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14. November 2016

Urs Berger ist total überversichert

Der oberste Versicherungschef des Landes kann herzlich lachen über das populärste Versicherungsklischee der Schweiz. Keinen Spass hat Urs Berger an schlechten Beratern, die den Ruf der Branche gefährden. Und Sorgen bereiten ihm Versicherer, die die digitalen Herausforderungen zu wenig ernst nehmen.

Urs Berger
Digitale Herausforderungen: Die Versicherer müssen das Heft in die Hand nehmen, sagt Urs Berger, sonst bricht die Kundschaft weg.

Urs Berger, der Versicherungsbranche geht es offenbar nicht gut: Laut dem Beratungsunternehmen Ernst & Young Schweiz verschwinden bis 2030 rund 45 Prozent der Schweizer Versicherer. Teilen Sie die Einschätzung?

(lacht) Diese Zahl ist völlig übertrieben. Das Institut für Versicherungswirtschaft in St. Gallen spricht von 15 Prozent. Ich schätze sogar, dass es weniger als 15 Prozent sein werden. Selbstverständlich spielt es eine Rolle, wie sich die Versicherungen in Zukunft verhalten. Und ebenso klar ist, dass wir vor grossen Umbrüchen stehen. Wenn wir nicht mit dem veränderten Kundenverhalten Schritt halten, bekommen wir Probleme.

Heute schon überlegen sich Konzerne wie Google, wie sie ins Versicherungsgeschäft einsteigen können.

Was für Umbrüche sind das?

Die Digitalisierung wird vieles verändern und neue Anbieter anlocken. Heute schon überlegen sich Konzerne wie Google, wie sie ins Versicherungsgeschäft einsteigen können. Reisebüros verkaufen Versicherungen auf ihren Portalen, Broker arbeiten mit neuen Beratungsansätzen, Schadenabwickler wollen mit Expertisen dazuverdienen. Hinzu kommen Apps aller Art. Die Krankenversicherer zum Beispiel bieten Kunden Apps an, mit denen sie ihre Schritte zählen. Wer eine gewisse Anzahl Schritte pro Tag erreicht, erhält Rabatte. Und so gibt es auch Apps zu Themen wie Schlaf oder Ernährung.

Welche Versicherungen überleben diese Entwicklung, welche nicht?

Jene, die erkennen, dass man dieser digitalen Welt mit neuen Produkten begegnen muss, werden garantiert überleben. Die Versicherungen müssen aktiv werden.

Wie zum Beispiel?

Wir können digitale Marktplätze kreieren oder kaufen. Die Mobiliar ist zum Beispiel bei Scout24 eingestiegen. So können wir unsere Versicherungsangebote platzieren, sind näher an den Kunden und können sie besser beraten. Die Krankenversicherer wiederum fördern mit den Apps die Kundenbindung. Versicherungen werden nicht überflüssig, sondern stellen sich neuen Herausforderungen wie Cyberattacken, bei denen etwa Kundendaten gestohlen werden. Wir müssen uns überlegen, wie wir uns davor schützen. Dieses Thema steckt in der Schweiz ganz allgemein noch in den Kinderschuhen, ist aber auch eine Marktchance für neue Versicherungen. Nur ist das Potenzial sehr schwierig einzuschätzen, weil uns Erfahrungswerte fehlen.

Urs Berger

«Die Digitalisierung wird vieles verändern und neue Anbieter anlocken.» Urs Berger über die neuen Rivalen der klassischen Versicherer.

Gibt es neben der Digitalisierung weitere Herausforderungen?

Beispielsweise die Tiefzinspolitik. Trotz des tiefen Zinsniveaus müssen wir unseren Verpflichtungen nachkommen, den Mindestzinssatz in der beruflichen Vorsorge erfüllen oder den Umwandlungssatz, den uns die Politik vorgibt. Das dafür notwendige Kapital im Zeitalter von Negativzinsen zu erwirtschaften, ist sehr anspruchsvoll. Und bei den Kunden beobachten wir sorgenvoll den Trend zur «Sharing Economy».

Wieso?

Die Konsumenten teilen sich Autos oder Wohnungen und wollen nur das zahlen, was sie wirklich benutzen. Bis jetzt bieten die Versicherungen jedoch nur Jahresprämien, und sie berechnen sie aufgrund des Schadenverlaufs in der Vergangenheit. Bei der «Sharing Economy» müssen wir nun neue Methoden entwickeln, um die Prämie zu kalkulieren.

Die erste Versicherung, die hier eine Lösung anbietet, hat einen Konkurrenzvorteil.

Unbedingt! Momentan sind Modelle wie Airbnb für die Versicherungen Knacknüsse.

Als Kunde begegnet man in der Versicherungsbranche ja immer wieder schwarzen Schafen, etwa lästigen Vermittlern, die immer wieder anrufen. Erleben Sie das auch?

