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04. März 2013

Ich bin eine Suchmaschine

Sich einen Weg freischaufeln
Da gilt es oft, sich einen Weg freizuschaufeln.

Neulich sass ich mal wieder im Kinderzimmer und klaubte Spielzeug vom Boden. Es war abends, kurz vor sieben. Während meine Töchter dem Sandmännchen bei der Arbeit zuguckten, bemühte ich mich, wenigstens einen Pfad von der Zimmertür zum Kajütenbett freizuschaufeln und aufzuräumen: Bücher ins Gestell, Kuscheltiere ins Bett, Puppenwagen in die Ecke, Holzstifte in die rote Dose, Scheren in die blaue – wer hat den Filzstiftdeckel gesehen? Ida bog um die Ecke und setzte sich auf ein Kinderzimmerstühlchen. Sie beobachtete mich so, wie es nur Vierjährige tun können. Ich fühlte mich ein bisschen so, als sei ich ein Zootier. Dann stellte sie eine Frage: «Mama, was suchst du eigentlich?»

Sie finden das komisch? Ist es auch. In dem Moment war mir aber nicht nach Lachen zumute. Eher nach Kopf-rhythmisch-auf-den-Boden-Hauen (meinen eigenen, wohlgemerkt!). Tatsache ist, dass meine Kinder null Ahnung von Ordnung haben. Sie verstehen nicht, dass das Parkett schöner ist, wenn man es gelegentlich sieht. Schlimmer noch, sie verstehen mich nicht. In den Augen von Ida und Eva bin ich einfach nur die Frau, die immer etwas sucht.

Unter uns Suchmaschinen: Ich habe eine zwanghafte Persönlichkeitsstruktur. Ich schlafe einfach besser, wenn das Playmobil in der rechten und das Lego in der linken Schublade liegt – und nicht im Ehebett. An den alltäglichen Saustall, der seine Kreise weit über das Kinderzimmer hinaus zieht, habe ich mich nach viereinhalb Jahren als Mama gewöhnt. Wenns sonst rund läuft, stecke ich es locker weg, dass Eva ihre Autos in der Abwaschmaschine parkiert und Ida mit meinen Schuhen Schnitzeljagd spielt. Wenn es bei uns aber hoch zugeht, dann meldet sich mein Sortierimpuls mit aller Macht. Zum Beispiel an den Tagen, an denen der Kinderzirkus bei uns gastiert hat. Wenn Ida, Eva (oder beide gleichzeitig) Besuch haben, dann verwüstet eine Kinderhorde unsere Wohnung, und meine beiden mischen kräftig mit. Innerhalb weniger Sekunden wird die Verkleidungskiste ausgeleert, dann gibt es eine chaotische «Inventur» im Verkäuferli-Laden, und am Schluss wird der Inhalt sämtlicher Spieleschachteln auf einen Haufen geschüttet.
In ihre Kinder verknallte Mütter nennen das wohl «spielen», ich glaube viel eher, dass Drogen im Spiel sind. Keine Ahnung, wie die Kids an das Zeug kommen, aber ich tippe auf LSD.

Es tröstet mich übrigens, dass die Karawane weiterzieht. Wenn bei uns kurz vor Feierabend kein Stein mehr auf dem anderen steht, dann lächle ich still vor mich hin und denke an all die Eltern, die dann morgen ran dürfen. In diesem Sinne: Viele Grüsse von dieser Suchmaschine an all die anderen Suchmaschinen.
PS: Meine Mutter behauptet übrigens, ich hätte als Kind genauso gewütet – äh – gespielt. Sie muss sich irren!

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Bettina Leinenbach