Kisha, die heute lieber Brigitte genannt werden will. «Ich bin Brigä, Kisha denkt und fühlt zwar wie ich, ist aber trotzdem eine andere», sagt sie.

Brigitte Kobel zog sich zurück — und hatte keinen Plan B für ihr Leben. «Ich brannte für die Musik, konnte mir etwas anderes als meine Hauptbeschäftigung nicht vorstellen. Und ich nahm den Misserfolg sehr persönlich.» Eine schwierige Zeit, in der auch viele vermeintliche Freunde plötzlich verschwunden waren, die Familie dafür umso wichtiger wurde. «Meine Eltern und meine grössere Schwester waren immer für mich da.» Zudem habe sie zwei langjährige Freundinnen, auf die sie jederzeit zählen konnte.

Vom Popstar zur Sozialhilfeempfängerin

Heute würde sie sich nicht mehr so schnell in das Abenteuer Musikkarriere stürzen, betont sie. «Es heisst nicht umsonst Showbusiness.» Von Casting-Shows hält sie nicht viel. Sie findet, es gehe dort vielmehr um die Juroren als um die Künstler auf der Bühne. «Nachhaltig Erfolg wird wohl niemand haben.»

Nach dem musikalischen Absturz schlug sich Brigitte Kobel mit verschiedenen Jobs durch, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Unter anderem arbeitete sie in einer Druckerei, lag jeden Abend vom schweren Schleppen mit Muskelkater im Bett. «Im selben Gebäude war eine Lokal-TV-Station eingemietet. Ich sah die Journalisten, die mich noch wenige Zeit vorher interviewt hatten, in der Kantine. Das war mir extrem peinlich.»

Als die körperliche Belastung zu viel wurde, musste die Freiburgerin Hilfe beim Sozialamt suchen. «Natürlich erkannten mich alle sofort. Aber man hat mich jederzeit respektvoll behandelt.» Weniger auf der Strasse, nachdem ihr Gang zum Sozialamt in einem Interview bekannt wurde. «Einige Leute beschimpften mich, das tat weh.» Brigitte Kobel nimmt gedankenverloren einen Schluck Wasser und schaut auf die grüne weite Wiese vor ihrem Haus. Dieses hat sie liebevoll eingerichtet. Die Innendekoration ist eine Mischung aus verspieltem Laura-Ashley- und eher bodenständigerem Landhausstil. «Dekorieren war schon immer mein Hobby. In meiner Freizeit streiche ich auch mal eine Bank neu», erzählt sie.

Eigentlich ein Glück, dass sie nach der Arbeitslosigkeit eine Stelle in einem Geschenklädeli fand. Dort arbeitet sie noch heute Teilzeit. «Ich mag den Umgang mit den Kunden», erzählt sie. Aber ihr altes Leben hat Kisha eingeholt. Sie wagte den Schritt auf die Bühne noch einmal — zusammen mit Reto Burrell und Rickenbacher, zwei Schweizer Künstlern, hat sie die Countryband C.H gegründet, die nach Rickenbachers Weggang zum Duo geschrumpft ist. Die erste CD des Duos ist auf dem Markt, Kisha steht wieder für Konzerte auf der Bühne, wenn auch nur selten. Bis Ende Jahr sind vier öffentliche Konzerte geplant. Vielleicht kommt das Brigitte Knobel aber auch recht. Trotz Comeback hat sie in letzter Zeit das Gefühl, dass Musik nicht mehr ihr Ein und Alles sei. «Ich möchte mich von ihr verabschieden», sagt sie, «mein Traum ist einem anderen gewichen. Ich sehne mich nach einem ruhigen Leben mit einem Mann und Kindern.» Nach fünf Jahren Singleleben ist Kisha frisch verliebt. «Er kam als Kunde ins Geschenklädeli, und wir verliebten uns», sagt sie. Mehr will sie noch nicht verraten. «Die Liebe ist ein zartes Pflänzchen und muss zuerst wachsen.»

Autor: Barbara Ryter

Fotograf: Marco Zanoni