Kaum, weil ich telefonisch praktisch nur über meine Sekretärin erreichbar bin. Ich erhalte viel eher Mails von unzufriedenen Kunden bei Schadensfällen, Beschwerden über falsche Beratung oder unfreundliche Mitarbeitende. Unsere Branche hat mit einem neuen Gütesiegel zur Stärkung der Kompetenz unserer Kundenberater reagiert: «Cicero» (Certified Insurance Competence, Anm. d. Red.).

Wie funktioniert das?

Jene Verkäufer, die sich nach der Grundausbildung laufend weiterbilden, werden in einem Branchenregister aufgeführt. Rund 5700 Angestellte aus über 200 Firmen sind dort bereits registriert, allerdings gibt es landesweit gut 10 000 Versicherungsvermittler. Unser Verband befindet sich mit «Cicero» also auf gutem Weg. Wir stehen mit den einzelnen Gesellschaften im Gespräch, damit möglichst alle Beraterinnen und Berater bei «Cicero» mitmachen. Je mehr Berater registriert sind, umso höher wird der Druck auf die Übrigen, ebenfalls das Gütesiegel zu erwerben. Das gelingt natürlich nur, wenn auch die Kunden Bescheid wissen und explizit nach «Cicero» fragen.

Wie wollen Sie das erreichen?

Seit Anfang November läuft eine Kampagne, um die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen. Intern informieren die Konzernchefs und Geschäftsleitungsmitglieder ihre Angestellten laufend, um «Cicero» bei ihnen zu verankern.

Wie viele schwarze Schafe gibt es, die Kunden beispielsweise unnötige Versicherungen andrehen?

Uns sind keine Zahlen bekannt. Wir führen jedoch eine Ombudsstelle, um auf die Kunden zugehen zu können, wenn sie mit ihrer Versicherung Probleme haben. In den letzten Jahren sind die Beschwerden eher zurückgegangen, weil die Versicherungen transparenter über die Produkte informieren und auf hohe Qualität bei der Beratung setzen.

Wir gehen davon aus, dass die Schweizer Versicherungen jährlich rund 1,7 Milliarden Franken als Folge von betrügerischen Forderungen zahlen.

Schwarze Schafe gibt es ja auch unter den Konsumenten, die mit fingierten Fällen versuchen, Geld zu machen. Wie viele Detektive setzt Ihr Verband ein, um denen auf die Spur zu kommen?

Der Verband heuert keine Detektive an. Bei den einzelnen Versicherungen gibt es aber Abteilungen, die möglichen Missbrauch untersuchen. Kunden, die jahrelang Prämien einzahlen und nie einen Schaden erlitten haben, können in Versuchung geraten, ein Ereignis zu melden, das es so nicht gegeben hat. Das kommt vor. Wir gehen davon aus, dass die Schweizer Versicherungen jährlich rund 1,7 Milliarden Franken als Folge von betrügerischen Forderungen zahlen. Das sind rund zehn Prozent aller Schadenzahlungen.

Wie gut klappt der Informationsaustausch unter den Versicherungen? Erfahren die Firmen davon, wenn beispielsweise ein Kunde 49 Verkehrsunfälle in zehn Jahren anmeldete?

Nein, jede Gesellschaft ist für ihre Schäden zuständig. Wir dürfen uns aus Datenschutzgründen nicht austauschen.

Schweizerinnen und Schweizer sind ja tendenziell überversichert …

Wir sind alle unterversichert! (lacht) Im Ernst: Der Schweizer ist ein korrekter Mensch und gern auf der sicheren Seite. Wir sind flächendeckend gut versichert. Nur hinken die Vergleiche mit dem Ausland bei den Prämien für Privathaushalte. In der Schweiz zahlen zum Beispiel die Arbeitgeber bei der Unfallversicherung mit. Das wird bei den Vergleichen meist nicht berücksichtigt. Es ist also nicht so, dass die Schweizer Privathaushalte so viel mehr bezahlen als jene in anderen Ländern.

Welches sind die unnötigsten Versicherungen?

Doppelversicherungen. Wenn man eine Reise bucht, schliesst man wieder eine Versicherung ab, weil man vergisst, dass man schon eine hat. Ähnliches kann beim Leasing oder der Miete von Autos passieren. Am meisten lässt sich mit einem hohen Selbstbehalt einsparen, beispielsweise bei den Krankenkassen-Franchisen oder bei Diebstahlversicherungen.

Den grössten Schaden hatten wir 2005 mit den landesweiten Überschwemmungen.

Welche Fälle verursachen bei den Versicherungen am meisten Kosten?

Naturkatastrophen. Und die nehmen wahrscheinlich auch in der Schweiz tendenziell zu. Das hat nicht nur mit dem Klimawandel zu tun, sondern auch mit uns Menschen, weil wir Böden verdichten und Gewässer zubetonieren. Den grössten Schaden hatten wir 2005 mit den landesweiten Überschwemmungen, das kostete deutlich über eine Milliarde Franken. Danach haben wir in die Prävention investiert, wir unterstützen bauliche Massnahmen, und der Bund hat Gefahrenkarten erstellt. Problematisch wird es, wenn beispielsweise ein Hotel in einer gefährdeten Zone steht, denn die Besitzer wollen das Haus deswegen nicht einfach abreissen lassen. Hier helfen Prävention und bauliche Massnahmen.

Mit welchen Gefahren ist in Zukunft zu rechnen?

Cyber Risks – nur wissen wir noch nicht in allen Fällen, wie wir damit umgehen sollen, zum Beispiel bei einem Blackout des Internets. Auch Epidemien könnten hohe Kosten verursachen, durch den Ausfall von Hunderten oder Tausenden von Arbeitnehmern.

Sie sind ja auch Verwaltungsratspräsident der Mobiliar. Diese wirbt seit Jahren mit ihren witzigen Schadenskizzen und ist dadurch sehr bekannt. Sind andere Versicherungen ähnlich stark im Konsumentenbewusstsein verankert?

Als Kind ist mir der Slogan «Hoffentlich Allianz versichert» aufgefallen. Beeindruckt hat mich auch die Tierwerbung der Zurich, nur hat man diese nach ein paar Jahren aufgegeben. Die Mobiliar wirbt nun schon seit 20 Jahren mit den Schadenskizzen, und ein Ende ist nicht in Sicht.

Wie gut sind Sie als Experte denn selbst versichert?

Ich bin ein typischer Schweizer – und ­total überversichert! (lacht) Tatsächlich machte mich meine Tochter, die ebenfalls in der Branche arbeitet, darauf aufmerksam, dass unser Haus doppelt versichert ist, ich hatte das nicht realisiert. Deshalb lasse ich mich zusätzlich von einem Verkäufer beraten. Wichtig ist, jährlich in die Säule 3a einzuzahlen und so selbst etwas für die Vorsorge zu tun. Das kann ich allen nur empfehlen.

Mussten Sie auch schon Versicherungsleistungen in Anspruch nehmen?

Oh ja. Wir hatten einmal einen Tag vor Weihnachten einen Küchenbrand, ein kleines Tupperware war auf einer heissen Herdplatte in Brand geraten. Der Feuerschaden war an sich gering, aber die verbrannte Tupperware setzte giftige Stoffe in unserem Haus frei. Das verursachte einen Schaden von 80 000 Franken und war eine grauenhafte Erfahrung. Selbst unser Christbaum war verseucht. Also gingen wir erstmals auswärts essen, was so kurzfristig gar nicht leicht war. Seither hat das Weihnachtsdinner im Restaurant Tradition.

Selbst ein Versicherungsfall: Ein Tupperware auf der Herdplatte verursachte bei Urs Berger einen Küchenbrand.

Sie spulen mit Ihren diversen Mandaten ein enormes Pensum ab. Wie lange wollen Sie das weiterführen?

Ich entscheide nach und nach, welche Mandate ich noch weiterführen möchte. Nach sechs Jahren an der Spitze des Versicherungsverbands werde ich nun nächsten Juni von Swiss-Life-Präsident Rolf Dörig abgelöst. Damit fällt ein grosses Päckli weg. So lange ich aber das Gefühl habe, ich könne etwas beitragen, führe ich meine anderen Aufgaben weiter. Wichtig ist, frühzeitig zu erkennen, dass man aufhören sollte.

Sie haben ein ungewöhnliches Wohnarrangement: Unter der Woche teilen Sie sich in Bern eine WG mit Ihrem 23-jährigen Sohn. Geht das gut?

Erstaunlich gut! Aber wir lernen uns tatsächlich von ganz neuen Seiten kennen, weil wir uns ja auch im Alleingang um die Hausarbeit und die Einkäufe kümmern müssen. Ich hatte die Wohnung schon länger, und als er den Numerus clausus für das Medizinstudium bestanden und einen Studienplatz in Bern erhalten hatte, fragte er mich, ob er bei mir in die Dreizimmerwohnung einziehen könnte. Bis jetzt haben wir es nicht bereut.

Sie waren Kreisläufer beim Handballverein Pfadi Winterthur. Treiben Sie auch heute noch Sport?

Handball nicht mehr, aber ich mache Krafttraining durch Pilates und spiele Golf, weil ich das mit meiner Frau gemeinsam ausüben kann. Auch Biken ist wunderschön. Mir ist wichtig, dass ich mich bewegen kann.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Michael Sieber